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Die besten deutschen Songs aller Zeiten: Extrabreit – „Polizisten“


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Ja, das ist ein altes Lied über ein aktuelles Thema. Man wundert sich fast, wie stark auch schon im Zeitalter vor U-Bahnhof-Kameras, Prism-Programm und maschinenlesbarem Personalausweis das Gefühl des Überwachtwerdens sein konnte.

Was wie ein verständnisvoller Bericht über das Leben hart arbeitender Streifenbeamter beginnt („Sie rauchen milde Sorte, weil: das Leben ist doch hart genug“), wird immer mehr zum beklemmenden Szenario, je länger dieser geisterhafte, mit Dub-Andeutungen eher untypische Extrabreit-Song sich dreht und wendet: An jeder Ecke steht ein Polizist, und selbst der harmlose Teenager – nach der Tanzstunde mit der neuen „Bravo“ an der Bushaltestelle oder in der Schlange bei McDonald’s – ist exakt im Blick der stummen, Augenringe tragenden Macht. Die nicht schützt, nur protokolliert.

Kai Havaii mit schwarzen Lippen und Bleichgesicht

So kurz nach dem Deutschen Herbst mag ein Lied wie „Polizisten“ wohlfeil geklungen haben. Dass es von einer Band stammte, die weder zur Punk- noch zur Liedermacherszene gehörte, machte das Besondere aus.

Extrabreit wurden damals zwar in den Jugendzeitschriften in die Kategorie „Neue Deutsche Welle“ eingereiht, hatten mit dem Düsseldorfer New-Wave-Impetus aber nun wirklich gar nichts zu tun: ärmellose Hemden, Bahnhofskneipen-Jeans, Schweißbänder, Rocker-Attitüde, obwohl Sänger Kai Havaii mit schwarzen Lippen und Bleichgesicht dem legendären Klaus Nomi nicht unähnlich sah.


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Von vielen wurden sie als Proll-Partycrasher gesehen, die dazu noch das irgendwie nach Nazi riechende „Flieger, grüß mir die Sonne“ von 1932 coverten. Trotzdem gelang ihnen mit dem Superhit „Hurra, hurra, die Schule brennt“, mit Stücken wie „Wir leben im Westen“, „ Kokain“ oder eben „Polizisten“ eine grobe und fantastische Straßenpop-Poesie, die man in einer solchen Abmischung selten gehört hatte und die die Mittelklasse damals gerade auf die obersten Chartsplätze kaufte.



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