Wohin gehen die Grateful Dead? 7 Szenarien nach Bob Weir

Was passiert mit den Grateful Dead nach Bob Weirs Tod? Sechs realistische Szenarien zur Zukunft von Dead & Company und der Szene.

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Was hält die Zukunft für die Grateful Dead nach dem Tod von Bob Weir bereit?

Bereits 2016 hatte Bob Weir ein plötzliches außerkörperliches Erlebnis, als John Mayer, Oteil Burbridge und der Rest von Dead & Company sich darauf vorbereiteten, eines Abends ein Set zu spielen. „Plötzlich war ich 20 Fuß hinter meinem eigenen Kopf und sah mir das Ganze an und war irgendwie zufrieden damit, wie sich der Song entwickelte“, erzählte Weir dem ROLLING-STONE-Autor David Fricke.

„Dann schaute ich mich um, und es waren 20 Jahre vergangen. Johns Haare waren grau geworden. Oteils waren weiß. Ich blickte zu den Schlagzeugern zurück, und es waren ein paar neue Typen. Ich schaute wieder auf mich selbst, auf den Hinterkopf – und es war ein neuer Typ. Das veränderte meine gesamte Wahrnehmung dessen, was wir hier eigentlich tun.“

Ein visionärer Blick in eine Zukunft ohne die Gründer

Mit anderen Worten: Weir stellte sich vor, dass Dead & Company auch dann weitermachen würden, wenn Mickey Hart, Bill Kreutzmann und er selbst nicht mehr Teil der Band wären. Damals war das noch eine theoretische Zukunft. Doch Kreutzmann zog sich 2023 zurück, Weirs Tod wurde an diesem Wochenende bekannt gegeben, und die Zukunft von Dead & Company – ebenso wie das gesamte Universum der Dead-nahen Bands – steht nun an einem entscheidenden Wendepunkt.

Die einzige wirkliche Parallele liegt im Jahr 1995, als Jerry Garcia starb, die Grateful Dead als Tourband endgültig zerfielen und sich die Szene aufspaltete. Damals waren die „Core Four“ – Phil Lesh, Bob Weir, Mickey Hart und Bill Kreutzmann – noch da, um das Erbe weiterzutragen. Heute ist Hart das einzige aktive Mitglied dieses Kerns. Niemand weiß genau, wohin die Reise geht, doch sechs plausible Szenarien lassen sich skizzieren.

Szenario 1: Dead & Company machen mit John Mayer weiter

Als Kreutzmann zur Seite trat, holten Dead & Company mit Jay Lane, dem Drummer von Weirs RatDog, einen Ersatz und machten weitgehend unbeirrt weiter. Weir zu ersetzen, wird ungleich schwieriger. Er sang die Hälfte der Songs und war die zentrale musikalische wie spirituelle Verbindung zur Vergangenheit der Grateful Dead. Mindestens ein weiterer Gitarrist wäre nötig, um diese Lücke zu füllen.

Dennoch ist John Mayer – gegen alle Erwartungen – von der Dead-Fangemeinde vollständig akzeptiert worden. Er ist der wahrscheinlichste Kandidat, um das Erbe weiterzutragen. Kein anderer Jerry-Garcia-Ersatz war je so populär. Sollte Mayer bereit sein weiterzumachen und die richtige Besetzung zu finden, könnten Dead & Company weiterhin eine gewaltige Live-Kraft bleiben. Es wäre nie dasselbe, einige alte Deadheads würden fernbleiben, doch die Band könnte jederzeit Orte wie die Sphere in Las Vegas füllen. Die Präsenz von Mickey Hart würde ihnen zudem mehr Authentizität verleihen als anderen Formationen im erweiterten Dead-Kosmos. Und ja. Dead & Company spielten 2023 offiziell eine Abschiedstour. Wann hat so etwas je eine Band aufgehalten?

Szenario 2: Mayer geht, die Übrigen schließen sich neu zusammen

Die Existenz von Dead & Company hängt davon ab, ob John Mayer ohne Weir weitermachen will. Entscheidet er sich für seine Solokarriere, ist unklar, ob die übrigen Mitglieder den Namen überhaupt weiter nutzen dürften. Eine Möglichkeit wäre, Musiker wie Warren Haynes oder den früheren Furthur- und Dark-Star-Orchestra-Sänger John Kadlecik einzubinden, den Bandnamen zu ändern und abzuwarten, wie das Publikum reagiert.

