Live-Kritik: Geisterbeschwörung mit Bono in Berlin


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Eine „Lesung“ war das nicht. Ein Konzert aber auch nicht. Was war das mit Bono im Berliner Admiralspalast? Natürlich drehte der Abend sich um seine Autobiografie „Surrender“, allerdings bloß ausschnittweise und mit viel Musik dazu. Eigentlich war es eher ein Theaterstück. Nur ein paar Stühle und ein Tisch standen auf der Bühne, im Hintergrund hatten sich eine Cellistin und eine Harfenistin platziert, am Rand stand Produzent Jacknife Lee am Mischpult. Das Publikum konnte sich gut auf all das konzentrieren, denn sämtliche Handys mussten weggeschlossen werden – ein Fakt, den zum Beispiel der angereiste Komiker Michael Mittermeier gar nicht so verkehrt fand, denn ausnahmsweise verlangten mal nicht Dutzende Leute Selfies mit ihm.

Nur wenige Menschen sind sofort so in ihrem Element, wenn sie ans Mikrofon treten, wie Bono. Er habe die Erlaubnis von The Edge, Larry Mullen Jr. und Adam Clayton bekommen, in diesem Rahmen ein paar U2-Songs zu singen, sagt er gleich zu Beginn – und später stellt er die drei Musiker sehr liebevoll einzeln vor – wer sind sie, was bedeuten sie ihm? Es ist kein Klischee, dass es bei dieser Band keinen Anführer gibt, es ist einfach so. Bono ist nur derjenige, der außerhalb viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Zum Glück lässt er all die Meetings mit Politikern, die in „Surrender“ viel Platz einnehmen, bei seiner Show weitgehend weg (ein kurzer Dank an Merkel und Scholz für ihr Entwicklungshilfe-Engagement muss reichen) und konzentriert sich auf die wirklich wichtigen Beziehungen in seinem Leben.

Bono

Bitte entschuldigen Sie, wenn ich ihnen nun keine genaue Abfolge des Abends liefere – mir ist schon beim dritten Song der Stift aus der Hand gefallen, weil Bono mit so viel Inbrunst „With Or Without You“ sang, dass es wieder wie neu klang. Und dann musste man sich der Geschichte einfach hingeben, siehe Buchtitel. Bono erzählt einigermaßen chronologisch, aber mit eindeutigem Schwerpunkt auf den Anfangsjahren aus seinem Leben und dem der Band, am lustigsten schmückt er die Begegnung mit Luciano Pavarotti aus. Hier zeigt sich, dass der Sänger auch ein Imitationskünstler ist – er spricht mit verschiedenen Stimmen, stellt Dialoge nach, beschreibt alle Szenen nicht nur mit Worten, sondern körperlich. Manchmal gerät das etwas zu theatralisch, besonders zu Beginn – vielleicht ist das eine geschickte Schutzmaßnahme: Immer wieder von einer Herzoperation erzählen zu müssen, die ihn fast das Leben gekostet hätte, ist schwer. Wenn er es darstellen kann wie eine Filmszene, ist es wahrscheinlich ein bisschen leichter. Nebenbei wird deutlich, dass dieser Bono zudem ein guter Zeichner ist – seine im Hintergrund projizierten Skizzen von Menschen und Szenerien, oft mit krakeliger Schrift versehen, untermalen das Erzählte so schlicht wie effektiv. (Was kann der Typ eigentlich nicht? Ach ja, still sein.)

Bono

Wie im Buch („me book that I have written meself“, wie er mehrfach betont) sind auch an diesem Abend die Familiengeschichten am berührendsten. Im Kern sind die knapp zwei Stunden Show vor allem eine Geisterbeschwörung. Immer wieder unterhält sich Bono mit seinem verstorbenen Vater Bob Hewson und erinnert an seine Mutter Iris, die starb, als er 14 war. Fortan wurde im Hause Hewson nie mehr über sie gesprochen – eine unfassbar brutale Situation für einen Teenager. Natürlich hat die aufgestaute Trauer und die Wut Bono erst zu Bono gemacht – das gibt er offen zu. Und in der ihm eigenen Selbstironie (die von Kritikern häufig übersehen wird) macht er sich auch ständig über sein übersteigertes Ego lustig. Seine Autobiografie sei ja nun der Gipfel: „All den Leuten, die sowieso schon genug von mir hatten, gebe ich jetzt noch mehr!“ Woran erinnert uns das? „You give it all, but I want more“, klar. Stimmt weiterhin.

Universal Music
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