Jane Goodall, bahnbrechende Primatologin, mit 91 Jahren gestorben

Jane Goodall revolutionierte mit ihrer Schimpansenforschung die Wissenschaft. Nun ist die Umweltikone mit 91 Jahren gestorben.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Jane Goodall, die gefeierte Primatologin und Naturschützerin, die vor allem für ihre Arbeit über das Verhalten von Schimpansen bekannt wurde, ist am Mittwoch, den 1. Oktober, im Alter von 91 Jahren gestorben.

Das Jane Goodall Institute bestätigte ihren Tod in einer Mitteilung. Die Organisation erklärte, sie sei während einer Vortragsreise in Kalifornien „an natürlichen Ursachen“ gestorben. „Dr. Goodalls Entdeckungen als Ethologin revolutionierten die Wissenschaft, und sie war eine unermüdliche Fürsprecherin für den Schutz und die Wiederherstellung unserer natürlichen Welt.“

Goodalls Arbeit in den 1960er Jahren am Gombe-Reservat für Schimpansen in Tansania brachte mehrere bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckungen hervor. Sie beobachtete, wie die Tiere Fleisch aßen, rituelle Handlungen wie Regentänze vollführten, kämpften, Zuneigung zeigten und – vielleicht am bedeutendsten – Werkzeuge benutzten.

Die Entdeckung der Werkzeuge

Diese Ergebnisse widerlegten alte Vorstellungen über Menschen und Tiere. In einem Interview mit dem ROLLING STONE im Jahr 2020, in dem sie gebeten wurde, eine zentrale Erkenntnis ihrer Forschung zu nennen, fasste sie es so zusammen: „Dass wir Menschen furchtbar arrogant waren. Wir sind Teil des Tierreichs und nicht von ihm getrennt – wir sind nicht die einzigen fühlenden, vernunftbegabten Wesen auf dem Planeten.“

In den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in Gombe setzte Goodall ihre Primatenforschung fort, während sie sich gleichzeitig für eine Vielzahl von Umweltanliegen einsetzte. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher – von wissenschaftlichen Abhandlungen über Memoiren bis hin zu Kinderbüchern – und trat in Filmen und Naturdokumentationen auf.

Stevie Nicks schrieb sogar ein Lied über sie mit dem Titel „Jane“. Im Refrain hieß es: „There are angels here, angels/There are angels here on earth, angels/Angels, sent from God/You will never feel, that you have ever done enough/But you have, Jane.“

Vom Sekretariat zur Forschungspionierin

Geboren wurde sie als Valerie Jane Morris-Goodall am 4. April 1934 in London. Schon als Kind zeigte sie eine besondere Liebe zu Tieren, vor allem nachdem ihr Vater ihr eine Stoffpuppe in Form eines Affen schenkte, die sie „Jubilee“ nannte (laut „New York Times“). Doch zunächst war keine wissenschaftliche Laufbahn für sie vorgesehen. Sie besuchte keine Universität, sondern absolvierte eine Sekretärinnenschule und nahm verschiedene Gelegenheitsjobs in London an.

Eine Einladung zu einem Freund nach Kenia im Jahr 1956 führte zur Bekanntschaft mit dem Archäologen Louis Leakey, der sie als Assistentin und Sekretärin einstellte. Leakey hatte schon lange den Plan, jemanden zur Erforschung wilder Schimpansen nach Tansania zu schicken, und übertrug Goodall 1960 diese Aufgabe. Nach drei Monaten der Beobachtung sah Goodall, wie ein Schimpanse, den sie „David Greybeard“ genannt hatte, einen langen Grashalm in einen Termitenhügel steckte, ihn herauszog und die daran hängenden Termiten aß.

„Es war so offensichtlich, dass er den Grashalm als Werkzeug benutzte“, schrieb Goodall später.

Als sie Leakey von der Entdeckung berichtete, antwortete er berühmt: „Nun müssen wir ‚Werkzeug‘ neu definieren, ‚Mensch‘ neu definieren oder die Schimpansen als Menschen anerkennen.“

Internationale Anerkennung und erste Filme

Goodall setzte ihre Arbeit in Gombe über mehrere Jahre mit Unterstützung der National Geographic Society fort. Ihre frühen Erkenntnisse waren so bedeutend, dass sie 1961 von der Universität Cambridge in ein Promotionsprogramm aufgenommen wurde – obwohl sie keinen Bachelor-Abschluss hatte.

1962 schickte „National Geographic“ den niederländischen Fotografen Hugo van Lawick, um ihre Arbeit zu dokumentieren. Nach anfänglicher Zurückhaltung kamen sich die beiden näher und heirateten später. 1963 erschienen van Lawicks Fotos zusammen mit Goodalls Ergebnissen in ihrem ersten großen Artikel für „National Geographic“, „My Life Among the Wild Chimpanzees“. Ein Film von 1965 über ihre Arbeit, „Miss Goodall and the Wild Chimpanzees“, brachte ihr schließlich weltweite Bekanntheit.

Trotz ihrer Erfolge stieß Goodall oft auf Widerstände in der männerdominierten Wissenschaftswelt. „Ja, ich musste zehnmal härter arbeiten als der durchschnittliche Mann, um das gleiche Maß an Anerkennung zu erhalten. Aber sobald ich mir einen Namen gemacht hatte, ließ ich die Daten für mich sprechen“, sagte sie dem Rolling Stone. „Ich erkannte auch früh, dass die Karrieren vieler Frauen auf meinen Schultern lasteten. Wenn ich ihnen den Weg zeigen und Türen öffnen konnte, dann wäre es für die nächste Generation von Wissenschaftlerinnen deutlich einfacher, in ihrem Fach Fuß zu fassen.“

Eine einzigartige Verbindung zwischen Forschung und Leben

Goodalls Arbeit war nicht nur wegen ihrer wissenschaftlichen Entdeckungen bedeutend, sondern auch durch die Art, wie sie ihre Forschung mit persönlichen Erlebnissen verband – Begegnungen mit Leoparden, Malariaanfällen – ebenso wie Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Oft sprach sie auch darüber, was sie von den Schimpansen lernte: „Ich habe viele Lektionen von einer der besten Gombe-Mütter, Flo, übernommen, als ich meinen eigenen Sohn großzog“, erzählte Goodall dem ROLLING STONE.

Jon Blistein schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil