Report: Hausbesuch bei Heikedine Körting – Königin der Kassettenkinder
Ein Hausbesuch bei Heikedine Körting, der Regisseurin und Leiterin des Hörspielimperiums Europa, die mehr Tonträger verkauft hat als der King of Rock’n’Roll
Die Begrüßung erfolgt bereits vor der Villa im Hamburger Rotherbaum-Viertel. Eine stumme Begrüßung. In der weitläufigen Kieseinfahrt parkt ein Mercedes. Auf dem Heck prangt ein Aufkleber der „???“-Hörspiele – den hätte man eher auf einem BMX-Rad als einem Luxusauto vermutet. Und dann erst das Nummernschild! „OH-O“. Oho, wie: Hinter diesen Mauern erwartet Sie was.
Heikedine Körting, 80, ist die Besitzerin dieses Funmobils und kommt zur Haustür geeilt. Sie trägt eine Jeans mit Schlag, ein Jeanshemd und Sneaker, die blonden Haare sind zurückgekämmt. „Gehen Sie schon mal nach oben ins Aufnahmestudio“, sagt sie, außer Atem. „Ich habe unten noch etwas zu tun“. Sehr sportlich für eine Frau, die als „Märchentante Deutschlands“ gilt, als die „Hörspielkönigin“, denn das ist sie: Seit 1973, als Körting die alleinige Verantwortung für die Hörspielproduktionen der „Europa“-Firma übernahm, hat sie bei mehr als 3.000 Episoden verschiedener Reihen Regie geführt. In diesem Jahr feiert Europa, Heimat der „Drei ???“, „TKKG“ und „Teufelskicker“, sein 60. Jubiläum.
Es gibt weltweit niemanden mit vergleichbarer Leistung, und, nicht unwichtig, keine Frau in vergleichbarer Position. Europa hat mehr als 500 Millionen Hörspiele verkauft. Je nach Schätzung sind das etwas weniger Tonträger als die Beatles, aber so viel wie Elvis Presley, und mehr als Abba – allein mit Hörspielen für Kinder wie Erwachsene, anfangs vertrieben über Kassetten und LPs, später CDs. Dabei ist Körting keine gelernte Regisseurin. Sie promovierte in Jura und hat als Rechtsanwältin gearbeitet, bevor sie die Leitung von Europa übernahm, jenem von ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann Andreas E. Beurmann gegründeten Unternehmen.
Der Weg ins Obergeschoss
Nun schickt Dr. Körting uns ins Obergeschoss. Hoch über eine knarzende Wendeltreppe, drei Etagen, auf den Stufen Utensilien aus fünf Jahrzehnten Hörspielabenteurern, eine Steinway-Büste, ein Grammophon, und überall Nachbauten des von Aiga Raschs für „Die drei ???“ entworfenen, legendären „seltsamen Weckers“, der wie ein Gigerscher Zwitter aus Mensch-Maschine und Kubrick’schem „Clockwork Orange“ aussieht. Man fühlt sich hier wie in einer Zauberwelt aus Manderlay, Overlook Hotel und Villa Kunterbunt.

Und man muss schwindelfrei sein, um es nach ganz oben zu schaffen. Im Studio: die Maschinen mit Magnetbändern, Mikrofonen, an die Wände gehängten Tonspuren und allerlei Krams, mit dem sich Geräusche machen lassen. Wie die eines Schlossgespensts. „Die Eisenkette hier, mit der kündigen wir seit mehr als 50 Jahren Hui Buh an“, sagt Körting, und zeigt auf ein rostiges Bündel Metall. Sie ist jetzt oben angekommen. Im Aufnahmeraum schiebt sie Gegenstände beiseite, ab in eine Kiste mit Schlüsseln, Rasseln und Klingeln, etikettiert mit dem Schild „Krach machen“. „Hier, das Einsatzwagentelefon der drei Detektive – der Dietrich von Peter Shaw ist auch noch nicht weggeräumt.“
Es gibt Menschen, denen sagt Hui Buh nichts, Peter Shaw auch nicht. Und es gibt Menschen, denen bedeuten sie die Welt. „Kassettenkinder!“, ruft Körting. Sie erkennt sie, wenn sie mit ihnen spricht, an der Aufregung, die „Hörspielkönigin“ zu treffen. Erwachsene, manche von ihnen älter als 50 Jahre. Sowas bieten nur Hörspiele, keine Filme, keine Bücher: Ein Medium, zu dem man tröstlich einschlafen kann, es vielleicht nicht mal „bis zum Ende von Seite A“ schafft. Und das bis ins hohe Alter. Regression in die Kindheit, in einer immer komplizierter werdenden Welt.
