Kanye West verliert Prozess um ungeklärten Sample auf „Hurricane“

Der heute als Ye bekannte Künstler gab vor Gericht zu, einen Sample nach einem ausverkauften Listening-Event bewusst entfernt zu haben – weil er keine Freigabe besaß.

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Kanye West und seine Unternehmen müssen 438.558 Dollar Schadensersatz zahlen, nachdem eine Jury festgestellt hat, dass er das Urheberrecht an einem unveröffentlichten Demo-Track verletzt hat. Er hatte den Track in einer frühen Version seines Grammy-prämierten Songs „Hurricane“ gesamplet – und diese Version vor fünf Jahren 40.000 Fans bei einem ausverkauften „Donda“-Listening-Konzert vorgespielt.

Die Kläger hatten 564.046 Dollar gefordert, feierten das Urteil aber dennoch auf dem Flur des Gerichtsgebäudes und bezeichneten es als Sieg für schaffende Künstler.

Die Anwälte der Klägerseite hatten argumentiert, West, heute bekannt als Ye, habe mit dem Listening-Event am 22. Juli 2021 im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta 5,6 Millionen Dollar eingespielt – durch Ticketverkäufe, Merchandise und einen Deal mit Apple Music zur Übertragung der Show. Ihre Mandanten hätten einen Anteil verdient, weil „Hurricane“ unter den 15 an jenem Abend gespielten Songs der größte Magnet gewesen sei, nachdem Ye einen Teil des Tracks zuvor online geleakt hatte. Sie wiesen zudem darauf hin, dass „Hurricane“ nach der Albumveröffentlichung am 29. August 2021 zum meistgestreamten Song auf „Donda“ wurde.

Der Demo-Track als Fundament

Der Demo-Track, ein einminütiges Instrumental mit dem Titel „MSD PT2“, kombinierte Gitarre, Bass und Keyboard, gejagt durch einen knisternden Vinyl-Filter, der dem Stück einen unverwechselbaren West-Coast-Hip-Hop-Charakter verlieh. Chefanwältin der Kläger, Irene Lee, bezeichnete in ihrem Schlussplädoyer am Dienstag den Sample als unbestreitbares „Rückgrat“ von „Hurricane“ – ein Song, der den Geschworenen in einem Bundesgericht in der Innenstadt von Los Angeles während des sechstägigen Prozesses immer wieder vorgespielt wurde.

Die achtköpfige Jury – fünf Männer, drei Frauen – erfuhr, dass die Musiker Khalil Abdul-Rahman, Sam Barsh, Dan Seeff und Josh Mease den Beat im März 2018 komponiert und ihn einem Produzenten weitergegeben hatten, der ihn auf eigene Faust an Ye weiterleitete. Sechs Monate später waren die vier schockiert, als Ye auf Instagram ein Video postete, in dem er „MSD PT2“ in einem damals noch „80 Degrees“ betitelten Song prominent samplete – dem späteren „Hurricane“.

Als das Video erschien, feierten die Musiker mit überschwänglichen Instagram-Posts ihre Verbindung zu dem Snippet. Vor Gericht sagten sie aus, sie hätten damals gehofft, irgendwann eine Vergütung zu erhalten, die Verhandlungen aber ihren Managern überlassen. Seeff erklärte den Geschworenen, er sei der Überzeugung, dass die vier Musiker, da „MSD PT2“ das instrumentale Fundament von Wests Song bilde, 50 Prozent der Kompositionsrechte an „Hurricane“ hätten erhalten sollen – die andere Hälfte den Autoren der gesungenen Melodie.

Kein Deal, keine Lizenz

In ihrem Schlussplädoyer erklärte Lee den Geschworenen, Abdul-Rahmans Manager habe „Yes Leuten mehr oder weniger den Stinkefinger gezeigt, als die zehn Prozent anboten“. Die Künstler hätten Ye nie persönlich getroffen, Ye folge den vier Männern nicht auf Instagram, und es habe weder eine stillschweigende noch eine ausdrückliche Lizenz gegeben, den Sample zu verwenden.

„Es gab keinen Deal, keine Vereinbarung, keine Lizenz und keine Freigabe“, argumentierte Lee. Sie nannte es „bemerkenswert“, dass Ye in seiner Aussage der Vorwoche eingeräumt habe, den „MSD PT2“-Sample nach dem Listening-Event in Atlanta wissentlich aus „Hurricane“ entfernt zu haben. Die Geschworenen erfuhren, dass die auf „Donda“ veröffentlichte Endfassung von „Hurricane“ nachgebaute Elemente der „MSD PT2“-Komposition enthielt statt eines direkten Samples der Originalaufnahme.

Ye habe den Sample laut Lee „einfach genommen“, benutzt und dann weggeworfen, nachdem er beim Listening-Event damit Geld gemacht hatte. Unter Berufung auf Zeugenaussagen erklärte sie, der Wert von „MSD PT2“ liege in genau dieser ersten Verwendung, weil der Sample „für immer mit Ye in Verbindung gebracht“ werde. „Wir hatten nie die Chance, ihn jemand anderem anzubieten. Kein anderer Künstler fasst das noch an, wenn jemand wie Ye es einmal angefasst hat“, argumentierte sie.

