Kraftklub: Wie „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ das Jahr bilanziert
Ausgerechnet jetzt: Kraftklub veröffentlichen ihr düsterstes Album. Was „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ über Chemnitz und das Kulturjahr verrät.
Im Jahr 2018 war Chemnitz die Großstadt mit dem weitaus schlechtesten Image in Deutschland. Das Ex-Industriezentrum, zwischenzeitlich Karl-Marx-Stadt geheißen, war auch weltweit durch rechtsextreme Ausschreitungen im Umfeld des „Nischel“ (so heißt das weltberühmte Karl-Marx-Kopf-Monument im Umgangston) in die Schlagzeilen geraten.
Parallel entstand um die Band Kraftklub („Geh nicht nach Berlin!“) und deren familiäre Ableger, etwa Blond, ein entscheidender popkultureller Gegenpol. Seinerzeit initiierten Kraftklub das „WirSindMehr-Konzert“ – ein Signal, das weit über die Stadt hinaus strahlte. Sechs Jahre später befand Sänger Kummer in einem Agentur-Statement: „Wir hätten uns schon gewünscht, dass dieses Problem klarer adressiert wird. Nicht dieses alte Mantra: Man müsse doch mit allen reden.“
Kraftklub, die soeben ihr aktuelles Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ veröffentlicht haben, wollten ansonsten nicht mit ROLLING STONE über ihr Verhältnis zur Kulturhauptstadt sprechen. Nicht ihr Bier. „Ich verstehe das. Sie wollten sich nicht direkt von uns einspannen lassen, sondern außen vor bleiben. So als kritische Künstler, die sich nicht vor den Karren einer Institution spannen lassen wollen“, sagte der Geschäftsführer der Kulturhauptstadt-GmbH Stefan Schmidtke im Vor-Ort-Gespräch.
Magische Momente auf dem Theaterplatz
Wenn Kummer und seine Crew ihre Heimatstadt reflektieren, klingt das wiederum selten nach Resignation – eher nach einer Mischung aus Zuneigung, Skepsis und dem typischen Kummer-Tonfall. Der Kraftklub-Frontmann (der auch im ungeliebten Berlin gelegentlich eine Residenz nimmt) hat die Licht- und Schattenseiten intensiv erlebt. „Wir haben das Jahr sehr genossen“, befindet er versöhnlich rückblickend. Nur eine mutigere Haltung gegen Rechtsextremismus hat ihm gefehlt.

Zum finalen Wochenende erschien unkoordiniert das neue Kraftklub-Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“. Die Songtexte sind keine neue Chemnitz-Analyse, sondern durchzogen von morbider Ironie – ein Blick auf Herkunft, Gegenwart und die manchmal enervierenden Liebe zu einem Ort, der ständig zwischen Aufbruch und Abgrund schwankt. Ein Spannungsfeld, das Kraftklub stets gestärkt hat. Die aufrechten Authentischen.
Großveranstaltungen im Rahmen des Kulturhauptstadt-Jahres wie das „Kosmos“-Festival hätten ihm ein fast vergessenes Gefühl zurückgegeben: „Schmetterlinge im Bauch“, sagt er. Eine vertraute Stadt, plötzlich neu aufgeladen mit Energie. „So kann sie eben auch aussehen.“
Blond, Power Plush und ein keckes Statement
Der Auftritt der Schwesterband Blond zusammen mit der Schumann-Philharmonie auf dem Theaterplatz im Sommer 2025 hatte gleich mehrere „magische Momente“. Neben den Lokalmatadorinnen von Power Plush absolvierte auch Rapperin Nura ihren Gast-Auftritt. Unangekündigt erschienen Kraftklub zu einem Blitzbesuch auf der Bühne – mit dem Song: „Schief in jedem Chor“.
Orga-Chef Stefan Schmidtke wusste zu berichten, dass sich Sänger Felix Kummer dabei als Oberbürgermeister verkleidet hatte. Ein keckes Statement der Ambivalenz zum offiziellen Kulturbetrieb.
Bilanz der Kulturhauptstadt
Abseits der Musik hat die Stadt der ehemaligen „Autounion“ (heute bekannt als Audi in Ingolstadt) Bilanz gezogen: Rund zwei Millionen Besucher sahen basisnahe Projekte wie die „3000-Garagen“-Aktion oder die Apfelbaum-Pflanzungen, aber auch neue Großkunst wie James Turrells monumentale Installation „Beyond Horizones“ im Bergbau-Museum „Kohlewelt“ im nahen Erzgebirgs-Städtchen Oelsnitz.
All das brachte ein überraschend breites Wir-Gefühl. Rechtsextreme fanden dabei quasi nicht statt. Dagegen wuchs ein gewisser Stolz in einer Region, die überregional meist links liegen gelassen wird.
Programmchef Schmidtke sprach bei der Schluss-Pressekonferenz von einem „neuen Selbstverständnis“, das weit über 2025 hinaus wirken soll. Klar ist auch: Der Schwung muss nun aus eigener Kraft weitergetragen werden – trotz leerer Kassen. Festivals wie „Theater der Welt“ und die Fortführung des kunstgesäumten „Purple Path“ durch die Erzgebirgs-Region sollen den Kulturhauptstadt-Effekt verstetigen.
Kraftklub bleiben dabei die lauteste und gleichzeitig präziseste Stimme der Stadt. Von „Kati“ Witt und Fußball-Rentner und Neo-Kunstsammler Michael Ballack mal abgesehen.