Festival deluxe: So war das Way out West in Göteborg


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Göteborg, oh Göteborg! Soundtrack Of Our Lives, Jens Lekman, José González, The Knife, Little Dragon… Die zweitgrößte Stadt Schwedens bringt seit Jahren in beeindruckender Regelmäßigkeit musikalische Hochkaräter hervor. Eine Eigenschaft, die ihr schon früh das Attribut „The Sound of Gothenburg“ einbrachte, womit jeder musikinteressierte Schwede etwas in Verbindung bringen kann. Mehr noch als aus der großen Schwester Stockholm kamen in den letzten Jahren die entscheidenden Impulse schwedischer Musik aus der Stadt, die sich selbst gerne als der coolere Underdog stilisiert.

Entsprechend breit ist die Brust der hiesigen Musikschaffenden und folglich auch der Macher des Way out West-Festivals, das es im gerade mal fünften Jahr seines Bestehens bereits zur hippsten Veranstaltung seiner Art in Skandinavien gebracht hat. Hinter dem frühen Ruhm steckt jedoch kein künstlich aufgeblähter Hype, sondern Substanz: eine über zwei Jahrzehnte aufgebaute Geschmackssicherheit der verantwortlichen Konzertagentur und das damit einhergehende Vertrauen aller Beteiligten in deren Arbeit, die geschmeidige Kooperation mit einer Stadtverwaltung, die zu einem großen Teil aus Musikbegeisterten zu bestehen scheint, eine Location im Herzen der Stadt, die ihresgleichen sucht und ein unverzichtbares Heer von Freiwilligen, ohne das der diesjährige Publikumsrekord mit 32.000 Besuchern nicht möglich wäre. Zu all diesen Faktoren sammelt das Way out West jede Menge Sympathiepunkte durch sein überall sichtbares Bemühen, das Festival so umweltverträglich wie möglich zu gestalten und sein auffallend gutes, detailverliebtes Design, das jedes Jahr komplett neu überarbeitet wird.

Ironischerweise kommen die Veranstalter des Way out West ausgerechnet aus Stockholm. Laut Pressekoordinator Christian Östlund fiel die Entscheidung für Göteborg jedoch leicht, da sich die Stadt mitten im Einzugsbereich der skandinavischen Metropolen Oslo, Kopenhagen und Stockholm befindet. Doch das Zünglein an der Waage war die eingangs erwähnte Musikbegeisterung der Göteborger Autoritäten. Patrick Fredriksson, einer der Hauptverantwortlichen, ergänzt: „Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist hier wesentlich einfacher als in Stockholm. Jedes Mal, wenn wir hier eine Veranstaltung planen, werden wir mit offenen Armen empfangen. Göteborg ist einfach eine Event-freundliche Stadt.“

Bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals bespielen über 100 nationale und internationale Bands und DJs neben dem idyllischen, 140 Hektar großen Slotsskogen-Park unter dem Motto „Stay out West“ auch zahlreiche Clubs, Kulturzentren, das altehrwürdige Stora Teatern, ein Museum und zwei Kirchen. Eine Live-Kunst-Performance sowie eine parallel laufende Reihe mit Musikfilmen runden das musikalische Programm ab, das an sich schon vor Vielseitigkeit strotzt: Schwedische Nationalhelden wie The Hives und Robyn geben sich mit den Indie-Acts Ariel Pink und Yuck, Elektronik-Größen wie James Blake oder Little Dragon und den beiden Weltstars Kanye West und Prince die Klinke in die Hand.

Der große Vorteil eines innerstädtischen Festivals ist natürlich seine leichte Erreichbarkeit: Camping und damit einhergehende Unwägbarkeiten wie sanitäre Totalausfälle finden nicht statt, was dazu führt, dass das ohnehin schon sprichwörtliche Stilbewusstsein der Schweden hier seinen Höhepunkt findet – man kann ja immer wieder eben mal nach Hause, um sich umzuziehen. Da heuer auch noch das Wetter mitspielt, findet beim Way out West ein solches Schaulaufen statt, dass sich der Drummer der Fleet Foxes während ihres Gigs zu der Bemerkung hinreißen lässt: „Das hier ist das attraktivste Festival der Welt!“ Neben Modebewusstsein und Hipstertum fällt vor allem auf, wie textsicher das pan-skandinavische Publikum ist und mit welcher Inbrunst es die Bands abfeiert.