Über Nostalgie und Hörspielpsychologie
„Wenn es uns schlechtgeht“, sagt Körting, „denken wir an schöne Kindheitserlebnisse. Bei mir war das der Löffel Honig. Den gab meine Mami mir, wenn ich krank war. Hörspiele bieten eine Flucht zurück: Wo habe ich mich wohlgefühlt? Wo habe ich dabei gemalt, und in welcher Ecke gesessen?“ Körting kann uns aber nicht nur in den Schlaf wiegen, sie kann einen auch wecken: Der schaurige, oft imitierte, immer schriller werdende Schrei des „Seltsamen Weckers“ (den man kaufen kann) stammt von ihr, so wie viele andere „Europa“-Stimmen.
Heikedine Körting ist die einzige Märchentante, der noch Erwachsene glauben. Wie fühlt man sich als Mutter so vieler fremder Kinder, die man mit Geschichten in den Schlaf wiegt? „Ich habe nicht nur eigene, ich habe hunderte von Kindern“, sagt Körting. Die Sprecher der „drei ???“, Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich, 1979 erstmals in gemeinsamer Mission unterwegs, sind heute um die 60, und sie sprechen über Körting als ihre Mutter. Und erst im Juni erschien die letzte „Hanni und Nanni“-Episode mit Regina Lamster und Manuela Dahm, die mit Unterbrechungen seit 1972 dabei sind. „Wenn die Zwei oben sind und ich noch unten, höre ich sie schon giggeln wie im Kindergarten. Man käme nie darauf, dass sie Damen um die 70 Jahre sind. Ein Beweis dafür, dass kindliches Gemüt auch in älteren Menschen bestehen bleibt.“

Nach Angaben des Sony Music-Konzerns, zu dem Europa gehört, hat das Label im Hörspielbereich einen Marktanteil von 51 Prozent. Umsätze sind nicht bekannt, aber Körting berichtet, dass der Tonträgermarkt, wie in der Musik, gegen Streamingplattformen weiter an Boden verliert. Als Körting vor ein paar Jahren auf einen privaten Homepagebetreiber stieß, der ihre Hörspiele illegal zum freien Download ins Netz stellte, griff sie zu einer für Juristen unorthodoxen Methode. Sie verklagte ihn nicht, sondern sprach ihm auf den Anrufbeantworter: „Wenn Sie so weitermachen, kann ich keine Hörspiele mehr produzieren.“ Der Mann rief sie zurück, aufgelöst und einsichtig. Er hat verstanden, dass er eine Lebensgrundlage ruiniert, wenn es keine Hörspiele mehr gibt. Seine eigene Lebensgrundlage.
Tonträger, Märkte und Sammlerwelten
Der Konsum von Hörspielen verläuft parallel zur Entwicklung des Musikkonsums. Die Europa-Produktionen ab 1965 wurden als günstige Schallplatten, angeboten, für wenige D-Mark. Spätestens ab der ersten Folge der „drei ???“ im Oktober 1979 verlagerte sich das Geschäft zunehmend auf die noch billigeren Musikkassetten, die zudem leichter handhabbar und weniger störungsresistent sind, sofern man als Kind nicht den Reiz des Bandsalats für sich entdeckt und anfängt, die Tonträger auseinanderzunehmen. MCs schufen auch vereinfachte gemeinsame Hörerlebnisse. Kassetten konnte man in die Hosentasche stecken, damit Freunde besuchen, und dann gemeinsam den Geschichten lauschen.
Mit den 1990er-Jahren wurden Hörspiele auf Compact Disc populär, ab 2012 stellte Europa die MC-Produktion ein. Inzwischen sind Download- und Streamingplattformen die erste Adresse für die ehemaligen Kassettenkinder, aber auch für Neueinsteiger geworden. Für vereinzelte Vinyl-Revivals, wie der „Special Limited Vinyl Edition“ des „Super-Papageis“, greifen retro-selige, fest in der Berufswelt angekommene Erwachsene auch mal tiefer in die Tasche – wie Musikhörer eben, sobald ihr Lieblingskünstler ein Reissue-Boxset herausbringt.

