Jack White brilliert in Hamburg: Chaos, Kunstfigur und „Seven Nation Army“

Jack White ist zurück in Deutschland. Ein Konzertabend voll Unberechenbarkeit, ikonischer Momente und einer faszinierenden Kunstfigur

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An Jack Whites neuer Begleitband erkennt man am leichtesten, dass man sich in einer neuen Tour-Ära befindet. Dieses Mal, knapp vier Jahre nach seinen letzten Auftritten in Deutschland, ist er mit einer dreiköpfigen Band unterwegs. In der Hamburger Georg Elser Halle sind das Patrick Keeler am Schlagzeug (der auch für Whites Band The Raconteurs dort sitzt), Bobby Emmett an den Keyboards und Dominic Davis am Bass. Eine der wenigen konstanten Besetzungen in Jack Whites Live-Historie.

Es ist die erste rein weiße und rein männlich gelesene Band, mit der Jack White seit Beginn seiner Solokarriere auf der Bühne steht. Die vier versprühen ein bisschen Dad-Rock-Vibes. Das passt auch zu seinem aktuellen Album „No Name“, das stark in der Tradition des für ihn typischen Blues Rock steht. Weniger experimentell als etwa „Boarding House Reach“ (2018) oder das ebenso rockige, aber etwas verspieltere „Fear of the Dawn“ (2022).

Ein „Back to the Roots“-Moment sozusagen, ein bisschen dad-rockig eben. Genau diesen Sound lassen White und seine Band aber wunderbar lebendig werden.

Die Kunstfigur Jack White

Es gibt vieles bei Jack White, worauf man sich verlassen kann. Vor allem seine Erscheinung: schwarze Lockenpracht (mit Ausnahme eines kurzen Ausreißers 2022, als er sich mit pfiffiger, strahlend blauer Kurzhaarfrisur präsentierte). Dazu kommt die Aura der skurrilen Kunstfigur, die er sich über die Jahre zugelegt hat und die er zunehmend perfektioniert.

Er frisiert sich beispielsweise mit einer auf dem Verstärker bereitgelegten Bürste die Haare, nur um sie danach direkt wieder zu zerzausen. Ab und zu tritt er an den Bühnenrand und soliert kunstvoll mit Corpse-Bride-artigem Gestus. „Are you alive?“, schreit er kurz darauf ins Publikum. Tim Burton dürfte seine Freude an ihm haben.

Unberechenbarkeit und Überraschungen

Seine Konzerte stehen für ein großes Maß an Unberechenbarkeit und Überraschungen. Das liegt vor allem daran, dass er seit Anbeginn seiner Bühnenkarriere ohne Setlist arbeitet – doch immer findet sich im Publikum jemand, der dies einem weniger erfahrenen Fan erklärt. Es macht großen Spaß zu beobachten, wie er seine Band mit kurzfristigen Ansagen herausfordert und wie aufmerksam sie ihm folgen muss, um vorbereitet zu sein auf das, was als Nächstes kommt. Die Band ist deshalb eher im Halbkreis um ihn herum als hinter ihm angeordnet. Er bewegt sich gerne reihum von einem zum anderen. Patrick Keeler wirkt manchmal regelrecht erschrocken, wenn White plötzlich dicht neben ihm am Schlagzeug auftaucht.

Als er sich seines mit weißen Sternen bedruckten Jacketts entledigen möchte, das, wie er sagt, eine Hommage an den legendären Hamburger Star-Club ist, und darin stecken bleibt, muss seine Tourmanagerin ihm zu Hilfe eilen und ihn befreien. Sein Gitarrentechniker springt immer wieder auf die Bühne, um Gitarren entgegenzunehmen, Kabel zu entwirren und Knöpfe an den Monitoren einzustellen. Diese Mischung aus Chaos und Perfektion macht Jack-White-Konzerte so besonders.

Handys weg – Menschlichkeit zurück

Und – man kann es nicht genug betonen – die Abwesenheit von Kameras im Publikum. Seit 2018 lässt Jack White die Handys seiner Konzertbesucher beim Einlass in Magnettaschen verschließen. Das führt nicht nur dazu, dass alle ihre Hände frei haben und diese zum Klatschen und nicht zum Filmen in die Höhe schnellen. Es trägt auch dazu bei, dass man vor dem Konzert ungewöhnlich schnell mit Umstehenden ins Gespräch kommt – fast wie ein Sozialexperiment, das uns vor Augen führt, wie isoliert wir durch das ständige Starren auf Telefonbildschirme geworden sind.

Bilderbuchmäßig rocken

An diesem Abend rockt White sich bilderbuchmäßig sowohl durch seinen Solokatalog als auch durch Songs seiner Bands The Raconteurs, The Dead Weather und der White Stripes. „That’s How I’m Feeling“ aus dem aktuellen Album „No Name“ funktioniert hervorragend als Opener. Die Menge fällt sofort in den „Ahh“- und „Oh yeah“-Chor mit ein. Trotzdem ist den Reaktionen des Publikums deutlich zu entnehmen, wie sehr es Songs wie „Fell In Love With A Girl“ und „Hotel Yorba“ braucht. Das ist vollkommen in Ordnung. Für viele dort unten vor der Bühne sind diese Songs seit 25 Jahren Teil ihres Lebenssoundtracks. Sie feiern sie zusammen mit jüngeren Fans, die Jack White immer noch anzulocken schafft. Auch das ist besonders.

Vielleicht sollte White sich irgendwann trauen, das obligatorische „Seven Nation Army“ als Rausschmeißer wegzulassen. Es wirkt seit Jahren wie ein unnötiges Zugeständnis eines Künstlers, der sonst gerne mit den Erwartungen seines Publikums bricht. Aber wahrscheinlich liebt er den fußballstadionartigen Gesang zu sehr, der automatisch bei den ersten Akkorden einsetzt. Und es macht schon auch Spaß, noch ein letztes Mal so richtig mitzugrölen, bevor man sich verschwitzt und zufrieden auf den Heimweg macht.