Der verträumte Westcoast-Sound der zotteligen Band aus Seattle passt auch wie die Faust aufs Auge zum Kaiserwetter am frühen Freitagabend. Die Band wird schon vor dem Gig minutenlang herbeigeklatscht, ist bei bester Laune und liefert nach einem kurzen Akustik-Intro ihren berühmten Harmoniegesang wie aus einem Guss. Einer der Höhepunkte eines makellosen Gigs: Robin Pecknolds Solo-Performance von „Blue Spotted Tail“ aus dem aktuellen Album „Helplessness Blues“.

Ähnlich enthusiastisch wie Fleet Foxes wurde am Vorabend auch James Blake in der altehrwürdigen Annedalskyrkan empfangen. Das Publikum in den Kirchenbänken feuert den zurückhaltenden Engländer mit frenetischem Applaus immer wieder an, bis sich dieser gegen Ende des Konzerts selig lächelnd im Takt hin- und herbewegt. Die ultratiefen Bässe des Dubstep-Jungmeisters bringen das Gotteshaus bedenklich zum Vibrieren, aber die Altvorderen wussten offensichtlich, wie man zeitlos baut. Blakes Kommentar zur ungewöhnlichen Location: „Die Leute sagen, ich klinge oft nach Kirche. Passt ja.“ Die Schlangen vor den Pforten sind allerdings dermaßen lang und die Reaktionen derer, die das Konzert verpassen, so verzweifelt – es fließen sogar Tränen -, dass trotz aller sakralen Stimmung eine etwas größere Location die wohl bessere Wahl gewesen wäre, zumal sich Blakes legendär dichter Sound in den oberen Rängen der Kirche etwas verliert. Die L.A.-Ladies von Warpaint hingegen profitieren vom glasklaren Sound des Clubs Trädgår’n, der ihrem Stil irgendwo zwischen Düsterfolk und New Wave sehr gut steht. Sie interagieren aber leider kaum mit dem Publikum, sondern überlassen stattdessen lieber Kunstnebel und Lichtshow die Regie.

Zu den vielen schwedischen Künstlern, die beim diesjährigen Way out West auftreten, gehören The Hives, Jenny Wilson und Robyn. Letztere verausgabt sich wie gewohnt und wird von ihren Landsleuten mit einem Meer von aus Händen geformten Herzen belohnt. Ein Land feiert seine Nationalsängerin. Auch The Hives können sich bei ihrem einzigen heimischen Gig des Jahres nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen, was der von einem monatelang andauernden Steuerskandal gebeutelten Band sichtlich gut tut. In Sachen Performance, Outfit und Stage-Design sind die Herren aus Fagersta in ihrem Genre nach wie vor unübertroffen. Auch einige neue Songs werden performt. Nach dem Auftritt geht es zurück ins Studio, wo das neue Album seinen Feinschliff bekommen wird, das die Band diesmal selbst produziert. Laut Drummer Chris Dangerous geht es soundmäßig wieder zurück zu den Wurzeln der Band: Garagenrock und Punk, diesmal jedoch mit Bläsern, wie Gitarrist Vigilante Carlstroem ergänzt. Wir sind gespannt.

Eine in Deutschland leider viel zu unbekannte Sängerin ist Jenny Wilson, die in Skandinavien und vor allem Norwegen seit Jahren eine stetig wachsende Fangemeinde hat. Nach langer Krankheit performt sie ihr neues Doppelalbum „Blazing“, das sie mit dem Stockholmer Gospelchor Tensta aufgenommen hat, in großer Besetzung live. Zehn Musiker und Sänger unterstützen die charismatische Songwriterin, die in Eleganz und Performance an Annie Lennox erinnert: In einem schwarzweißen Anzug im Stil einer Zirkusdirektorin interpretiert Wilson Songs aus allen drei bisher erschienenen Alben, darunter auch ihren Hit aus dem Jahr 2006, „Let My Shoes Lead Me Forward“, zu dem im Takt geklatscht und jede Zeile mitgesungen wird.

Um 22.15 Uhr ist es dann soweit: Der Mann, auf den alle gewartet haben, schreitet auf die Bühne. Prince geht in aller Ruhe bis zum Ende des Laufstegs inmitten der Fans, hält inne und scheint einen Augenblick lang einfach nur die Atmosphäre in sich aufzunehmen. Zurück auf der Bühne peitscht der Mann aus Minneapolis seine legendäre Band nach einem knappen „One, two, three, four“ durch einen fulminanten Gig, der keine Wünsche offen lässt und dazu führt, dass sich am nächsten Tag die schwedische Presse überschlägt und ihn einhellig zum „König“ erklärt. Prince spielt tatsächlich alle seine Hits, tanzt wie James Brown, flirtet mit dem Publikum, kokettiert, wo er kann und ist von Anfang an voller Selbstironie und Spielfreude. Er feuert Gags wie „Sweden! I love you more than my hair!“ ins Publikum, bevor er sich während einem seiner zahlreichen Gitarrensolos durchs Selbige fährt und verschmitzt lächelt. Rock, Funk, Pop und R’n’B verschmelzen zu einem einzigen, großartigen Medley, das Ausfälle wie seinen pannenreichen Gig in Köln vergessen macht. Mit dem Michael Jackson-Cover „Don’t Stop ‚Til You Get Enough“ gibt es sogar eine Verneigung vor seinem ehemaligen Lieblings-Konkurrenten zu hören.

