Leonard Cohen: Brillant und unergründlich


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Unter den jugendlichen Singer-Songwritern, die in den Sechzigern wie Pilze aus dem Boden schossen, galt Leonard Cohen, der Kanadier mit der tiefen, beschwörenden Stimme, als die graue Eminenz.

Seine Songs (oft mit Hilfe von Backgroundsängern vorgetragen, die einem griechischen Chor nicht unähnlich waren) thematisierten Liebe und Hass, Sex und Spiritualität, Krieg und Frieden, Ekstase und Depression sowie andere Klassiker aus dem großen Buch der Gegensätze.

„Ein Songwriter ist immer auch so was wie eine Nonne“

Cohen war ein Perfektionist, der manchmal jahrelang an den Details eines Songs feilte – was gerade bei seinen viel gecoverten Highlights wie „Suzanne“ und „Hallelujah“ unüberhörbar ist.

„Ein Songwriter ist immer auch so was wie eine Nonne“, sagte er dem ROLLING STONE 2014. „Man ist verheiratet mit dem großen, ewigen Mysterium. Es ist nicht unbedingt eine pflegeleichte Beziehung – aber das ist ja schließlich eine Erfahrung, die viele Leute auch in ihrer ganz normalen Ehe machen.“

1995 signalisierten Songs wie „The Future“ und „Democracy“, dass er der profanen Realität überdrüssig geworden war. Er legte seine Karriere – scheinbar endgültig – auf Eis und verschwand hinter den Mauern eines buddhistischen Klosters. Mit 74 feierte er ein überraschendes Comeback, ging auf eine mehrjährige Welttournee, auf der ihn die Welt begeistert feierte – und lieferte kurz vor seinem Tode 2016 mit „You Want It Darker“ noch einmal eines seiner brillanten, unergründlichen Alben ab.