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Frank Sinatra: Der Tod von „The Voice“


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„Es gibt zwei Formen des Ruhms, die von Menschen bewundert werden: das frühe Verglühen – und das Überleben.“ So schrieb es ROLLING-STONE-Redakteur Arne Willander im Rückblick auf Frank Sinatra. Sinatra zählte zu den Überlebenden. Nicht nur zum Ende der 1940er Jahre, als Eddie Fisher ihn als den großen amerikanischen Star ablöste. In den darauffolgenden fast fünf Jahrzehnten musste er sich immer wieder beweisen. Zeigen, dass er kein Mann von gestern war, so wie es ihm 1950 viele nachsagten. Es gelang ihm. Oder erinnert sich heute noch jemand an Eddie Fisher?

Francis Albert Sinatra wurde am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey, geboren. Als einziges Kind sizilianischer Einwanderer beschloss er im Teenageralter, Sänger zu werden. Er hatte Bing Crosby gesehen und war ihm verfallen. Er war sein Idol, sein Fixpunkt. Frank Sinatra wurde Mitglied des Gesangsvereins an seiner High School und begann, in lokalen Nachtclubs zu singen. Es gab ein paar Dollar am Abend, dazu einige im Showbusiness gut vernetzte Ohren. Das Radio machte schließlich den Bandleader Harry James auf ihn aufmerksam, mit dem Sinatra seine ersten Aufnahmen einsang, darunter „All or Nothing at All“. 1940 lud der erfolgreiche Orchesterleiter Tommy Dorsey Sinatra ein, seiner Band beizutreten. Ihre Liaison hielt zwei erfolgreiche Jahre, in denen Sinatra seinen endgültigen Durchbruch feierte. Als sich die beiden trennten, hing der Dunst der New Yorker Mafia über dem aufgelösten Vertrag.

Sinatra mit seinem Idol Bing Crosby, 1956.

Die Solo-Karriere von Frank Sinatra

Zwischen 1943 und 1946 boomte der Sinatra-Kult. Heerscharen von Teenagern, vor allem weibliche, vergötterten den jungen Mann mit den blauen Augen und der verträumten Bariton-Stimme. Man nannte ihn „The Voice“, auch „Sultan of Swoon“ und „Ol‘ Blue Eyes“. „Es waren die Kriegsjahre, und es herrschte eine große Einsamkeit“, erinnerte sich Sinatra, der wegen eines verletzten Trommelfells dem Sterben in Europa und im Pazifik entging. „Das war alles.“ Frank Sinatra wurde zur ersten Projektionsfläche einer Massenhysterie der Popgeschichte.

Frank Sinatra, 1945.

Neben der Musik setzte Sinatra 1943 zum ersten Mal einen Fuß ins Filmgeschäft, als er Rollen in „Reveille With Beverley“ und „Higher and Higher“ übernahm. 1945 gewann er einen Oscar für „The House I Live In“, einen zehnminütigen Kurzfilm, der für Toleranz an der Heimatfront warb. Mit Kriegsende begann seine Popularität jedoch zu schwinden, und mit ihr die Platten- und Filmverträge. Eddie Fisher stand auf der Matte, Sinatras erste Ehe ging zu Bruch.

Die Auferstehung

1953 feierte Frank Sinatra ein triumphales Comeback, das allerdings nicht durch seine Musik angetrieben wurde. Als Nebendarsteller erhielt er einen Oscar für seine Interpretation des italienisch-amerikanischen Soldaten Maggio im Klassiker „From Here to Eternity“. Sozusagen über Umwege gewann er so die Gunst der Musikindustrie zurück, die in Form von Capitol Records der neue Heimathafen eines Sängers wurde, der zunehmend den Jazz für sich entdeckte.

Frank Sinatra

Frank Sinatra war also keinesfalls ein Mann von gestern, ganz im Gegenteil. Die kommenden Jahre sollten zu den erfolgreichsten seiner Karriere gehören. Sowohl im Musik- als auch im Filmbusiness. Er erhielt eine weitere Oscar-Nominierung für seine Arbeit in „The Man With the Golden Arm“ (1954), erntete außerdem Kritikerlob für seine Leistung in „The Manchurian Candidate“ (1962) und weiteren Filmen. Als sei es ein Kinderspiel, dominierte er gleichzeitig die Charts.

Was also augenscheinlich zu Glück verhelfen sollte, entpuppte sich im Privaten weniger harmonisch. Die Trennung von Ava Gardner beendete das, was man als Definition für Hassliebe nachschlagen könnte. Arne Willander schrieb über diese Zeit: „Im Februar 1955 nahm er die Songs für „In The Wee Small Hours“ auf, das erste moderne Album. Sinatra fand sein Thema: den männlichen Schmerz. Er machte begreiflich, was die Deutung eines Liedes, ja, was Singen eigentlich ist. Er entdeckte das dunkle Land der Seele für den Song.“

Frank Sinatra und Ava Gardner.