Doch damit nicht genug: Während der ersten Zugabe lässt Prince bei „If I Was Your Girlfriend“ zahlreiche Fans aus den ersten Reihen auf die Bühne holen und tanzt mit ihnen. Plötzlich schießt Kanye West aus dem Tumult hervor und feuert das Publikum an, aber sein Cameo geht fast unter, so sehr hält Prince alle Anwesenden im Bann. Zur Magie des Moments trägt die sternenklare Nacht über Göteborg bei: Der Mond steht schräg über der Bühne, und als hätte der US-Star sogar die Gestirne im Griff, sind allein während seines Gigs vier Sternschnuppen zu sehen.

Bei der zweiten Zugabe gibt der Meister dem Publikum unter anderem mit „Kiss“ und einer funky Jamsession den Rest. Wie im Rausch ruft er plötzlich aus: „I’ve got too many hits!“ Und wie Recht er hat! Gleich darauf fragt er wiederum schüchtern, ob er zu seinen Fans runterkommen darf – und natürlich darf er.

Nach zweieinhalb Stunden bleiben offene Münder und ungläubige Blicke zurück und die Frage, was da eigentlich gerade auf der Bühne passiert ist. Selbst hartgesottene Zyniker unter den Kollegen zeigen sich  am nächsten Tag restlos begeistert. Prince ist King.

Doch der Freitag ist noch lange nicht vorbei: Voller Eindrücke geht es weiter in das Stora Teatern an der Prachstraße Avenyn, in dem die großartigen Little Dragon ihr vorerst letztes Heimspiel abliefern, bevor sie zu den Release-Partys ihres neuen Albums „Ritual Union“ nach San Francisco, L.A. und New York fliegen. Das sympathische Quartett aus Göteborg, das jahrelang zu Hause vor sich hinfrickelte, bevor es erst zum Geheimtipp, dann zum Kritikerliebling und schließlich zum heißesten Scheiß des Jahres erklärt wurde, wird im Herbst eine Headliner-Tour in USA spielen – eine Gunst, die nur wenigen europäischen Elektronik-Künstlern zuteil wird. Auf der Bühne nutzen Little Dragon im Gegensatz zu vielen anderen Bands ihres Genres keinerlei Playbacks, sondern performen alles live, was ihrem ohnehin schon ungewöhnlich organischen Elektro-Sound zusätzlich Spontaneität verleiht. Sängerin Yukimi steht in ihrer charismatischen Tanzshow vergleichbaren Künstlerinnen wie der frühen Björk in nichts nach. Einziger Wermutstropfen: Der Theatervorraum ist leider viel zu klein für eine Band ihres Status. Schön für die glücklichen Anwesenden, schlimm für die vielen Unglücklichen, die wieder draußen vor der Türe stehen.

Besser geglückt ist die Wahl der Location bei Yuck: Die englischen Indierocker treten in einer Casino-artigen Kellerbar auf. Das sündenpfuhlhafte Ambiente des Etablissements, in dem während des Gigs fröhlich Black Jack gezockt und kräftig dem Alkohol zugesprochen wird, konterkariert die verlegene Nerdiness der blassen Londoner, die jedoch unbeirrt und bei bester Klangqualität ihren poppigen Wall of Sound ins Publikum feuern. Sänger Daniel Blumberg wirkt dabei wie der ganz junge Dylan, nur in noch unsicherer, und auch beim Rest der Band menschelt es gewaltig. Nach ihrem umjubelten Gig möchte man die ganze Combo am liebsten mit nach Hause nehmen und ihnen erstmal was Warmes zu essen hinstellen.

Nach einer langen Nacht geht es am Samstag zurück in den Park, wo Pulp eine gewohnt gute Show abliefern. Jarvis Cocker macht gleich zu Anfang einen gelungenen Verweis zu Prince, als er das Publikum fragt, ob es auch nicht so genau wisse, ob das am Vorabend Geschehene nun real oder nur Vorstellung war, bevor er sich in seinen Ansagen wieder Trivialitäten wie den Geburtsdaten berühmter Menschen und dem Verteilen von Schokoriegeln widmet.

