Kritik: „Spencer” – Die Prinzessin, die sich im Abendkleid erbricht


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Eine Raststätte in der englischen Pampa. Filterkaffee, Fish and Chips für zwei Pfund siebzig. Ein Ort für das Volk, keiner für die Königliche Familie. Aber da steht sie, die Prinzessin, mit Chanel-Handtasche und Chanel-Sonnenbrille, und fragt zaghaft in den Raum: „Wo bin ich?” Nicht da, wo sie hingehört.

Auf Schloss Sandringham bereiten sie die Festivitäten nämlich schon vor. Mit militärischer Präzision werden die Köstlichkeiten für die Weihnachtstage in die Kühlräume getragen, und die anderen sind bereits eingetroffen, Prince Charles, die Kinder, die Königin, nur sie, Diana, wollte mit dem eigenen Auto anreisen und hat sich verirrt. Wobei sich eine Prinzessin gar nicht verirren kann. Irgendjemand überwacht sie immer. Es dauert also nicht lang, bis eine Eskorte sie abholt. Die Kamera fliegt weit oben in der Luft, filmt die Wagen, wie sie sich dem Schloss nähern, als wäre es das Overlook Hotel aus „The Shining”. Trauergeigen vor grauem Himmel. Keine Frage: Dies ist ein Horrorfilm.

„Spencer” spielt an drei Tagen im Dezember 1991. Der Regisseur Pablo Larraín, der vor einigen Jahren einen ganz ähnlichen Film gedreht hat, „Jackie” über Jackie Kennedy, errichtet ein klaustrophobisches Stimmungsstück, das (fast) immer nah an seiner Protagonistin bleibt und den Prunk in kalten, körnigen Bildern entstellt. Larraíns Diana wird den ganzen Tag beobachtet, überwacht und zurechtgewiesen; die Feiertage sind eine Folter, sind nichts als Erwartungen, Druck und Familienpflichten (wer kennt es nicht?). Gleich die Ankunft auf Sandringham macht die perverse Reglementierung ihrer Person, und ihres Körpers, deutlich: Sie muss sich wiegen lassen. Denn, wie alle Anwesenden, soll sie in den nächsten Tagen drei Kilogramm zunehmen. Alles andere wäre unhöflich, ein Bruch mit der Tradition. Sie wehrt sich, zuerst, und gibt dann doch nach. Später erbricht sie sich, zerbricht im Abendkleid.

Ein Geist, ein Schatten, ein Mensch ohne Freude

Über weite Strecken ist Larraíns Film eine Variation dieser Zwangslage: Diana wird genötigt, etwas zu tun, das sie nicht möchte. Erst zeigt sie sich widerständig, und fügt sich letztlich doch. Diese Wiederkehr des Gleichen ist durchaus anstrengend anzusehen – zumal Jonny Greenwoods schwere Streicher das Gewicht, das auf ihr lastet, musikalisch betonen –, aber diese Erschöpfung beim Zuschauen spiegelt die Gefühlslage Dianas, ist eine Annäherung an ihren Geisteszustand. Auch im wörtlichen Sinne: Sie ist ein Geist, ein Schatten, ein Mensch, dem alle Freude entzogen wird.

Mit anderen Worten: Larraíns Diana ist die erwartbare Diana, die depressive Diana, die bulimische Diana, die bodenständige Prinzessin des Volkes, die nett zu den Bediensteten ist, die natürliche Mutter, die ihre Kinder vor der Strenge ihres Umfelds zu bewahren versucht, ein warmer Mensch, der an der Kälte des Königshauses erfriert. Larraín und sein Drehbuchautor Steven Knight versuchen gar nicht, sie als etwas anderes als die herzensgute, tragische Heldin zu charakterisieren, die sie in der populären Wahrnehmung spätestens seit ihrem Tod ist.

Das bedeutet, dass es an Hauptdarstellerin Kristen Stewart liegt, dieser Diana Leben zu geben, sie vor dem Klischee zu retten, sie zu einem echten Menschen zu machen. Und es gelingt ihr. Stewart ist so gut wie alle sagen. Die Traurigkeit, die Angst, die erzwungene Passivität, den widerständigen Geist, Stewart transportiert alles mit berührender Direktheit. Sie übernimmt die bekannten Manierismen (den geneigten Kopf, den schüchternen Blick, den poshen Akzent) und ist korrekt gestylt und gekleidet, lässt ihre Performance aber nicht zu der Imitation einer Ikone werden, sie findet eine emotionale Wahrheit und Tiefe in der Figur, eine, die im Drehbuch nicht unbedingt angelegt ist.

Der Regisseur als Boulevardjournalist

Manchmal können Larraín und seine Kamerafrau Claire Mathon (die mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen” den vielleicht schönsten Film der letzten Jahre fotografiert hat) nicht anders und geben sich den Kulissen hin, ästhetisieren Momente, die der Subjektivität der Protagonistin zuwiderlaufen. Eine der paradoxerweise schönsten Einstellungen zeigt die sich im Abendkleid erbrechende Prinzessin, ihre glitzernde Schleppe den Badezimmerboden bedeckend. Hätte man das visuell besser anders gelöst? Es drängt sich die Frage auf, ob Larraín den Voyeurismus des Boulevards, den er kritisiert, nicht selbst reproduziert.

Larraín lugt in genau die Zimmer, die auch die Fotografen der Yellow Press reizen würden, die Badezimmer, Schlafzimmer, Ankleidezimmer. Er nutzt die psychischen Abgründe, die sich da zeigen –ähnlich wie es ein Boulevardjournalist tun würde – als Material für sein Projekt. Nobel ist das nicht. Berührend, beklemmend, intensiv ist es trotzdem. Zumal Larraín, wo er kann, auf Dialoge verzichtet und Mathons Bilder (die Close-Ups von Stewarts traurigen Augen), Greenwoods Musik und, natürlich, Stewarts Gesicht sprechen lässt.

Eine gute Entscheidung auch, den ganzen Film an drei Tagen spielen zu lassen und anhand der Extremsituation eines Familienfestes das Gefangensein dieser Figur zu zeigen. Für jede Mahlzeit liegt ein Kleid bereit, jeder Moment eines Tages ist getaktet. Leider hält Larraín das Kammerspiel nicht bis zum Ende durch und entfernt sich in den letzten Szenen vom Schloss. Ein plötzlicher Wechsel der Tonart, der nicht ganz überzeugt, weil zuvor doch so wirkungsvoll etabliert wurde: Dies ist ein Horrorfilm. Es gibt kein Entkommen.