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Mithu Sanyal: „Muss wirklich jeder Polizist eine Dienstwaffe tragen?“


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„Das hat nichts mit Rassismus zu tun“, teilte mir der letzte Polizist mit, der mich aus einer Gruppe Freundinnen herauspickte, um meine Personalien zu überprüfen.
„Womit hat es dann zu tun?“, fragte ich ihn fasziniert. Anscheinend brachte ihn das in einen Erklärungsnotstand. „Sie sehen genauso aus wie das Mädchen, das wir suchen, weil sie Drogen dealt.“ Und dann kam die Pointe: „Und sie ist deutsch.“ Ich zwar auch, aber was er meinte, war, dass sie weiß war. Warum sie dann genauso aussehen sollte wie ich, erklärte er mir nicht. Offensichtlich merkte er, dass Racial Profiling nicht so cool ist. Er konnte es nur nicht lassen.

Racial Profiling bedeutet, Menschen verdachtsunabhängig zu kontrollieren, aber nur bestimmte Menschen. So wird mein Sohn dreimal die Woche angehalten, während seine Mitschüler die Polizei bei der Einschulung und der Verkehrserziehung treffen, und das war’s.

Racial Profiling ist in Deutschland natürlich verboten. Allerdings nicht überall. Zum Beispiel nicht in dem Stadtteil, in dem ich wohne. Der polizeiliche Fachbegriff dafür lautet „verrufene und gefährliche Orte“. Man kann es sich nicht ausdenken. Das Gefährliche daran ist der hohe Anteil von … Leuten, die aussehen wie ich. Da die Polizei uns häufiger kontrolliert, wird sie bei uns auch häufiger fündig, weshalb sie im Zirkelschluss davon ausgeht, dass Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund irgendwie gefährlicher sind als andere. Und das muss sich ändern!

Nicht im Sinne von: ein paar faule Äpfel, die sich an Nazi-Chatgruppen beteiligen, dispensieren – das bitte auch, wobei ich mir nicht sicher bin, ob Äpfel chatten –, sondern in dem Sinn, dass eine Institution mit einem Gewaltmonopol wie die Polizei auch die entsprechende Verantwortung allen Mitgliedern der Gesellschaft gegenüber tragen muss. Deshalb fordere ich die neue Regierung, wer auch immer sie stellen wird, auf, Antirassismus zum obligatorischen Bestandteil der Polizeiausbildung zu machen. Ich fordere sie auf, Gewalt – und, ja, auch Tode – in Polizeigewahrsam lückenlos aufzuklären. Ich fordere regelmäßige Supervisionen, damit ein Bewusstsein für unser aller rassistische Wissensbestände entsteht, denn Bewusstsein ist der erste Schritt, um Vorannahmen zu verändern. Und da wir gerade dabei sind, fordere ich auch eine grundsätzliche Reflexion darüber, was die Rolle der Polizei in einer modernen Demokratie sein soll. Welche strukturellen Änderungen sind nötig, damit die Institution nicht immer wieder in die Nähe zu rechten Chatgruppen/Drohmails/Polizeicomputer-Leaks rückt?

Richtig utopisch – und damit meine ich nicht unrealistisch – wäre auch eine Debatte über Sinn und Unsinn von Waffen: Muss wirklich jeder Polizist eine Dienstwaffe tragen? Mein Schwerpunkt liegt dabei mehr auf Community Policing und Deeskalation und weniger auf Repräsentanz von Staatsgewalt. Damit die Polizei im wahrsten Sinne des Wortes unser aller Freunde und Helfer wird.

„Identitti“ ist im Hanser Verlag erschienen.