Filmreview



„Indochine – Central Tour in Cinema“: Ein Konzertfilm über Reizüberflutung, UFO-Bühne und sexuelle Freiheit


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Mit mehr als 400.000 verkauften Eintrittskarten für die „CENTRAL TOUR“ brachen Indochine 2022 in allen Kategorien (Musik und Sport) den Besucher*innenrekord in jedem Stadion, in dem sie auftraten. Grund genug für die Band, um ihren Gig im Groupama Stadium in Lyon mit 22 IMAX-Kameras in Bewegtbild festzuhalten. Das Resultat, „Central Tour in Cinema“, ist ein 170 Minuten langer Konzertfilm, der eine monumentale Veranstaltung in den heimischen Kinosaal holt.

Nicola Sirkis in zehnfacher Auflösung

Von der Formation Indochine, die Anfang der 1980er-Jahre Frankreich in helle Aufregung versetzte und heteronormative Grenzen brach, ist heute nur noch Sänger Nicola Sirkis übrig. Die Gruppe hatte, Sirkis und seinen verstorbenen Zwillingsbruder Stéphane mit eingerechnet, bereits 19 Bandmitglieder. Indochine gelten dennoch als mit Abstand erfolgreichste Formation auf dem französischen Markt. Dieser Erfolg lässt sich wohl vor allem mit ihrer Live-Präsenz erklären – seit 2002 sind Indochine regelmäßig auf Tournee.

Aber: Fernsehauftritte lehnte die Band meist kategorisch ab. Verständlich, wenn man bedenkt, dass dem damals knapp 20-jährigen Leadsänger in Live-Interviews öfter die Frage gestellt wurde, weshalb er nicht singen könne und trotzdem auf die Bühne gehe, als androgyner junger Mann Make-Up auf der Bühne „wie die Frauen“ trage und sich dem damals noch verrufenen Synthiepop verschrieben habe.

Dass dann zum 40-jährigen Bestehen ausgerechnet ein IMAX-Konzertfilm in den Kinos zu sehen ist, mit zahlreichen Portrait-Aufnahmen des Sängers in fast zehnfacher Auflösung (verglichen mit herkömmlichen 35-mm-Kameras), könnte darauf hindeuten, dass der heute 63-jährige Sirkis gänzlich bei sich angekommen ist und mit seinem Gesicht für mehr als 40 Jahre Bandgeschichte stehen möchte, die sich zeigen lassen kann.

Alle Generationen vor UFO-Bühne vereint

Der Konzertfilm beginnt mit Aufnahmen in Vogelperspektive und lässt in Bildern sprechen, dass für dieses Konzert mehr als 400.000 Gäste jeden Alters zusammenkamen, alles zwischen „La Boum“ (1980) und „Lol“ (2008).

Das markante Bühnenbild prägt ein UFO-artiges, rundes Ringleinwandgebilde in der Mitte der sternförmigen Bühne, auf das zu Beginn politische Videoaufnahmen aus 40 Jahren Weltgeschichte projiziert werden: Man sieht u.a. Macron, die Wahl Trumps, Bilder aus der Pandemie, Kriege, und Aufnahmen aus den Anfangsjahren der Band.

Dann betreten die aktuellen fünf Bandmitglieder das Stadion. Nicola Sirkis in berghainesker Springerstiefelmontur und scheinbar kugelsicherer Weste, sein mittlerweile silbernes, wirres Haar als Markenzeichen.

 

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Wembley-Feeling

Was dann in 170 Minuten passiert, ist eine Mischung aus ergreifendem Wembley-Stadion-Feeling und ein in die Jahre gekommener Sirkis, der während des Auftritts mehr als 30 Kilometer Fußweg zurückgelegt haben dürfte und herzergreifend singt. Seine Stimme, die einerseits an The Cure und Placebo, andererseits an alten französischen Chanson erinnert, vibriert über die frenetisch jubelnde Masse.

Reizüberflutung in krassem Kontrast zu entspannter Band

Sirkis läuft unaufgeregt und selbstbewusst über die Stege ins Publikum, in Nahaufnahme auf die Kameras zu oder kniet singend vor seinen Fans, während seine Kollegen an Gitarren, Synthies und Schlagzeug stehen und gelegentlich nonchalant lächeln. Durch das Stadion wummern dazu aber Bässe und Gitarrenriffs, während Lichterkegel explosiv aus allen Ecken und Enden schießen und die Bühnenleinwand permanent Visuals, Band und Publikum abbildet.

Das Event ist einerseits nahezu reizüberflutend, während ein Hit ohne Pause den nächsten jagt. Andererseits wirkt Sirkis darin wie ein entspannter Profi, der ernst meint, was er schon vor 40 Jahren sang, und dabei froh ist, dass die Show drumherum etwas vom ansonsten unaufgeregten Auftritt ablenkt.

Fazit: Revival des Konzertfilm-Genres

Im Kinosaal sitzend wirkt der Film ab etwa der Hälfte etwas langatmig, vor allem versteht man als nicht Französisch sprechende Person kaum ein Wort – Untertitel gibt es zumindest bei der Filmpremiere nicht. Für Überraschung sorgt der Auftritt von Christine and the Queens mit zuckenden Contemporary-Tanzbewegungen. Der Film treibt sich gegen Ende noch einmal an, als Konfetti-Kanonen in Regenbogenfarben über dem Konzertpublikum platzen und eine Botschaft regnen, für die die Band schon früher gerne stand: Die (queerfreundliche, androgyne, nonbinäre) Freiheit des Einzelnen steht über allem.

Letztendlich ist man zwar trotz beeindruckender IMAX-Qualität auf XXL-Leinwand nicht in Person vor Ort und kann nur im Kinosessel mitwippen. Das könnte aber gleichzeitig aufgrund der enormen Bühnenshow und der hohen Bildqualität eine gute Lösung für Corona-Winter oder ausverkaufte Shows in anderen Ländern sein, die man so trotzdem fast hautnah erleben kann. Denn eines ist wohl klar: Ein Genuss ist dabei vor allem die Live-Musik aus donnernden Kino-Soundsystemen.

„Indochine – Central Tour in Cinema“ ist vom 23. und 24. November weltweit für eine Nacht in den Kinos zu sehen.