Kim Gordon über „Play Me“, KI und Politik im Trump-Zeitalter

Kim Gordon spricht über „Play Me“, KI, Tech-Bros, Trump, Spotify und das Altern im radikalen Pop der Gegenwart.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

„Hopium“, „Wishcasting“, „Sloppaganda“ – Vokabular der Digital-Ära, vor allem der Trump-Ära. Kim Gordon rappt all diese zeitdiagnostischen Begriffe in ihrem Song „Bye Bye 25“, benannt nach dem Jahr vor Trumps zweiter und erwartbar noch schrecklicherer Präsidentschaft. Eine wortgewandte Systemkritikerin war Gordon schon immer. Aber hätte die Kim Gordon von, sagen wir, 2006, diese Neusprech-Schlagworte überhaupt schon entziffern können?

Digitale Begriffe und politischer Missbrauch

Sie muss lachen. „Die Begriffe gab es vielleicht noch nicht“, sagt sie. „Aber wir verstehen doch, was sie meinen: politischer Missbrauch.“ Sie verweist auf den Begriff Subcon: „Das hätte vor Substack wahrscheinlich keinen Sinn ergeben.“

All diese Keywörter rappt Kim Gordon auf ihrem neuen, dritten Soloalbum „Play Me“ nahezu atemlos herunter – vielleicht auch, um sie überhaupt alle unterzubringen. Eine nervenaufreibende Platte: ein Pastiche aus Samples, Industriegeräuschen, Stadtlärm, abgewürgten Melodielinien und Stimmen, die sich zu einem kontrollierten Chaos fügen. Radikaler als der von Gitarren dominierte No Wave, mit dem ihre ehemalige Band Sonic Youth ab 1982 die Musikwelt veränderte, allemal.

Wir ihre beiden ersten Soloalben wurde „Play Me“ von ihrem kongenialen Partner Justin Raisen produziert, der es schon bei Charli XCX und Sky Ferreira verstanden hat, die Menschen am Mikro einfach machen zu lassen, und den Gesang dann mit seinem Sturm aus Samples weiter emporzuheben. Als „Rapperin“ möchte Gordon sich allerdings nicht verstanden wissen. „Was ich an Rap aber immer mochte: Es ist die lauteste Stimme, die von außen kommt. Von außerhalb des Mainstreams, von außerhalb der Konzerne.“

Kontrolliertes Chaos und Produktion

Sie selbst setzt gelegentlich, wie schon auf dem früheren Song „Psychdelic Orgasm“, hörbares Auto-Tune ein. „Das war Justins Idee. Zuerst sagte ich: ‚Auf keinen Fall!‘. Er plädierte jedoch dafür, weil er sich einen ironischen Kommentar von mir gewünscht hatte. Er behielt insofern Recht, als dass der Effekt die Lieder bereichert.“ Grundsätzlich schließt Gordon den Einsatz neuerer Techniken nicht aus. „KI hat mich bislang aber nicht interessiert.“

Umso bemerkenswerter ist, wie zeitlos analog ihre Musik an anderer Stelle klingt. Die Vorabsingle „Not Today“ könnte ebenso gut ein Sonic-Youth-Outtake aus der „Rather Ripped“-Ära um 2006 sein: schlank produzierter, an die Strokes erinnernder Post-Punk. In der Pressemitteilung wird Gordon mit den Worten zitiert, sie habe „plötzlich auf eine Art gesungen, die ich lange nicht benutzt hatte“. Im Gespräch nennt sie „Not Today“ einen „Crap-Rock-Beat“ – was für ihre Fans, ganz im Sinne des Sprichworts „One person’s trash is another person’s treasure“, kaum weniger als ein Kompliment sein dürfte.