Yes Chefanwalt Eduardo Martorell verwies auf die feiernden Instagram-Posts der Männer und argumentierte, sie hätten einen Megastar „angefleht“, ihr Demo zu verwenden. „Dieser Fall ergibt keinen Sinn“, sagte Martorell am Montag. Er betonte, Ye habe die vier Männer freiwillig als Songwriter auf „Hurricane“ aufgeführt, selbst nachdem der Sample entfernt worden war, und habe nicht protestiert, als die Vertreter der Männer sie während der laufenden Verhandlungen als Platzhalter für einen kombinierten Anteil von 30 Prozent an den Kompositionsrechten registriert hätten.

„Ye öffnete das Zelt“

„Ye öffnete das Zelt und ließ diese Typen Teil seines Universums werden – und sie verklagten ihn“, argumentierte Martorell. „Dieser Fall ist reine Abzocke.“

Martorell legte nahe, dass Artist Revenue Advocates (ARA), das 2024 eigens gegründete Unternehmen, das Ye im Namen der Musiker verklagte, „einen Mann in einer psychischen Krise gesehen“ und beschlossen habe, „zuzuschlagen“. Alternativ, so der Anwalt, könnte die Klage einer „persönlichen Vendetta“ entspringen. Er führte das nicht weiter aus.

Ye, 48, wurde bereits mehr als ein Dutzend Mal wegen Urheberrechtsverletzung verklagt. Darüber hinaus sah er sich nach seiner Social-Media-Tirade im Oktober 2022 mit einer Flut von Klagen ehemaliger Mitarbeiter konfrontiert – damals hatte er seinen heute berüchtigten Tweet gepostet, in dem er ankündigte, „death con 3 ON JEWISH PEOPLE“ ausrufen zu wollen. Im vergangenen Jahr postete er erneut hetzerische Nachrichten auf X, dem früheren Twitter: „IM A NAZI“ und „I LOVE HITLER“. Im Mai veröffentlichte er eine Single mit dem Titel „Heil Hitler“, die kurz darauf von den meisten digitalen Streamingdiensten entfernt wurde.

Entschuldigung und Gerichtsurteil

Im Januar schaltete Ye eine ganzseitige Anzeige im „Wall Street Journal“, in der er sich für seine antisemitischen Äußerungen entschuldigte und sie auf eine unbehandelte bipolare Störung zurückführte, die angeblich mit einer Hirnverletzung aus einem Autounfall im Jahr 2002 zusammenhänge. „Ich bitte nicht um Mitleid oder einen Freifahrtschein, auch wenn ich danach strebe, Ihre Vergebung zu verdienen“, schrieb Ye in dem am 26. Januar veröffentlichten Brief. „Ich schreibe heute nur, um um Ihre Geduld und Ihr Verständnis zu bitten, während ich meinen Weg nach Hause finde.“

ARA erklärte in Gerichtsunterlagen, die vier Musiker, die „MSD PT2“ geschaffen hatten, hätten drei Jahre lang versucht, ihren Anteil an den Einnahmen aus „Hurricane“ einzutreiben, bevor sie ihre Rechte schließlich an ARA abtraten, damit die Organisation die Klage einreichen und „Gerechtigkeit einfordern“ könne.

Im Februar hatte der zuständige Richter die potenziell lukrativeren Ansprüche der Männer abgewiesen – nämlich dass Ye ihre Urheberrechte durch die mutmaßliche Interpolation von „MSD PT2“ in der Endfassung von „Hurricane“ verletzt habe. Der Richter stellte fest, dass die Musiker zuvor Verträge unterzeichnet hatten, mit denen sie ihre Kompositionsrechte abgetreten hatten, und dass diese Vereinbarungen weiterhin gültig seien. Die Musiker versuchten zu argumentieren, diese Abkommen seien durch mündliche Absprachen mit früheren Geschäftspartnern außer Kraft gesetzt worden – doch der Richter entschied, dass solche Änderungen schriftlich hätten erfolgen müssen.

Wer steckt hinter ARA?

Britton Monts, ein Manager bei ARA, sagte in der Vorwoche aus, ARA sei gegründet worden, um „Urheberrechte von schaffenden Musikern zu erwerben“, die „ihre Rechte nicht durchsetzen können“, weil „sie es sich nicht leisten können“. Er erklärte, ARA hoffe, weitere Fälle zu verfolgen, räumte aber ein, dass die Klage gegen Ye bislang das einzige Verfahren des Unternehmens sei.

Yes Anwalt Martorell deutete an, ARA werde von einem Geldgeber finanziert, der seine Identität verberge. „Wer steckt dahinter?“, fragte Martorell in seinem Eröffnungsplädoyer der Vorwoche. „Wir wissen nicht, wem Artist Revenue Advocates gehört, weil sie es uns nicht sagen wollen. Warum hätten die Künstler nicht unter eigenem Namen geklagt, wenn ihnen das so wichtig wäre?“

Yes Sprecher und rechtlicher Verbindungsmann Milo Yiannopoulos war der letzte Zeuge des Prozesses. Er führte die Geschworenen durch mehr als 20 Rechnungen im Zusammenhang mit dem Listening-Event vom 22. Juli 2021. Die Verteidigung rief ihn in den Zeugenstand, um zu belegen, dass Ye mit der Atlanta-Show kein Geld verdient habe – allerdings untersagte der Richter Yiannopoulos, Meinungen zu äußern, da er nicht als Sachverständiger zugelassen war.

Auf die Frage, ob er sich selbst als „Fixer“ für Ye betrachte, antwortete Yiannopoulos, er sei sich nicht sicher, was der Begriff bedeute. „Ich kenne ihn vielleicht aus dem Mafia-Kontext. Wenn Sie fragen, ob ich so etwas wie ein Consigliere bin – nur ohne den kriminellen Teil –, dann vielleicht“, sagte er.