Allerdings sind es nicht immer Schallplatten im einwandfreien, knisterfreien Mint-Zustand, die auf Börsen wie Ebay oder Discogs zu Höchstpreisen angeboten werden. Im Dezember 2025 teilen sich auf Discogs die teuersten Angebote eine LP – und eine MC: Das von Konrad Halver inszenierte „Dracula – Jagd der Vampire“ (LP, 1970) bzw. „Perry Rhodan – Folge 4 – Der Angriff Der Individual-Verformer“ (MC, 1983), beide für 999 Euro. Auf Ebay werden LPs der „drei ???“ im Bundle angeboten – die Episoden eins bis 30 für zusammen 3.700 Euro. Im Gebrauchtzustand, wohlgemerkt.
Von Kassettenkindern und Streamingkindern
Kids von heute hören Spotify, sie drehen also keine Kassettenseiten mehr um, geschweige denn, dass sie Vinyl auf einen Plattenteller legen, jenes für sie antiquarisch wirkende Audiomöbelstück. Aber nicht nur der Plattenspieler ist für sie ein Ding von gestern. „Auf Geburtstagsfeiern bringe ich Taschen voller MCs mit“, sagt Heikedine Körting. „Die Kinder fragen mich: Ein Kassettenrekorder, was soll das sein?“
Damit wäre auch die MC endgültig besiegt – der Tonträger, der im Hörspielbereich zumindest zu seinen Hochzeiten zwischen 1979 und 1990 beliebter war als LP oder CD. Aber selbst die CD, darauf verweist Körting, nutze ja keiner mehr.
„Hörspiele im Stream – wem kann das gefallen?“, fragt Körting. „Alle paar Minuten eine Werbeeinblendung, wenn man nicht das normale Abo gebucht hat. Mich würde das wahnsinnig machen.“ Gerade die Kassette biete eine einfache Welt, geteilt in zwei Seiten. „Ich fand es immer schön, wenn die A-Seite Schluss war, knack, und dann war man vielleicht schon eingeschlummert“.
Konzentration, Kult und die drei Detektive
Den Kindern von heute, urteilt Körting, falle die Konzentration auf nur ein Medium schwerer. Auch, weil die Auswahl an Hörgeschichten unendlich scheint. Man präge sich Stories nicht mehr ein. „Als aber ‚Der seltsame Wecker‘ vor 18.000 Leuten in der Berliner Waldbühne live aufgeführt wurde, konnte die Hälfte der Menschen die Texte mitsprechen“, sagt Körting. 2010 war das.
Die Beliebtheit der „drei ???“ ist bis heute ungebrochen, es gibt Kinofilme wie zum Beispiel „Karpatenhund“, und Rapper wie Fettes Brot feierten in den Hörspielen Gastauftritte. „Jeder der Jungs von Fettes Brot brachte zum Hausbesuch einen Koffer mit. Darin alle Folgen auf Kassetten. Dem einen fehlte aber die 27, dem anderen die 63. Die wollten Sie jetzt von mir haben!“
Geadelt wurden „Die drei ???“ schon von Anbeginn der Reihe – durch Alfred Hitchcock. Der Regisseur gab dem „???“-Erfinder und US-Autor Robert Arthur die Erlaubnis, für seine Detektivstorys seinen Namen und ein fiktives Gastspiel als Mentor in den Geschichten zu nutzen – reine Lizenz- und Marketingnutzung, keine kreative Mitarbeit. In den Originalausgaben „The Three Investigators“ tritt Hitchcock ab 1964 auf, begrüßt die Leser und übergibt den Fall den drei Detektiven. Körting erkannte 1979 das Potenzial und konzipierte die deutsche Adaption. Die klugen Sprecher, die mysteriösen Aiga-Rasch-Cover und der Hitchcock-Mythos machen „Die drei ???“ zu dem, was Körting als „geniales Gesamtkunstwerk“ bezeichnet.
Europa-Kult, Skandale und große Stimmen
„Europa“ ist heute „Kult“ – weil Erwachsene nostalgisch sind und ihre Kinder mitbegeistern. Längst überwunden ist die Hörspiel-Flaute Mitte der Achtziger, als nicht nur Telespielkonsolen und Gaming-PCs neue Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung boten, sondern auch Konkurrenz-Hörspiele für Film-Adaptionen auf schlichte Produktionsmethoden zurückgriffen: „Einfach das Leinwand-Playback auf Kassette übertragen, und dann einen Erzähler dazwischen packen. Und das auch noch in Mono!“, sagt Körting und wirkt erregt. Als sie mit „Alf“ 1988 konterte, verwendete sie nicht die Tonspuren der TV-Serie, sondern schrieb eigene Skripte und engagierte Alf-Sprecher Tommy Piper für neue Dialoge. Auch Stars wie Hans Paetsch, Günther Ungeheuer oder Horst Frank sprachen für Körting ein, wie bei der von Kindern gefürchteten (und geliebten) „Gruselserie“, mit Geschichten von Dracula, Frankenstein und Co.
