Kritik: Bono Surrender – 40 Songs, eine Geschichte



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Natürlich geht es mit dem Herzen los. Womit sonst? Dieser kleine große Sänger hat die Musik seiner Band U2 oft als „Operation am offenen Herzen“ bezeichnet, eine Tournee hieß „Into The Heart“, und überhaupt geht es bei den Iren ständig darum, dass nur das Herz das Licht im Dunklen finden kann.

Dass Bonos Autobiografie nun aber mit so einem Schocker beginnt, ist doch bemerkenswert: Ende 2016 wurde die Metapher oben für ihn Wirklichkeit, acht Stunden lag er in New York auf dem OP-Tisch, es war knapp. Dieser Einstieg ist geschickt, denn wer Bono mag, ist jetzt gleich mal sehr froh, dass es ihn noch gibt. Und wer Bono nicht mag, findet in den 670 Seiten sowieso alle Kritikpunkte bestätigt: Unverbesserlicher Idealist, Scheinheiliger mit Messiaskomplex und so weiter.

Zum Glück ist Bono darüber hinaus ein grandioser Geschichtenerzähler, er findet die richtige Balance zwischen Offenheit und Distanz, sehr viel Selbstironie und gelegentlichem Schlaumeiern. Er kann so schreiben, dass man ihn dabei sprechen hört – dieser natürliche Flow ist nicht allen Rockstars gegeben, sonst wären viele Autobiografien nicht so dröge, wenn sie nicht gleich von Ghostwritern übernommen werden.

Bono sieht sich immer als Teil eines größeren Ganzen

Bono ist über sich selbst und seine Unzulänglichkeiten gut informiert, hier kommen auf jede Selbstbeweihräucherung mindestens zwei Selbstzweifel. Und er spielt seine vielleicht größte Stärke aus: die Loyalität. Je weiter man sich durch sein Leben liest – oft mit Zeitsprüngen, denn „Surrender. 40 Songs, eine Geschichte“ nimmt sich die Freiheit, nicht streng chronologisch zu berichten –, desto mehr bekommt man das Gefühl, der Musiker sei gar nicht denkbar ohne The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. („ein Viertelkünstler“) und der Mann nicht ohne seine Frau, Ali („ein halber Mensch“). Bono sieht sich stets als Teil eines Ganzen – erstaunlich für einen Egomanen.

So sind es dann gar nicht die riesigen Auftritte und die Begegnungen mit Angela Merkel oder dem Papst, mit Frank Sinatra oder Bill Gates, die das Buch so besonders machen – auch wenn es lustig ist, wie Bono sich in 10 Downing Street verirrt, nachdem Tony Blair ihn gebeten hat, selbst rauszufinden. (Ein Security-Mann hilft ihm schließlich.) Und unterhaltsam, dass er immer noch darunter leidet, dass er ausgerechnet bei Live Aid 1985 einen Bad-Hair-Day hatte. („Okay, manche sagen ja, ich habe ein Bad-Hair-Leben …“) Die Geschäftskrisen (Steueroasenkram, den blöden Deal mit Apple) spart er ebenso wenig aus wie die vielen Treffen mit US-Präsidenten, doch sie sind nicht der Kern dieser Erzählung (und manchmal ein bisschen langatmig).

Es sind die kleinen Momente, in denen die Liebe zwischen den Zeilen steckt: Wenn Bono auf seine Teenager-Tage mit Ali zurückblickt und zugibt, dass er auf Mädchen steht, „die aussehen, als würden sie ihre Hausaufgaben machen“. Oder wie U2 anfingen, eigene Songs zu schreiben, weil sie zu schlecht waren, um die anderer Bands gut nachzuspielen.

U2 als Schutzschild für Bono

Exemplarisch scheint ein Konzert von 1987 zu sein, bei dem Bono vorher Morddrohungen bekam und bei „Pride“ so viel Angst hatte, dass er die Hymne auf Martin Luther King nur mit geschlossenen Augen zu Ende singen konnte. Als er sie wieder öffnete, bemerkte er, dass Adam Clayton die ganze Zeit vor ihm gestanden hatte. Die Bandmitglieder waren schon immer Schutzschilde füreinander, und natürlich braucht der Mann im Zentrum am meisten Hilfe.

Immer wieder kommt Bono auf seine Eltern zurück, analysiert ihre Beziehungen zueinander. Mit dem Tod des Vaters, glaubt er, hat sich sogar seine Stimme verändert: „Jetzt war ich endlich ein echter Tenor, kein Bariton, der sich für einen Tenor hält.“ Der Kern der Liebe, schreibt er einmal, sei für ihn Trotz. In Bonos Leben gibt es von beidem sehr viel.

Drei Lieblings-Merksätze aus „Surrender“

  • „Ein Kompromiss ist teuer. Kein Kompromiss ist noch teurer.“
  • „Ich verkaufe Songs, Ideen, unsere Band und, wenn ich besonders gut bin, Hoffnung.“
  • „Die Liebe ist stärker als alles, was ihr im Weg steht, Aber eins ist sicher: Es gibt eine Menge, das ihr im Weg steht.“

Und eine Erkenntnis von The Edge – über Leute, die U2 nicht mögen: „Die geben sich einfach nicht genug Mühe.“ Das gilt auch für Bono und dieses Buch.


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