Macht euch auf weiter steigende Ticketpreise gefasst
Die Kosten explodieren – und Experten sind überzeugt, dass Live Nations Dominanz im Tourmarkt so schnell nicht endet.
In den Neunzigern verklagten Pearl Jam Ticketmaster in dem – letztlich erfolglosen – Versuch, die ausufernden Kosten eines Konzertbesuchs einzudämmen. Heute schlagen viele in dieselbe Kerbe, darunter Doc McGhee, der langjährige Manager von Kiss. Als er Ende der Siebziger als junger Mann in der Rockszene unterwegs war, kosteten die besten Konzerttickets zehn bis elf Dollar – umgerechnet heute etwa 50 bis 55 Dollar. Laut „Pollstar“, dem Branchenblatt für das Tourgeschäft, lag der durchschnittliche Ticketpreis im vergangenen Jahr bei rund 132 Dollar. Das entspricht einem Anstieg von 38 Prozent allein seit 2019, als ein Ticket noch vergleichsweise erschwingliche 96,17 Dollar kostete. „Es liegt an uns“, sagt McGhee. „Solange die Leute nicht sagen: ‚Wir gehen nicht mehr hin‘, steigen die Preise weiter.“
In diesem Sommer scheint genau das der Fall zu sein. Ein Ticket für eine von Harry Styles‘ 30 Shows im Madison Square Garden kann bis zu 1.000 Dollar kosten; für Alan Jacksons ausverkauftes Abschlusstourkonzert in einem Nashviller Stadion werden auf dem Schwarzmarkt bereits mehr als 5.000 Dollar aufgerufen.
Branchenveteranen nennen drei Hauptfaktoren für die astronomischen Ticketpreise: Angebot und Nachfrage, die sich in der umstrittenen Praxis des Dynamic Pricing widerspiegeln; grassierendes Schwarzmarktgeschäft; und ein dominierendes Unternehmen – Live Nation –, das an seinen 61 Amphitheatern und mehr als 200 weiteren Venues in Nordamerika sämtliche Einnahmequellen kontrolliert, von Bier über Essen und Parken bis hin zu den Ticketmaster-Gebühren. Viele hatten gehofft, die Kartellklage des US-Justizministeriums von 2024 würde den weltgrößten Konzertveranstalter zerschlagen – doch ein Vergleich vom 9. März lässt das unwahrscheinlich erscheinen.
Live Nations Antwort
(Vor Gericht bestritt Live Nation nahezu jeden Kritikpunkt der in diesem Artikel zitierten Quellen. „Es gibt keinen Beleg dafür, dass Live Nation oder Ticketmaster höhere Ticketpreise verursachen oder dass eine Zerschlagung des Unternehmens diese senken würde“, erklärte Dan Wall, Executive Vice President für Unternehmens- und Regulierungsangelegenheiten, gegenüber ROLLING STONE. „Wenn das Justizministerium oder die Bundesstaaten glaubwürdige Beweise gehabt hätten, hätten sie diese vorgelegt. Das ist nicht geschehen. Nach jahrelangen Ermittlungen und Zugang zu umfangreichen Daten gibt es nach wie vor nichts, was unsere Unternehmensstruktur mit höheren Preisen in Verbindung bringt.“)
Der Vergleich mit dem Justizministerium, der unter anderem vorsieht, dass Live Nation sich von 13 Amphitheatern trennen muss, mit denen exklusive Buchungsvereinbarungen bestehen, „ist nicht einmal bedeutend genug, um ihn als Klaps auf die Hand zu bezeichnen“, sagt Stephen Parker, Executive Director der National Independent Venue Association. Weil der Vergleich „praktisch nichts“ sei und „keinerlei Biss“ habe, würden Preise und Gebühren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiter steigen, ergänzt ein führender Konzertveranstalter.
Selbst die größten Stars sind diesem System gegenüber oft machtlos – wie Taylor Swift auf der Eras Tour erfahren musste. Darüber hinaus zeigten sich Mitarbeiter von Live Nation Ticketing in internen Nachrichten wenig mitfühlend gegenüber den Kunden, als sie darüber witzelten, dass Fans „so dumm“ seien und das Unternehmen sie „blind ausraubt, Baby“ – eine Anspielung auf hohe Park- und VIP-Paketkosten. (Vor Gericht bezeichnete Live-Nation-CEO Michael Rapino diese Nachrichten als „widerlich“ und „nicht die Art, wie wir arbeiten“.)
‚Legalisierte Ausbeutung der Fans‘
John Scher, ein New Yorker Konzertveranstalter, der seit Jahrzehnten mit dem Unternehmen konkurriert, behauptet, Live Nation erhöhe strategisch die Angebote an Künstler für Auftritte in seinen eigenen Sommeramphitheatern – statt in Arenen, wo auch konkurrierende Veranstalter Shows buchen können. „Wenn sie drinnen spielen, haben sie die Wahl zwischen [dem zweitgrößten Veranstalter] AEG oder einem Unabhängigen wie mir“, sagt Scher. „Aber Live Nation sagt den Acts: ‚Wenn ihr wartet und die Tour im April startet, zahlen wir euch 350.000 Dollar‘ – und viele sagen dann: ‚Gut, abgemacht.’“
In einer separaten Klage, die die Federal Trade Commission im vergangenen September gegen Live Nation und Ticketmaster eingereicht hat, standen „illegale Ticket-Weiterverkaufstaktiken“ im Mittelpunkt – Live Nation soll Scalpern den Einsatz von Bots ermöglicht haben, um reguläre Käufer aus den Warteschlangen beim Vorverkaufsstart zu verdrängen.
„Der Preis wird sich nicht ändern, bis wir diese legalisierte Ausbeutung der Fans stoppen“, sagt Randy Nichols, Vorstandsmitglied der National Independent Talent Organization (NITO), die Agenten und Manager von mehr als 5.000 Acts vertritt. „Fans zahlen weniger, wenn Bots aufhören, alle Tickets aufzukaufen und die Preise hochzutreiben.“
Hoffnung auf gesetzliche Obergrenzen
Derzeit in New York, Kalifornien und anderen Bundesstaaten eingebrachte Gesetzentwürfe könnten Wiederverkaufspreise deckeln, Künstlern ermöglichen, ihre eigenen Nominalpreise festzulegen, und sicherstellen, dass Fans nicht wesentlich mehr zahlen müssen – etwas, das seit StubHub das Schwarzmarktgeschäft Anfang der 2000er Jahre revolutioniert hat, nicht mehr der Fall ist. (Seit Jahren verkauft Ticketmaster selbst auch Tickets zu eigenen Shows online weiter.) „New York beschäftigt sich schon lange damit, und Kalifornien hat gerade eine Preisobergrenze eingeführt“, sagt Nathaniel Marro, Executive Director von NITO. „Da ist wirklich Hoffnung.“
Fielding Logan, Head of Touring beim Managementunternehmen Q Prime South, das Künstler wie Eric Church, Ashley McBryde und die Brothers Osborne vertritt, widerspricht der Einschätzung, dass höhere Gebühren auf Live Nations Marktdominanz zurückzuführen seien. „Ich kann mit absoluter Überzeugung sagen, dass das keinen Deut Unterschied bei den Ticketpreisen machen wird“, sagt er. „Was die Ticketpreise beeinflusst, ist die Tatsache, dass mehr Menschen eine Show besuchen wollen, als Tickets zu diesen Preisen verfügbar sind.“
John Kwoka, Wirtschaftsprofessor an der Northeastern University und Spezialist für Kartellrecht, hält Angebot und Nachfrage allein jedoch nicht für ausreichend, um das Geschehen zu erklären. „Ich gehöre zu den Ökonomen, die argumentieren, dass man manche Unternehmen aufteilen muss“, sagt er. „[Live Nation] ist eines der Unternehmen, die das beweisen.“