Analoges Erbe und neue Techniken

Hier stellt sich eine Frage, die Gordon selbst nie forciert, die sich aber nicht umgehen lässt: die nach dem Alter. Und ja – man sollte darüber reden. Nicht, um sie zu relativieren, sondern weil es kaum eine Frau in ihrem Alter gibt, die mit derart radikaler Musik eine so breite Öffentlichkeit erreicht. Gordon wird im April 73 Jahre alt. Dann gibt es noch Yoko Ono, sie ist 93.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Diese beiden Frauen verkörpern eine Avantgarde, die sich längst von traditionellen Songstrukturen gelöst hat: Melodie als Effekt, hohe Lautstärke als Ausdrucksmittel. Ihre Stimmen sind eher Material als Träger von Wohlklang. Natürlich haben die beiden Frauen längst zusammengefunden. Mit Ono (und ihrem damaligen Noch-Ehemann Thurston Moore) veröffentlichte Gordon 2012 das Album „Yokokimthurston“.

Mit der Scheidung von Kim Gordon und Thurston Moore verlor der Alternative Rock nicht nur sein prominentestes Paar, sondern letztlich auch Sonic Youth. Dass die New Yorker Noise-Band, die sich programmatisch dem Anti-Sexismus verschrieben hatte, dennoch Züge eines Boys Club trug, zeigen die Allianzen nach dem Zerfall des Quartetts. Gitarrist und Sänger Thurston Moore, Gitarrist und Sänger Lee Ranaldo sowie Schlagzeuger Steve Shelley standen immer wieder gemeinsam auf der Bühne; Shelley trommelt bis heute bei diversen Soloprojekten von Moore und Ranaldo mit.

Alter, Avantgarde und Sonic Youth

Die drei Männer vereinten sich in hohen Spielgeschwindigkeiten, die Frau mit ihrem Bass – auch wenn es ein hartnäckiges Rockklischee bedient –

hielt das Klangbild tonal geerdet.

Nun ist die Frau weg, und die Männer bleiben unter sich.

„Ich habe nie gesagt, dass ich keine gute Bassistin bin“, sagt sie. „Aber ich bin auch keine konventionelle Musikerin“. Gordon nahm innerhalb von Sonic Youth schon immer eine Sonderstellung ein. Moores oft panischer Tonlage und Ranaldos eher ungeschliffener Stimme setzte sie ihren Nico-tiefen Sprechgesang entgegen. Sie rezitierte Gedichte, etwa im schaurigen Piano-Stück „Secret Girl“ von 1986 – ein Lied wie aus einem Horror-Stummfilm, irgendwo zwischen Transgression, Lydia Lunch und Halloween. Gordons Stimme klingt damals wie heute kraftvoll und brüchig zugleich, ihre Kehle wie zugeschnürt, als könne jeder Satz ihr letzter sein.

Als Solomusikerin hat Kim Gordon als einziges Mitglied von Sonic Youth ihr angestammtes Instrument beiseitegelegt und zur Gitarre gewechselt – „weil ich damit besser improvisieren kann“, sagt sie. Raisens Wall of Sound trifft nun auf Gordons spärliche Intonation. Von allen vier Sonic-Youth-Musikern hat sie sich als einzige vom Alt-Rock-Arrangement entfernt.

Stimme, Instrument und Emanzipation

Diese Improvisationsfreiheit spiegelt sich in den Themen von „Play Me“, die im Zeitraffer durch das algorithmische Zeitalter führen: Künstliche Intelligenz, Silicon Valley, Plattform-Eliten, Longetivity-Evangelists. Davon singt Gordon in „Square Jaw“. „Die Weltwirtschaft steckt in einer gigantischen KI-Blase, und die Vermögenskluft wird immer gigantischer“, sagt sie. „Die Tech-Bros sind ein winziger Weiße-Typen-Milliardärs-Club, der alles lenkt.“ Gordon glaubt, dass die Tech Bros scheitern. „Sie wissen bereits, dass sie all das Geld nicht zurückbekommen werden. Also werden wir sie letztlich sogar retten müssen.“

