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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Oldenburg, Großenkneten, Seattle


von

Folge 214

Das Leben spült einen an die seltsamsten Orte. Nach Oldenburg zum Beispiel.

Auch hier leben Menschen, und sie tun alles, was Menschen auch sonst so tun: sitzen, Tätowierungen zeigen, „bequeme Sommerkleidung“ tragen, durch den Schlussverkauf tapern.

In der Fußgängerzone hockt ein weißhaariger Mann mit einer Gitarre auf dem Schoß und Rasseln an den Füßen und spielt Flamenco. Eine Gruppe Spanier fotografiert ihn begeistert. Ich setze mich in ein Café und trinke ein lokales Bier.

Aus einem Haus mitten in der Fußgängerzone dringt Rockmusik der eher unaufregenden Sorte. Eine Schülerband mit Grunge-Affinität scheint hier, zwischen Drogeriemärkten und Gesundheitsschuhgeschäften, ihren Proberaum zu haben. Es lässt sich wirklich so gar nichts Gutes über die Musik sagen: Seattle-Rock by numbers. Auch die Kellnerin schaut ganz indigniert.

Ein getrieben wirkender Mann um die 40 in enger schwarzer Lederhose eilt vorbei und spricht eine Frau an:

„Eine Frage: Kannst du Klavier spielen?“

„Äh, nein.“

„Gitarre?“

„Auch nicht.“

„Schade.“

Der Mann geht weiter und versucht nach ein paar Metern bei der nächsten Frau sein Glück. Nicht die aussichtsreichste Masche. Ob er in Verbindung zu den Grunge-Burschen steht, die ihr Wirken durch personelle Erweiterung aufzujuxen trachten?

Ich zahle und ziehe weiter.

Nach einigem Herumstreunen finde ich einen angenehm unaufgeräumten Plattenladen, in den ich mich eine Weile versenke. Auch hier läuft Rockmusik. In dem Geschäft herrscht ein auffällig hohes Aufkommen an Schallplatten mit Ostfriesenwitzen. Überall lehnen die Dinger. Auch Sades Debütalbum und die Saga-Live-Platte „In Transit“ finden sich hier sehr oft. Ich entdecke eine Platte von Warren Zevon und ein Fabrizio-De-Andrè-Album und rücke zufrieden ab.

Auf dem Rückweg komme ich in der Fußgängerzone wieder am Proberaum der Grunge-Wiedergänger vorbei. Oder ist das doch einfach nur ein Album, das da läuft? Ich shazame – und siehe da: Es ist kein Proberaum. Es sind Alice in Chains!

Unweit von Oldenburg, im kleinen Kaff Großenkneten, befindet sich eine der berühmtesten Adressen der deutschen Pop-Geschichte. Warum nicht ein wenig niedersächsisches Pop-Sightseeing betreiben und in der Regenter Str. 10a vorbeischauen, wo vor genau 40 Jahren die drei damaligen Hausbewohner Stephan Remmler, „Kralle“ Krahwinkel und Peter Behrens zwei der besten Alben ausheckten, die hierzulande je veröffentlicht wurden. Ich muss gestehen, dass ich zu jenem Gentlemen’s Club zähle, in dem „Bye Bye“, das zweite Trio-Album, noch als weitaus toller erachtet wird als das genialische Debüt. Auch, was ihren Karriereverlauf anging, bewies Deutschlands beste Pop-Band ein Talent zur Verknappung und Verdichtung: „Bye Bye“ ist nach dem rohen, puren ersten Werk quasi ihr „White Album“.

Es gibt Popsongs („Herz ist Trumpf“, „Anna“), ein weirdes Instrumental mit Holger Czukay und Jaki Liebezeit („W.W.W.“), Novelty-Rock’n’Roll („Drei Mann im Doppelbett“), Schülerband-Rock („Ich lieb den Rock’n’Roll), eine groß orchestrierte Weihnachtsballade („Turaluraluralu“) und zwei der coolsten Herzschmerz-Balladen der Welt („Out in the Streets“ und der Titelsong). Sogar Yoko Ono ist dabei, deren Stück „Wake Up“ hier als staubtrockener Kinder-Reggae mit Männergesangsverein gecovert wird. Zwar wurden die Stücke in ihren Urformen noch in der Regenter Straße ausballdowert; aufgrund der zunehmenden Belagerung durch Fans und Presse in Großenkneten, zog man es jedoch vor, die Stücke in der Schweiz zu proben und später mit Produzent Klaus Voorman im Weilerswister Can-Studio aufzunehmen.

Vor dem Haus, das ganz am Ende der kleinen Straße am Waldrand liegt, überkommt mich ein ähnlicher Schauer wie vor zwei Jahren vor Adriano Celentanos Geburtshaus in der Mailänder Via Gluck. Auf dem Dach des auf der Rückseite gelegenen Garagen-Anbaus wurde 1982 das Video zu „Anna“ gedreht. Dahinter liegt heute ein verwilderter Garten. Vom Grundstück aus gelangt man direkt in den Wald. Lustige Vorstellung, dass dieser Ort eine Saison lang eine regelmäßige Wirkungsstätte von BRAVO-Fotografen war.

Im Oktober 1983 stieg in Großenkneten die Release-Sause zu „Bye Bye“, im Rahmen derer die geladenen Journalisten gegen den TSV Großenkneten antreten mussten, der das Spiel mit einem klaren 5:1 für sich entscheiden konnte.

„Wenn wir Geld hätten, könnten wir in Großenkneten ein Häuschen kaufen“, sage ich abends zu meiner Frau.

„Und dann?“

Da hat sie natürlich auch wieder Recht.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Ist doch nur Krach

Folge 216 Aus familiären Gründen verbrachte ich im Sommer viel Zeit im Oldenburger Münsterland, jener faszinierend platten niedersächsischen Region, die von Landwirtschaft, Backsteinhäusern und Schnapskonsum geprägt ist. Der Schriftsteller Johann Gottfried Hoche notierte um 1800 herum, die Gegend gehöre „nicht nur zu den schlechtesten in Westphalen, sondern in ganz Deutschland. Man glaubt in den Steppen von Sibirien zu seyn, wenn man die Haiden durchwatet ...“ Das ist doch recht harsch geurteilt. Man kann zum Beispiel ganz wunderbar die B 69 rauf und runter fahren, darüber meditieren, ob die Candy Bar oder die Lounge 69, die am Straßenrand liegen, noch bespielt…
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