Zum Tod von Ingrid van Bergen: Ihr Leben, ein Roman

Ingrid van Bergen: Vom Filmstar zur verurteilten Täterin, vom Gefängnis zurück auf die Bühne – ein außergewöhnliches Leben endet mit 94 Jahren.

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Als Ingrid van Bergen im Jahr 2009 zur Dschungelkönigin bei „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gekürt wurde, war sie längst notorisch als Schauspielerin im Kabarett und Theater, in Film und Fernsehen. Und leider auch für die Verurteilung wegen Totschlags: Am 3. Februar 1977 erschoss sie ihren Geliebten Klaus Knaths in ihrem Haus am Starnberger See. Van Bergen hatte an jenem Abend lange auf ihn gewartet, war eifersüchtig und betrunken und stritt mit dem untreuen Freund. Sie wurde zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, 1981 aber vorzeitig entlassen.

Frühe Jahre und Flucht

Ingrid van Bergen wurde am 15. Juni 1931 als Tochter eines Lehrers und einer Hausfrau in Danzig geboren. Sie hatte drei Geschwister und wuchs in Masuren auf, wo der Vater Dorfschullehrer war. Beim Bund Deutscher Mädel engagierte sie sich mit Liedern und Auftritten in Bühnenstücken. Vater Fritz starb am ersten Tag des Russlandfeldzugs. Mutter Ella floh 1945 mit den Kindern auf dem Schiff „Moltkefels“, das versenkt wurde. Die van Bergens wurden gerettet; es verschlug sie ins dänische Skagen, wo sie bis 1948 blieben. Über Stecknadel wurde Metzingen als künftiger Wohnort festgelegt.

Aufstieg im deutschen Film

Ingrid van Bergen studierte an der Hochschule für Musik in Hamburg, trat den Berliner „Stachelschweinen“ bei und wurde von Helmut Käutner entdeckt. In „Des Teufels General“ (1955) war sie das Mädchen, das den groß aufspielenden Curd Jürgens liebt. Sie spielte in „Wir Wunderkinder“ (1958), „Der eiserne Gustav“ (1958) und „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959). Auf dem Gipfel ihrer Karriere trat sie in Filmen mit Robert Mitchum und William Holden, Christopher Lee und Klaus Kinski auf.

Fernsehen, Rollenbilder und Neubeginn

In den 70er-Jahren verlegte Ingrid van Bergen sich auf stereotypische Rollen in „Derrick“, „Tatort“ und Fernsehfilmen: Sie war die elegante Blonde mit der tiefen Stimme.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis engagierte Rosa von Praunheim sie 1984 in „Horror vacui“. Sie wurde dann eine begehrte Episodendarstellerin in vielen Fernsehserien, war auch Synchronsprecherin und las Hörbücher ein. Einige Jahre lebte sie auf Mallorca, kehrte aber 2001 nach Deutschland zurück. Ingrid van Bergen lebte auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide inmitten von Tieren, für deren Wohl sie sich rigoros einsetzte.

Späte Jahre und Vermächtnis

Ihr Einsatz im Dschungel bleibt unvergesslich, weil sie sich unter widrigen Umständen eloquent, blitzgescheit und überaus witzig behauptete. Am Ende war sie wieder ein Star. Zuletzt trat sie 2017 in einem Film auf.

Nun ist Ingrid van Bergen, deren Leben ein Roman war, im Alter von 94 Jahren in ihrem Haus in Eyendorf gestorben.