Die Hipsterdichte erreicht anschließend 100%, als der kalifornische Lo Fi/Avantgarde-Popper Ariel Pink auf der Linné-Zeltbühne auftritt. Eigentlich verwundert der große Zuspruch seitens der gut gekleideten Fraktion, sieht Pink selbst doch aus, als hätte man den Spinal Tap-Sänger mit dem jungen Ozzy Osbourne gekreuzt und sich eine Woche nicht die Haare waschen lassen. Der als äußerst schwierig bekannte Sänger, der gerne auch mal frühzeitig die Bühne verlässt, wenn ihm irgendwas nicht passt, beschwert sich zunächst auch lautstark über den herüberwehenden, tatsächlich viel zu lauten Bass des niederländischen DJs Tiësto („Jemand soll den Kerl von der Bühne holen!“), das wohlwollende Publikum holt ihn aber behutsam ab und klatscht ihn rhythmisch zur Bestleistung, bis sich selbst der muffige Kalifornier eines Lächelns nicht länger erwehren kann und seinen Ruhmesmoment sichtlich genießt. Sogar einige ungelenke Rockstar-Posen kann er sich abringen, bevor er wieder ganz bei sich ist und in eine Art Urschreitherapie verfällt. Höhepunkt seines ansonsten überaus catchy Sets ist der Post-Surfsong „Bright Lit Blue Skies“ vom letzten Album „Before Today“.

Danach strömt das gesamte Festivalpublikum von allen Seiten erwartungsfroh hinüber zur Flamingo-Bühne, wo Kanye West auftritt. Im Licht des Prince-Konzerts vom Vorabend erscheint sein Gig jedoch an vielen Stellen wie ein aufgeblasenes Las Vegas-Spektakel. Nicht, dass sich West keine Mühe geben würde: Pausenlos rennt und taumelt er theatralisch von links nach rechts über die Bühne, und das Publikum liegt ihm nicht minder zu Füßen als seinem Landsmann – doch das, wozu Kanye West einen Vocoder, zwanzig Balletttänzerinnen, eine hochfahrbare Bühne und Pyro-Effekte benötigt, hat Prince am Vorabend vor allem mit seiner Stimme, seinem Gitarren- und Tanztalent und seiner Präsenz erreicht. Höhepunkte sind für mich daher gerade die Stücke, in denen West allein auf der Bühne und fast nackt erscheint: „Heartless“, das er voller Pathos auf Knien vorträgt, und eine großartig herzergreifende Version von „Runaway“.

Spät in der Nacht auf den Sonntag beweisen im kleinen Club Brew House zwei Hardcore-Punkbands, namentlich die Kanadier Fucked Up und die Kalifornier von Off! um Ex-Black Flag- und Circle Jerks-Sänger Keith Morris, dass es auch ganz ohne Glamour geht: Verzerrte Gitarren, eine korrekte Attitüde und ein musikalischer Schlag vor die Fresse, der sich gewaschen hat, bescheren Fucked Up-Sänger Damien Abraham trotz extremer Schweißbildung ein Bad in der begeisterten Menge. Und ganz zum Schluss bestreitet im Trädgår’n ein weiterer Purist das Finale eines großartigen Festivals: US-Soulman Aloe Blacc bittet zum Tanz, und der ganze Saal folgt seinem Aufruf. Schon vor seinem Gig war die Stimmung unter den tanzfreudigen Schweden auf einem Level, das man hierzulande nur in Diskotheken auf dem Siedepunkt kennt.

Mit seiner fünften Ausgabe hat sich das Way out West-Festival in Göteborg endgültig als eines der wichtigsten internationalen Musikfestivals etabliert. Man fragt sich, wie das Billing im nächsten Jahr noch getoppt werden soll und wünscht den Veranstaltern weiterhin ein solch glückliches Händchen bei der Auswahl der Künstler. Was das Wetter betrifft, entgingen sie nur knapp einer Katastrophe, wie wir am eigenen Leib erfahren müssen: Am Tag nach dem Festival kommt in Göteborg die größte Niederschlagsmenge aller Zeiten herunter und sorgt für überschwemmte Straßen, ausgefallene Telefonnetze und Verkehrsmittel. Vielleicht hatte Prince beim guten Wetter während der Festivaltage ja tatsächlich seine Finger im Spiel.