Abschied von Capitol Records

Mit Reprise schuf Frank Sinatra 1960 seine eigene Plattenfirma, nachdem sich die Wege mit Capitol Records getrennt hatten. Fortan diktierte er für alle Produktionen die Bedingungen und zementierte seinen Status als Superstar. Warner kaufte Reprise wenig später, zudem gründeten die Geschäftspartner die Filmproduktionsfirma Artanis. Zur Mitte der 60er gab es niemand größeren als „Frankie Boy“.

Neben zahlreichen Grammys, darunter der für sein Lebenswerk, definierte er als Gründungsmitglied des Rat Packs in Las Vegas den Prototypen des Showmasters. Neben Sammy Davis Jr., Dean Martin, Peter Lawford und Joey Bishop wurde Sinatra zum Inbegriff des trinkfesten, frauenliebenden und spielsüchtigen Draufgängers – ein Image, das durch die populäre Presse und Sinatras eigene Alben ständig verstärkt wurde. Zumindest der Alkohol spielte in Sinatras echtem Leben eine hervorgehobene Rolle. Selbst die Jugend der damaligen Zeit zollte Sinatra Tribut. „Niemand kann ihm das Wasser reichen“, ließ Jim Morrison ehrfürchtig wissen. Gegen Ende des Jahrzehnts fügte Sinatra seinem Repertoire einen weiteren Hit hinzu. „My Way“, von Paul Anka mit einem englischen Text versehen, bediente sich an einem französischen Chanson und wurde zu Frank Sinatras Erkennungsmelodie.

Der Rückzug

Nach einem kurzen Rückzug in den frühen 1970er Jahren wollte es Sinatra mit dem Album „Ol‘ Blue Eyes Is Back“ (1973) dann doch noch einmal wissen. Abseits des Entertainment zog es ihn außerdem in die Nähe der Politik, was in den USA ohnehin nicht ganz trennscharf ist. Nachdem er 1944 zum ersten Mal das Weiße Haus besucht hatte, um Franklin D. Roosevelt bei seiner Bewerbung um eine vierte Amtszeit zu unterstützen, arbeitete Sinatra 1960 eifrig für die Wahl John F. Kennedys. Später betreute er sogar JFKs Antrittsgala in Washington.

Frank Sinatra und John F. Kennedy, 1961.

Die Beziehung zwischen den beiden verschlechterte sich jedoch, nachdem der Präsident einen Wochenendbesuch in Sinatras Haus wegen der Verbindungen des Sängers zum Chicagoer Mafiaboss Sam Giancana abgesagt hatte. In den 1970er Jahren gab Sinatra seine langjährige Loyalität zu den Demokraten auf und schloss sich der Republikanischen Partei an. Er unterstützte zunächst Richard Nixon, dann seinen engen Freund Ronald Reagan, der Sinatra 1985 die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der Nation, überreichte.

Immer wieder hörte man von Sinatras Verbindungen zur Mafia, die in den Augen vieler Kritiker ein wesentlicher Baustein in der Karriere des Weltstars hatte. Seiner anhaltenden Popularität tat dies indes keinen Abbruch. Im Jahr 1993, im Alter von 77 Jahren, gewann er mit der Veröffentlichung von „Duets“ dagegen viele neue Fans. Es war eine Sammlung von 13 Sinatra-Standards, die er mit Künstlern wie Barbra Streisand, Bono, Tony Bennett und Aretha Franklin neu aufgenommen hatte.

Frank Sinatra auf der Bühne.

Frank Sinatra stirbt

Im November 1995 trat Frank Sinatra das letzte Mal in seinem Leben vor Publikum auf. Fast genau ein Jahr später wurde er mit einer leichten Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert, wo er im Januar 1997 einen ersten Herzinfarkt erlitt. Zwar wurde er wenig später nach Hause verlegt, doch das Bett verließ er nur noch selten. Die Ehre des amerikanischen Kongresses, der ihm seine goldene Ehrenmedaille verlieh, verfolgte er vor dem heimischen Fernseher. Abermals ereilte Frank Sinatra am 14. Mai ein Herzinfarkt, an dessen Folgen er noch am selben Abend im Cedars-Sinai Medical Center verstarb. Als die Nachricht publik wurde, schaltete man in Las Vegas für drei Minuten die Lichter aus. Das Empire State Building in New York erleuchtete zu Ehren der Ol‘ Blue Eyes in Blau. Frank Sinatra hatte sich seinem letzten Vorhang gestellt.

 

 

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