Eric Pfeils Pop-Tagebuch: The Forgotton Indie Classics Series Teil 1

Folge 175

Da mich aktuelle Musik gerade ungefähr so sehr interessiert wie aktuelle Bad-Armaturen, möchte ich der geneigten Leserin diesmal hemmungslos von ein paar ollen Kamellen vorschwärmen. Es geht in diesem Pop-Tagebuch-Eintrag um vergessene Indie-Lieblingsplatten lang vergangener Tage. Um Alben, die ich lange nicht gehört habe, die aber – mehr noch als manch kanonisiertes Meisterwerk – einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben und der Nachforschung allemal lohnen. Also: Hände in die Luft für…

The Forgotton Indie Classics Series Teil 1

1. Tall Dwarfs – Weeville (1990)

Neuseeland. Unter den zahlreichen Heimstudio-Aktivisten, die in den späten 80ern und frühen 90ern jenes Para-Genre namens Lo-Fi definierten und so den Indie-Rock der 90er entscheidend prägten, zählen die Tall Dwarfs sicher zu den konsequentesten Vertretern. Das Duo, bestehend aus Chris Knox und Alex Bathgate, veröffentlichte standesgemäß auf dem unter Connaisseuren sehr beliebten Indie-Label Flying Nun. „Weeville“ war nach diversen Singles, EPs und Compilations ihr erstes reguläres Album. Anders als viele andere Homerecording-Aktivisten landeten die Tall Dwarfs im Verlauf ihrer Karriere nie in einem richtigen Studio. Aus Haltungsgründen, wie man annehmen darf.

„Weeville“, wie immer auf diversen 4- und 8-Spur-Rekordern aufgenommen, ist ein wildes Psychedelic-Avantgarde-Folk-Amalgam: versponnener als Ween, kaputter als die Cleaners from Venus, krachiger als die frühen Sebadoh. Eine Besonderheit bei den Tall Dwarfs: Statt auf herkömmlich Drum-Sounds zurückzugreifen, exekutiert man die Rhythmus-Arbeiten gerne mithilfe von Haushaltsgeräten (Pfannen, Scheren o.ä.). Es ist eine Menge los in „Weeville“: „Log“ ist ein psychedelisches Novelty-Stück mit Klimperklavier und Rückwärts-Tapes. „Breath“ ist Garagenpop auf kleinstem Raum. Bei „What More“ gewinnt man den Eindruck, ein Barry-White-Parodist trüge ein kaputtgegangenes T.Rex-Stück vor. „Skin of my Teeth“ deutet an, wie Syd Barrett mit Drumcomputer geklungen hätte, und bei „Pirouette“ klingen die beiden Männer aus Dunedin wie eine Comic-Version von Velvet Underground. Auf CD wurde „Weeville“ später mit dem noch etwas besseren Nachfolgealbum „Fork Songs“ gekoppelt.

Kooperation

In den mittleren Neunzigern sah ich einen Solo-Liveauftritt von Chris Knox, der treibenden Kraft hinter den Tall Dwarfs. Er trug Flip Flops und rülpste unentwegt. Seit einem Schlaganfall vor zehn Jahren ist Knox nur noch selten aufgetreten. Um ihm finanziell unter die Arme zu greifen, veröffentlichte man 2009 den Tribute-Sampler „Stroke: The Songs of Chris Knox“, zu dem unter anderem Bill Callahan, Lou Barlow, The Mountain Goats, Lambchop und Jeff Magnum von Neutral Milk Hotel Interpretationen Knox’scher Songs beitrugen.

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2. Rebby Sharp – In One Mouth And Out The Other (1989)

Man könnte dem Eindruck erliegen, der New Yorker Kult-Produzent Mark Kramer habe in den späten 80ern noch den letzten verfutzelten Straßenmusiker in sein Studio gezerrt, um ihm dort sein Avant-Psychedelia-Treatment zuteil werden zu lassen. Erstaunlicherweise kam bei den Begegnungen all der Off-Bühnen-Freaks, Beatnik-Punks und Indie-Folkies mit dem genialischen Sound-Alchemist Kramer immer etwas Interessantes heraus.

Ein ganz besonders seltsames Ding ist das vorliegende einzige Album der Sängerin Rebby Sharp aus Richmond, Virginia. Unterstützt von Avantgarde-Größen wie Fred Frith und Tom Cora spielt Sharp eine Art dekonstruierten Seltsam-Folk, der sich manchmal wie eine feinsinnigere Version dessen anhört, was Kimya Dawson Jahre später treiben sollte. Der Auftaktsong „Some Men“, eingeläutet von Produzent Kramers typischen Spoken-word-Samples, ist eine wehmütige Klage mit postmodernem Dreh: Some men think in terms / Of hoarding great wealth / What a crock of – insert that which disgusts you“.

Das darauffolgende „Up Jumped Chair Legs“ ist purer Dadaismus, und die Umdeutung von „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ zu „Hard Acid Rain“ gehört zum Besten, was je mit einem Dylan-Song veranstaltet wurde. Den Höhepunkt setzt nach einigen Avant-Folk-Preziosen dann aber „Crater Creek“, eine kreuzunheimliche Appalachen-Ballade, erneut mit surrealen Text-Auswüchsen. Das Beste an dieser Platte: Man weiß nie, wo feministischer Anarcho-Gestus aufhört und bekiffter Unsinn anfängt. Leider ist „In One Mouth and Out The Other“ Rebby Sharps einziges Solo-Album geblieben, bis heute ist sie, immer noch in Virginia ansässig, als Dichterin und Malerin aktiv.