Ein anderes Stück heißt „Post Empire“, und Gordon muss darin den Namen des Landes nicht einmal erwähnen, um deutlich zu machen, um welche Nation es geht. Imperial overreach bezeichnet die Überdehnung von Macht, wenn ein Staat stärker expandiert, als langfristig tragfähig ist. „Grönland ist ein echter Brennpunkt“, sagt sie. „Es fühlt sich an, als würden die USA nun Krieg gegen die NATO führen.“

KI-Blase und Imperialismus

Donald Trump trifft seine Entscheidungen so schnell und erratisch, dass zum Erscheinen dieser ROLLING-STONE-Ausgabe nicht einmal klar sein kann, ob er sich die zu Dänemark gehörende Insel nicht doch noch einverleibt hat. „Ich hoffe einfach, dass Trump verschwindet und ein Demokrat gewählt wird. Wir sollten dann alles rückgängig machen, was er getan hat“.

Amerika, sagt sie, werde immer ein Rätsel bleiben: „Tyrann und Versorger zugleich. Verbreiten wir Demokratie – oder ruinieren wir einfach andere Länder und plündern weiter ihre Ressourcen?“ Zur Zeit von Trumps zweiter Präsidentschaftswahl im Januar 2025 tourte Gordon durch Skandinavien – und war froh über den geografischen Abstand. „Dort fühlte ich mich sicherer, weniger ängstlich.“ Bei ihren jüngsten Auftritten trug sie ein Shirt mit der Aufschrift „Gulf of Mexico“. Vor gerade mal etwas mehr als einem Jahr hätte das niemand als politische Parole verstehen können.

Trump, NATO und Amerika

Für Kim Gordon ist die Gegenwart ein Paradox: Während immer mehr Menschen gegen Ungerechtigkeit auf die Straße gehen – vor allem in den USA, wo das brutale Vorgehen der Bundesbehörde ICE gegen Einwanderer bereits Todesopfer gefordert hat –, zieht sich die Gesellschaft zugleich in eine häusliche Passivität zurück. Entscheidungen werden ausgelagert und an Algorithmen delegiert.

Genau davon handelt „Play Me“, der Titelsong. Gordon singt über Spotify-Playlists, die von KI „kuratiert“ werden – Musik zu teilen heißt heute nicht mehr, ein Mixtape für eine Freundin zusammenzustellen. „Spotify-Playlists sind Teil einer immer stärker werdenden Bequemlichkeitskultur“, sagt Gordon. Für sie ist der Umgang mit Spotify eine politische Frage, die weit über Musik hinausreicht: „Ich habe das Gefühl, dass die Leute vergessen, wie man wählt – und was sie überhaupt wollen.“ Spotify entscheide, was Du gut finden sollst. „Außerdem hat Spotify genau wie YouTube Werbeanzeigen von ICE ausgespielt“ – indirekt, sagt Gordon, unterstützen beide Plattform damit die aus dem Ruder gelaufene Staatsgewalt.

Zuerst glaubt man, Kim Gordon rede über ein hochansteckendes, tödliches Virus, aber sie redet tatsächlich über Musik, die von Streamingplattformen ausgespielt wird: „Es ist unsichtbar, und es verbreitet sich über die Luft, und dann ist es überall. Aber niemand hört zu. Es ist, als wäre es nicht mal Musik. Es wirkt auf mich so, als würden die Leute keine Musik mehr hören. Und es spielt sich komplett im Hintergrund ab. Es lullt dich ein.“

Streaming, Algorithmen und Politik

Ob ihre Verwandten – die Tochter, die Enkel – manchmal das tun, was viele junge Menschen heute tun, Streamingzahlen zitieren, Abrufrekorde vergleichen? „Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich würde da auch nicht hinhören.“ Andere tun es allerdings sehr wohl: Die beiden meistgehörten Sonic-Youth-Songs auf Spotify sind das mit Chuck D. aufgenommene „Kool Thing“ (rund 61 Millionen Plays) und darüber noch die Anti-Reagan-Protesthymne „Teen Age Riot“ (rund 90 Millionen Plays).

