Explosionen, schwarzer Regen und tote Vögel: Aufwachen im Krieg in Teheran
Ein iranischer Dramatiker schildert das Leben in Teheran, während die Bombenangriffe der USA und Israels in ihre zweite Woche gehen.
In der Nacht zum 8. März bombardierte Israel Kraftstoffdepots außerhalb von Teheran, der iranischen Hauptstadt. Der Dramatiker und Filmemacher Homayoun Ghanizadeh wachte am nächsten Morgen auf – schwarzer Rauch und Verwüstung. Was folgt, ist sein Bericht als Privatperson, die versucht, inmitten eines unerbittlichen Bombenfeldzugs ein Stück Normalität zu bewahren.
Ich erinnere mich noch, dass kurz bevor ich einschlief, Trumps Spielzeug Teherans Öldepots in die Luft gejagt hatte. Mein Vater nennt amerikanisches Militärgerät Trumps Spielzeug. Ich mag seine Fantasie und die Art, wie er Trumps geistige Welt beschreibt. Ich wache auf und setze mich im Bett auf. Die Uhr auf meinem Handy muss kaputt sein, denn sie zeigt 8:45 Uhr morgens – draußen ist es aber so dunkel, als wäre mitten in der Nacht. Wahrscheinlich eine Internetstörung. Natürlich gibt es überhaupt kein Internet, das gestört werden könnte. Seit neun Tagen ist Khamenei tot, und der Iran ist von einem Moment auf den nächsten mitten in einen Krieg gefallen. Ich merke, dass meine Uhr eigentlich richtig geht – aber warum ist der Himmel noch dunkel und die Sonne verschwunden?
Ich trete auf die Terrasse und sehe, dass sich eine schwarze, undurchdringliche Schicht öligen Rauchs zwischen uns und die Sonne gelegt hat. Meine Partnerin hustet. Ihre Kehle brennt. Auch meine Augen tränen ein wenig. Durch das Fenster, halb verdeckt von den dicken gekreuzten Klebebandstreifen, mit denen inzwischen alle ihre Scheiben verstärken, sehe ich, dass mehrere Vögel tot auf der Straße liegen. Die Körper toter Vögel auf dem Asphalt zu sehen – so beiläufig wie die welken Blätter der Bäume – das wird für uns in Teheran langsam zur Normalität.
Sehnsucht nach Normalität
Meine Partnerin befürchtet, dass ich meinen Tag wieder mit einem Espresso in irgendeinem Café der kriegsversehrten Stadt beginnen will. Ihre Sorge ist berechtigt, denn genau das will ich. Ich will, wie so viele meiner Mitbürger, unsere alltäglichen Routinen zurück. Ein Stück Normalität inmitten von Chaos und Schrecken.
Vor unserem Apartment sieht mein weißes Auto aus, als hätte Trump persönlich Teer darüber gepinkelt. Wir steigen ein und fahren los. Die offiziellen Trauerfeiertage für Khamenei sind vorbei, die Läden müssten eigentlich geöffnet sein – aber die meisten bleiben zu. Sie hustet hinter ihrer Maske und reicht mir eine. Es ist 9 Uhr morgens, und die Luft wirkt dunkler als um 9 Uhr abends. Das kriegsgebeutelte Teheran ist zu einer apokalyptischen Stadt geworden. Das Wort „apokalyptisch“ hatte ich immer gemocht – aber ich wollte nie in einem solchen Zustand leben müssen.
Es scheint mir, dass die Aufregung, die in den ersten Tagen nach Khameneis Tod auf den Gesichtern der Menschen zu sehen war, heute verblasst und einer wachsenden Angst weicht. Von irgendwo in der Ferne sind mehrere weitere Explosionen zu hören, und aus einem Lautsprecher in der Nähe erhebt sich der Schlachtruf „Tod Israel“. Wir kommen an einem sinnlosen Checkpoint an. Sinnlos, sage ich, weil ich nicht verstehe, was sie von unseren Autos wollen, während Trumps Spielzeug ungehindert über uns fliegt. Am sauren, gereizten Gesicht des Wachmanns ist unschwer zu erkennen, dass er uns als Außenstehende sieht. Vor allem meine Partnerin, die kein Kopftuch mehr trägt.
Er weiß, dass wir nicht zu seinen Anhängern gehören. Wir wissen, dass er es weiß. Wir alle wissen, was hier gespielt wird – aber stattdessen starren wir uns einfach an und tauschen das, was in uns vorgeht, durch Blicke aus. Das kostet weniger. Sie rechnen uns zu jenen, die auf Erlösung gewartet hatten und glaubten, der Weg führe über einen amerikanischen Angriff und Onkel Trump, wie ihn viele nennen.
Schwarzer Regen über der Stadt
Mein Blick fällt auf einen Bäcker, der im weißen Kittel und mit einem weißen Tuch um den Kopf unter einem Regen läuft, der gerade eingesetzt hat. Der weiße Kittel und das Stirnband des Bäckers sind bald mit schwarzen Tropfen öligen Regens bedeckt. Eine weitere Explosion hallt aus der Ferne. Die Basij – Irans religiöse Miliz – am Checkpoint skandieren „Tod Israel“. Endlich, auf ein Zeichen des Basij hin, öffnet sich die Straße. Ich sehe ihn an. Schwarze, teerartige Tropfen setzen sich auf seinem wütenden Gesicht ab. Ich trete aufs Gas und fahre vorbei – und versuche, in dieser dunklen, chaotischen Stadt nur an den Espresso zu denken, der auf mich wartet. Meine Partnerin ruft: „Hast du Benzin?“ Ich sage: „Der Tank ist halbvoll. Warum?“
Sie deutet auf die Hunderte von Autos, die auf der anderen Straßenseite Schlange stehen, und sagt, das sei die Benzinschlange. Es schießt mir durch den Kopf, dass all diese Autos bald wohl ohne Treibstoff stehen bleiben werden – und während ich noch darüber nachdenke, erreiche ich endlich das Café Godot. Während ich den Espresso hinunterkippe, kämpft sich ein schwacher Lichtstrahl, so gut er kann, durch die Schichten öligen Wolkendunsts bis auf den Boden. Mein Blick bleibt an dem riesigen Plakat an der Straße hängen – Khameneis Bild darauf, darunter die Worte „Sein Gott ist lebendig“. Der nächste Bombenknall lässt die nicht abgeklebten Fensterscheiben des Ladens zittern.
„Was für eine eitle Illusion“
Jemand sagt, seine Arbeit sei getan, und von draußen ruft ein Basij: „Khamenei wird zurückkehren! Khamenei wird zurückkehren!“
Halblaut wiederholt der Ladenbesitzer Elon Musks Tweet als Antwort auf den verstorbenen Ajatollah – ein iranisches Sprichwort in Wahrheit: „Was für eine eitle Illusion“ – und bricht in Lachen aus. Mit dem nächsten Knall heben müde Vögel von den Bäumen ab, und eine weiße Katze, über und über mit schwarzen Flecken und Ruß bedeckt wie ein verspieltes Kind, das seine Kleider in einer Gasse beschmutzt hat, blickt uns gleichgültig an. Meine Frau hustet, und ich spüre, wie der Espresso mein Gehirn erreicht. Der neunte Tag des Krieges von Amerika und Israel gegen die Islamische Republik beginnt für uns alle gerade erst.