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3. Nikki Sudden & Roland S. Howard – Kiss You Kidnapped Charabanc (1987)

Nikki Sudden war wahrscheinlich mein liebster Indie-Held der 80er. Sein beherzter Versuch, trotz technischer Limitierung gleichzeitig Bob Dylan, Gram Parsons, Marc Bolan und Brian Jones sein zu wollen – und damit auch noch durchzukommen – begeisterte mich ungemein. Dass Nikki ein absoluter Traditionalist war, erschloss sich mir erst einmal gar nicht. Mir erschien er damals schlicht wie der coolste Typ, der rumlief, und seine Songs über französische Adelige, rotweinversiffte Brautkleider und reichlich girl trouble klangen für mich in jenen schultergepolsterten Zeiten wie etwas vollkommen Neues. Ich versuchte sogar, Suddens Kleidungsstil zu imitieren, so beeindruckt war ich von ihm. Das Ergebnis dieser Versuche muss als misslungen bezeichnet werden.

1987 kreuzte Nikki Sudden die Klingen mit einem anderen Traditionalisten, dem Australier Rowland S. Howard. Jener hatte bei Nick Caves The Birthday Party maßgeblich den Sound geprägt und unterhielt nun die sehr gute Noise-Blues-Band These Immortal Souls, deren Schlagzeuger Nikki Suddens Bruder Epic Soundtracks war. Anders als auf Suddens anderen Alben und den Tonträgern, die er mit The Jacobites aufnahm, regiert hier bei der Kollaboration mit Rowland S. Howard aber nicht das Prinzip Song. Diese Formlosigkeit der Stücke empfand ich damals als störend, der Sudden’sche Romantizismus kam meines Erachtens viel zu kurz in diesen auf der Stelle tretenden Stücken. Tatsächlich aber macht die weitestgehende Abwesenheit eingängiger Melodien den ganz spezifischen Reiz der Platte aus. Das hier ist Ambient-Country-Blues, so farblos wie ein nächtlicher Schneesturm. Verhallte Akustikgitarren und karge Klaviere treffen auf lindes Feedback, der Bass ist von jener Knorrigkeit, die man von Rowland S. Howards Stammband kennt. Alles wirkt ziemlich improvisiert, fällt aber ganz wunderbar ineinander.

Unfassbar, aber mittlerweile sind sie alle tot: Epic Soundtracks starb bereits 1997, sein Bruder Nikki Sudden neun Jahre später, Rowland S. Howard schließlich 2009. Mit „Kiss You Kidnapped Charabanc“ haben sie die schönste und sprödeste Winterplatte des gesamten Creation-Katalogs gemacht.

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Paul Roland – Danse Macabre (1987)

Diese wunderbare Platte ist möglicherweise etwas schwer vermittelbar, leidet sie doch an einer über weite Strecken misslungenen Produktion. Im Gegensatz etwa zu seinem späteren Meisterwerk „A Cabinet of Curiosities“, auf dem sich Roland nur von einem Streichquartett begleiten ließ, hört sich der Mann aus Bath hier an, als hätte ein Syd Barett-Fan mit ausgeprägtem Fetisch für das viktorianische England versucht, Schweinerock zu machen. Eine eklige Leadgitarre drängelt sich ein ums andere Mal in den Vordergrund, derweil die Keyboards fiese Schlieren ziehen und ein pappiges Schlaugzeug raumlos herumrappelt.

Das klang schon 1987 äußerst ungut und tönt heute nicht besser, aber die hölzerne Produktion verleiht Rolands spinnerten Studien in englischer Exzentrik auch einen eigentümlichen Charme. Thematisch ist der oft mit Robyn Hitchcock verglichene Songwriter auf vertrautem Terrain: Mit der englischsten aller Stimmen berichtet er von Geisterfrauen, Opiumhöhlen, Beerdigungen und Edwardianische Luftfahrzeugen. Wahrscheinlich sind die Songs allesamt bei Gaslampenlicht verfasst worden. Am besten ist Roland, wenn sein Leadgitarrist schweigt, und der Sänger sich ganz in seiner Gewächshaus-Spleenigkeit ergehen kann: „In the Opium Den“ und „The Great Edwardian Air Raid“ sind echte Perlen britischer Landhaus-Psychedelik. Natürlich ist Paul Roland eher ein Archivar von Exzentrizitäten als ein waschechter Spinner, darin natürlich aber schon wieder komplett bekloppt. Heute schreibt er Bücher zum Thema Steampunk und wird in der Schwarzmantel-Szene einigermaßen verehrt.

Das war’s für heute. Diese Platten sollten sie durch die ersten lichten Frühlingstage bringen. Wenn sie sich auftreiben lassen. Demnächst gibt’s Nachschlag.


Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Oden an den Frühling

Folge 174 Am 20. März beginnt in unserer Hemisphäre der Frühling. Die Natur erwacht, und das allumfassende Sprießen macht der winterlichen Trübsal den Garaus. Untrennbar verknüpft mit Neuanfang und dem Wiedererstarken positiver Kräfte, spielt der Frühling freilich auch in der Popmusik eine Rolle. Allerdings ist es weniger das Begehr von Popkünstlern, das Erblühen von Sumpfdotterblumen, Schlehdorn und Wiesenschaumkraut zu besingen – es geht mehr so um libidinöses Aufknospen und dergleichen. Durchlaufen wir daher heute doch einfach mal die Frühlingswiesen der Popmusik. Hinlänglich bekannte Frühlingslieder, die von Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, den Beatles und Felix Mendelssohn-Bartholdy berühmt gemacht wurden, lassen wir dabei…
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