Längst verblasst sind auch die „Europa“-Skandale. Folgen der Horror-Reihe „Larry Brent“ wurden 1984 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPjS) wegen Gewaltverherrlichung indiziert. Und mit Carsten Bohn, Komponist unzähliger Europa-Stücke, gab es einen Gerichtsprozess um Tantiemen und Urheberrechte. Ab den Nullerjahren entfernten Europa und Sony Music Bohns Lieder aus allen Hörspielen und ersetzen sie durch neue. Der an Steely Dan geschulte Fusion-Pop des Ex-Frumpy-Chefs Bohn bleibt für viele – ältere – Kassettenträumer dennoch der Maßstab. Neue Hörer dagegen kennen Bohn nicht mehr, vermissen also nichts.
Ausblick auf die Zukunft der Hörspiele
Über die Zukunft der Hörspiele macht sich Heikedine Körting trotz des Überangebots der Streaminganbieter keine Sorgen. „Hanni und Nanni“ können neubesetzt werden, und auch für „Die drei ???“ gibt es einen Plan B, falls die Sprecher irgendwann nicht mehr können oder wollen.
Dass Künstliche Intelligenz den menschlichen Sprechern mit eigenen Stimmen, gar Geschichten Konkurrenz macht, hält sie für ausgeschlossen. „Die Emotionalität bekommt KI nicht hin“, sagt Körting. „Interaktionen auch nicht. Wenn die drei Detektive hier sitzen, miteinander agieren, Witze reißen, schnaufen, sich ins Wort fallen – das ist große Kunst, das kann kein Programm.“ Ebenso die Geräusche, für die sie sich nicht digitaler Files bedient, sondern Haushaltsgeräte oder gar Lebensmittel nutzt. Wenn in der Geschichte ein Arm brechen soll, knickt sie eine Stange Porree in der Mitte ein. Im Fernsehen führte sie mal vor, wie realistisch das klingt.
Als Rechtsanwältin in den 60er-Jahren hatte Körting mit Vorurteilen zu kämpfen, als Hörspielproduktionschefin ab 1973 sowieso. Bei Europa glaubten viele, sie sei nur Ehefrau eines erfolgreichen Mannes, Andreas E. Beurmann, dem Co-Gründer der Firma. „So wurde ich anfangs von manchen Leuten genannt: Fräulein Beurmann“, sagt sie. „Gefördert vom Gatten – allein deshalb hätte ich den Job bekommen.“
Als sie schließlich ihr zweites Staatsexamen parallel zur Regietätigkeit abgelegt hatte, ließ sie sich Messingschilder und Stempel anfertigen: „Rechtsanwältin Dr. Körting“. Da hätten die Skeptiker geguckt.
Die Märchenkönigin im Alltag
Das ist auch der Rat, den sie jungen Frauen gibt: Bringt Sachen zu Ende, macht einen Abschluss, vertraut nicht darauf, dass man schon irgendwie in die Unabhängigkeit hineinrutsche. Das sage sie sich selbst schon seit Jahrzehnten: Sei selbstständig.

Bald schon steht die Produktion der nächsten „Die drei ???“-Folge an, Nummer 236. Mit ihr auf dem Regiestuhl. Eine ältere Dame mit jugendlichem Lachen, die über das Mikrofon drei Ü-60-Kinder im Raum nebenan anweist, wie sie darüber reden sollen, Verbrechern auf die Spur zu kommen.
Beim Verlassen der Körting-Villa fällt der Blick auf ein paar Schatten am Toreingang. Fast glaubt man, dort lauert „der lachende Schatten“ aus der „???“-Folge. Aber nein, vor dem Anwesen Körtings tummeln sich drei Menschen. Drei erwachsene Kassettenkinder. Sie wirken wie angereist, ortsunkundig. Aber am Ziel ihrer Reise. Und schauen schüchtern drein. Nach dem Motto: Lebt hier etwa die Märchenkönigin?