Philip Glass: Meister der unverwechselbaren Direktheit


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Philip Glass hatte bereits seine wegweisende Oper „Einstein On The Beach“ veröffentlicht, da fuhr er noch Taxi, um sich die Miete und ein etwas opulenteres Mittagsmahl leisten zu können. 1978 war das – und der Komponist, der 1969 nach einem Klavierstudium an der Juilliard School in New York mit einem kleinen erfolglosen Ensemble angefangen hatte, war plötzlich so etwas wie ein Star in der sich zu der Zeit neu formierenden Klassikszene geworden. Doch daraus ließ sich eben noch keine Karriere zimmern.

Die jungen Postmodernen, die sich der Tonalität radikal verweigerten und unter dem Label „Minimal Music“ eine neue Haltung in das Genre einbrachten, hatten sich durchzusetzen begonnen – und augenscheinlich pfiffen sie auf die feine Etikette. Während Steve Reich, La Monte Young und Terry Riley diese Kunstform aber bis zur experimentellen Atomisierung jeder hörbaren Struktur weiter verdichteten, suchte Glass bereits das Weite und einen Freiraum für sich, der ihn bis heute zum wiedererkennbarsten Vertreter dieses so genannten Minimalismus macht.

Grenzritt zwischen U- und E-Musik

Inspiriert von asiatischen Klangkünstlern – und hier besonders Ravi Shankar – bereiste der Musiker Indien, wurde Buddhist, machte Yoga bevor es zum Trend wurde und wendete sich der Komposition für Theatermusiken zu. Obwohl es ihm möglich war, pfiff er auf eine akademische Karriere und schrieb Musik, was das Zeug hält. Mehr als 12 Stunden pro Tag sind es nach eigener Angabe bis heute – und so stehen weit mehr als 20 Opern, fast 40 Instrumentalwerke und unzählige Kompositionen für Film und Fernsehen für ein produktives Arbeitsleben, das stets den Grenzgang zwischen Pop- und Hochkultur, zwischen U- und E-Musik suchte.

Begriffe, die der umtriebige Glass allerdings zu vermeiden suchte. Stattdessen gründete er ein eigenes Ensemble in den 70er Jahren und wurde zum geschickten Geschäftsmann, der selbst die Säle für seine Konzerte buchte und sich dafür die Städte aussuchte, die zuvor noch kein einziges Klassikkonzert dieser Form erlebt hatten. Glass fand sein Material im unvertonten Alltag und vertiefte sich, stets ohne Berührungsängste, ebenso in mythischen Stoffen der Geschichtsschreibung (so in der Gandhi-Oper „Satyagraha“ oder in der Oper „Akhna­ten“ über den ägyptischen König Echnaton und die Amarnazeit) wie in den Klassikern der Literatur und des Kinos. Der Avantgarde-Komponist nahm sich Kafkas „Verwandlung“ mit dem Klavier zur Brust und entnahm der unheimlichen Kurzgeschichte ebenso viel Melancholie wie er seinen fantastischen „Glassworks“ wie beiläufig hinzufügte.

Zwischen Simplizität und Komplexität

Stets hat man das Gefühl, dass Glass‘ Werke lediglich Fingerübungen sind, lassen sie sich doch in ihrer Betonung auf entschleunigte repetitive Strukturen schnell als solche des Meisters erkennen. Aber nimmt man „Glassworks“ oder auch die „Dancepieces“ zum Beispiel, dann schält sich aus den einfachen Akkorden, die immer wieder stoisch aneinandergereiht werden und in Nuancen verändert scheinen, in Verbindung mit wechselnden Tempi, exotischem Instrumenteneinsatz und Jazz-Anklängen eine ureigene Atmosphäre heraus, die Glass auch in seinen faszinierenden Soundtracks für „Koyaanisqatsi“, „Powaqqatsi“, „Candymans Fluch“ (!), „The Truman Show“ oder „The Hours“ wie selbstverständlich ausspielen konnte.

Seifige Filme „Atemlos“ mit Richard Gere sogen seine Klänge dankbar auf und veredelten (oder verramschten) sie damit zum Allgemeingut. Auch der Popmusik schenkte er einige „Songs From Liquid Days“ mit Texten von Suzanne Vega, David Byrne, Laurie Anderson und Paul Simon. Letzterem half er auch bei den Aufnahmen zu „Graceland“ im Studio aus.

Zwischen Publikumsverehrung und Kritikerschelte

Von Erfolg wurde Glass verwöhnt, doch die Kritik hat es stets vermieden, den in Interviews stets nachdenklich wirkende Musiker vor blassen oder gar gehässigen Etiketten zu verschonen. Glass wurde als Langweiler verschrien (manche seiner Werke verzogen sich zu vierstündigen Meditationen), zum Kitschkünstler degradiert und für jedes einzelne seiner Werke ließ sich mindestens ein Referenz-Stück finden, das die Originalität relativierte.

Der amerikanische Eigenbrötler war eben noch nie in eine Schublade zu stecken, was seinen Verkaufszahlen und effektvollen Auftritten aber kaum schadete. Sein Gesicht dürfte zudem dank ikonographischer Fotografien und der berühmten Verewigung durch Maler Chuck Close selbst den größten Musikbanausen etwas sagen.

Die Ideen gehen Philip Glass glücklicherweise auch im Spätherbst seiner Karriere nicht aus: Inzwischen gibt es 12 Symphonien von ihm, mit „The Perfect American“ brachte er eine gefeierte Oper über die dunklen Seiten von Walt Disney auf die Bühne und an der zurecht gefloppten Kino-Neufassung von „Fantastic Four“ konnte seine subtile Klangkunst noch einmal frisch und frei glimmen, ohne dass sich lästige Bilder darüber legten.