Kim Gordon weiß natürlich, dass sie eines der wichtigsten Role Models für Frauen in der Rockmusik ist – und sei es über den Einstieg mittels des in nahezu jeder Streetwear-Boutique hängenden „Goo“-T-Shirts, mit dem von Raymond Pettibon gestalteten, monochromen Plattencover zweier Ausreißer im Auto. „Goo“ markierte 1990 den Moment, in dem der Underground in den Mainstream kippte, ohne sich ganz zu verkaufen.

Role Model und Rockkrise

Beim Gedanken an die oft beschworene „Krise der Rockmusik“ klingt Gordon nicht deprimiert, eher ermüdet: „Kids … sie wollen heute nicht mehr in einen Van steigen und touren. Und ich kann es ihnen nicht verübeln. Es ist einfach so schwer, mit Konzerten Geld zu verdienen – es sei denn, du bist längst ein Superstar.“ Gordon sagt, sie glaube noch an junge Rockmusik, aber sie sei schwer zu finden: „Die Leute lieben Geese. Aber revolutionär ist das nicht.“

Kim Gordon war bereits vor einigen Jahren von New York nach Los Angeles gezogen; die Vorstellung, dass die beiden Metropolen ihr Songwriting unterschiedlich, from sad to happy, beeinflussen könnten, wischt sie lachend beiseite („ein Klischee!“). Aber sie fährt Auto, um auf Textideen zu kommen, liest Schilder. Auf Instagram teilt sie viele Bilder aus ihrem Familienleben, etwa vor dem Weihnachtsbaum. Jehnny Beth, Imogen Poots, Cat Power, Natasha Lyonne, Marc Jacobs – sie alle hinterlassen Herz-Emojis unter ihren Posts. Prominente Fangirls und Fanboys überall.

Eines ihrer fixierten Postings zeigt die Dreharbeiten zum Video von „Not Today“. Gordon trägt ein blaues Seidentüllkleid von Rodarte und nimmt unter einem Kristallkronleuchter Ballettposen ein. „Das hat Spaß gemacht“, sagt sie. „Ich kann mir hochwertige Designerkleidung eigentlich nicht leisten.“ Neben ihrer Karriere als Musikerin hat Gordon immer wieder für Kampagnen gemodelt.

Los Angeles, Mode und Familie

„Dein Körper ist deine Leinwand. Du kannst die Umgebung kuratieren, wenn du mit Mode auf die Straße gehst.“ Gedreht wurde „Not Today“ in einem leerstehenden, holzvertäfelten Landhaus, das einst dem Hollywoodpaar John Cassavetes und Gena Rowlands gehörte; eine Aufnahme zeigt ein Badezimmer mit Wandmalereien von Rowlands‘ Mutter.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

In diesem April gibt Gordon ihre ersten beiden Konzerte des Jahres, im französischen Nantes. Außerdem verrät ein Instagram-Posting, dass 2026 ein Reissue des Sonic-Youth-Albums „Washing Machine“ von 1995 erscheinen wird – „ich weiß aber nicht, ob ich schon darüber reden soll.“
Für „Washing Machine“ verließen Sonic Youth erstmals seit vielen Jahren New York City, um auf dem Land neue Musik einzuspielen. „Das war meine liebste Aufnahmeerfahrung mit Sonic Youth“, schrieb Gordon zum Foto. „Wir fuhren nach Memphis, aßen jede Menge Barbecue, gingen am Ostersonntag in Al Greens Kirche und machten ein paar heiße Jams!“.

Auch in Los Angeles, wo sie ihre Kindheitsjahre verbrachte, lebt Kim Gordon weit weniger beengt als in der Ostküstenmetropole. Tatsächlich ist sie in Kalifornien glücklicher als seit Langem.

„Ich habe mein Haus. Ich habe meine Bäume“, sagt sie. Das muss so sein, auch, um sich abzuschotten von all den schlechten Nachrichten in der Welt. Trump und die Tech-Bros haben leider noch nicht aufgegeben.