Über die Jahre tourten verschiedene Konstellationen ehemaliger Mitglieder als The Other Ones, The Dead, Furthur oder Dead & Company. Warum also nicht noch ein Name? Ohne Mayer wären Stadion- oder Arena-Touren wohl ausgeschlossen, doch in der Jam-Band-Szene bliebe es ein großer Anziehungspunkt.

Mayer selbst konzentriert sich derzeit klar auf seine Solokarriere. „Es ist, als würde man bei einem 18-Tonner auf die Bremse treten, um 2026 genug Freiraum für ein Album zu haben“, sagte er kürzlich dem Rolling Stone. „Ich habe das getan. Die Arbeit hier in meinem Studio und die letzten drei Monate dienen dazu, alle Verpflichtungen zu erfüllen, die ich bereits eingegangen bin, und alles andere abzusagen, um ein Jahr freizuhalten, in dem meine einzige Rolle die eines Künstlers ist.“

Szenario 3: Mayer steigt aus, die Gruppe zerfällt

Oteil Burbridge, Jeff Chimenti und Jay Lane nehmen im Kosmos des Classic Rock eine einzigartige Stellung ein. Sie waren keine Mitglieder der Originalband, werden von den Fans aber so behandelt. Vergleichbare Situationen gibt es kaum. Sollte Mayer endgültig aussteigen, könnten sie eigene Projekte gründen – mit Namen wie Oteil and Friends oder Jeff Chimenti’s Dead Experience. Sie haben sich ihren Status erarbeitet, und die Fans würden ihnen folgen.

Szenario 4: Die Fackel geht an Mickey Hart

Harts frühere Soloprojekte hatten es schwer, da sie stets mit prominenteren Acts wie Phil Lesh and Friends, RatDog oder Furthur konkurrierten. Nun ist er plötzlich das einzige aktive Originalmitglied der Grateful Dead. Das könnte seine Chance sein, eine Formation wie Mickey Hart & Company zu gründen. Mit den richtigen Musikern hätte diese Band beste Erfolgsaussichten – allein wegen der authentischen Verbindung zur Grateful Dead-Geschichte. Zudem würde das heilige Ritual „Drums/Space“ weiterleben.

Szenario 5: Joe Russo’s Almost Dead wachsen weiter

In den vergangenen 13 Jahren haben Joe Russo’s Almost Dead ein enormes Publikum aufgebaut. Für viele Deadheads kommen sie einer echten Dead-Show am nächsten, manche bevorzugten sie sogar gegenüber Dead & Company. Sollte Dead & Company Geschichte sein, könnte JRAD zur dominierenden Kraft werden. Arenen oder die Sphere werden sie wohl nie bespielen, doch mit Musikern wie Sänger und Gitarrist Tom Hamilton ist ihre Zukunft stark aufgestellt.

Nach Weirs Tod veröffentlichte Russo eine bewegende Würdigung. „Mir wurde schnell klar, dass er ein absolutes Genie und Meister seines Fachs war“, schrieb er. „Es war, als würde man jemandem zuhören, der eine völlig neue Sprache mit vollkommener Schönheit und Selbstverständlichkeit spricht.“

Szenario 6: Die Dead-Szene zerfällt vollständig

Am wahrscheinlichsten ist vielleicht, dass keine einzelne Gruppe die Rolle von Dead & Company einnimmt – oder ihr auch nur nahekommt. Bob Weir war eine einzigartige, unersetzliche Kraft.

Nach Garcias Tod 1995 wuchs die Fangemeinde von Phish enorm, da viele junge Fans dorthin abwanderten. Möglich, dass Phish noch mehr Deadheads anziehen, während Bands wie Goose, Lettuce oder Pigeons Playing Ping Pong weiter wachsen.

Neue Deadheads entstehen jeden Tag, und sie verlangen nach einem kollektiven Live-Erlebnis. Man kann nicht allein tanzen und jammen – es ist eine gemeinschaftliche Erfahrung. Deshalb werden Burbridge, Chimenti, Russo, Lane, Kadlecik und viele andere diese Musik weitertragen. Und wenn sie eines Tages aufhören, werden es jene tun, die mit ihnen gespielt haben. Die Grateful Dead haben 1965 die Gesetze der Physik gebrochen und eine musikalische Perpetuum-mobile-Maschine erschaffen. Sie wird für immer weiterlaufen.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil