mgk in Berlin: Der Son of Anarchy baut weiter am Mythos
Der von Fans als „Multi-Genre-King“ bezeichnete Musiker spielte am Dienstag eine Show in Berlin.
„The myth. The legend. The last rockstar“ ertönt es in der Uber Arena zum flackernden Schriftzug „Lost Americana“. Schon Bob Dylan schwärmte im Trailer über das gleichnamige Album: „Es ist eine persönliche Ausgrabung des amerikanischen Traums“ und „Reise auf der Suche nach dem Verlorenen.“ Aber was genau ist da eigentlich verschüttgegangen?
„Legends burn so bright“, raunt ein pathetisches Intro, bevor die ersten Töne von „Outlaw Overture“ einsetzen. Machine Gun Kelly, der sich mittlerweile der Einfachheit halber mgk nennt, erscheint als Marlboro-Männchen in weiß-roter Lederjacke, neben ihm ein zigarettenförmiger Mikrofonständer. Eine versunkene Freiheitsstatue blinkt zombiemäßig im Hintergrund.
Was man schon weiß: Der Musiker arbeitet weiterhin Vollzeit an seinem Image als Son of Anarchy. Sein jüngstes Album bringt deshalb statt ausgelassenem Pop-Punk eher Route-66-Romantik mit. Ganz abgestreift hat er die Anarcho-„Era“ deshalb aber nicht: In Wien hatte es einige Tage zuvor dennoch einen Jackass-Moment gegeben, als einer seiner Roadies ohne Vorwarnung ins Publikum gesprungen und mit dem Gesicht voran auf dem Boden gelandet war.
mgk: Dreh in Berlin
Auf Instagram kündigte er mit dem Clip eine „non-scripted tour life version of The Office“ an. Wohl auch dafür drehte er tagsüber mit Fans in einem Berliner Skatepark. Der Dresscode: schwarz und bitte keine Handys. Hat fast geklappt:
Von jugendlichem Chaos ist auf der Bühne weniger zu sehen. Verständlich, da eine abwechslungsreiche Show gut durchgeplant sein muss. So verschwindet mgk zum Beispiel noch während „Goddamn“ hinter der Freiheitsstatue, um einen Moment später in schwindelerregender Höhe mit schwebendem Mega-Sturmfeuerzeug eine riesige Kippe anzuzünden.
Das Merch-Game ist mit Shirts, Parfüm und Caps ganz Americana-like durchgespielt. Durch die europäische Brille wirkt das eigentlich wenig lost. Vielleicht ist mgk schlichtweg auf der Suche nach dem noch nicht so woken und politischen Amerika, das ihn als Teenager in den 2000ern geprägt hat. Schon vor dem Konzert liefen zur Freude der gleichgepolten Zuschauer Alien Ant Farms Version von „Smooth Criminal“ und „Mr. Brightside“ von The Killers. Ein nostalgischer Soundtrack, der vom alten iPod aus der Schublade kommen könnte.
Geliefert wie bestellt: Zwei Stunden Show „für euer hart verdientes Geld“
Dass mgk enormes Talent und Gespür für Dynamik, Harmonien und Timing hat, steht außer Frage. Seine eigene Doku hat das bereits nahegelegt – subjektiv erzählt, ja, aber nicht unbegründet. Live geht diese Qualität ab und an im Überangebot aus Choreo-Tänzen, On-the-Nose-Symbolik und Selbstmythologisierung unter.
mgk kokettiert gern mit seiner Bühnenpersona: Er ist „Tortured Poet“, Sexsymbol, kaputter Romantiker. Er raucht demonstrativ, lässt Coaching-Sätze wie „Life is rainy and cold“ fallen, doch der Macker-Move folgt schon auf dem Fuße: „Soll das T-Shirt für den nächsten Song runter oder nicht?“ Nur der Louis-Vuitton-Gürtel sorgt dafür, dass noch eine Skaterhose am trainierten, aber schlanken Körper hängt. Die loyale Fan-Base von mgk hängt derweil an seinen Lippen und freut sich diebisch über den Mitsing-Moment auf der Bühne zu „Bloody Valentine“.
Auch mit „Lonely Road“, einem Quasi-Cover von „Country Roads“, rennt er in Deutschland offene Türen ein. Am Ende kann man tatsächlich ein bisschen in mgk Kopf schauen – und in dem ist mindestens so viel los wie in dieser unterhaltsamen Show-Wundertüte.