Public Enemy: „Fuck Elvis!“

Große Klappe - und durchaus was dahinter: Seit zwei Dekaden gilt Chuck D, Mastermind von Public Enemy, als politisches Gewissen der HipHop-Generatin. Und sein Wort hat noch immer Gewicht - ein Porträt des letzten großen Radikalen im HipHop.

Der Sommer 2008 wird in den USA heißer als sonst. Schuld ist ein Klimawandel der anderen Art. Und dessen Auslöser ist ein agiler 47-jähriger Afroamerikaner namens Barack Obama, der langsam, aber sicher mit seinem Charisma und seinen politischen Ideen das Land überrollt. Den Soundtrack zu diesem Prozess liefern Amerikas Rapper, zum Beispiel Will.I.Am und Kanye West. Beide werben mit Unterstützersongs offen für den Kandidaten. Ebenso Jay Z, dessen Tracks meist auf YouTube benutzt werden, um Pro-Obama-Clips zu untermalen.

Ganz so unpolitisch und hedonistisch, wie die 50 Cents dieser Welt vermuten lassen, scheint die Rap-Bewegung anno 2008 also nicht zu sein. Andererseits: Unter denen, die sich da plötzlich zum Thema (Rassen-)Politik melden, sind nicht wenige allenfalls Trittbrettfahrer. Ener jedoch hält sich verdächtig ruhig in diesen Tagen: Chuck D, das Alphatier des politischen Raps.

Mitte der achtziger Jahre definierte er mit Public Enemy den politischen Zweig der HipHop-Bewegung. Es war die Zeit, als Amerika von den Reaganomics durchgeschüttelt wurde und die schwarze Bevölkerung am meisten darunter zu leiden hatte. Kaum einer machte so deutlich klar, dass HipHop und Rap zunächst mal ausschließlich Sache der Schwarzen waren, der in sich geschlossene Mikrokosmos Public Enemy ließ die Vorstellung, das Weiße und Latinos ebenfalls solche Musik machen könnten, einfach nicht zu. Rap wurde zum Sprachrohr, zum „CNN des schwarzen Mannes“ wie Chuck skandierte. Leute wie der Bronx-Rapper KRS-One sowie einige Musikjournalisten verglichen den Rap prompt mit den Gesängen der afrikanischen Griots und der Sklavenmusik der US-Südstaaten – was dem noch jungen Stil ein Image verschaffte, das so schwarz war wie die Vinylplatten, auf denen er in die Welt hinausgetragen wurde.

Rap, das war zuvor ein in der New Yorker Bronx beheimatetes Lebensgefühl, das der Leichtigkeit der Disco-Ära die Härte des Alltags entgegenhielt. Politisch waren die Inhalte dieser Musik allemal, nur mangelte es ihr da noch an Durchschlagskraft, an Wucht, es fehlte die Aggressivität. Hank Shoklee, Produzent von Public Enemy, war es, der die Soundwände errichtete, die den Songs ihre Power verliehen. Statt Disco-Loops türmte er hunderte von Soundfetzen zu mächtigen Kaskaden auf. Dazu kamen Chuck D’s Reime, die sich erstmals nicht am Takt orientierten, nur ab und zu auf der Zwei und der Vier landeten und so einen ganz eigenen Flow begründeten – das gleiche Prinzip, das auch dem Funk zugrunde liegt.

Im Laufe der Jahre gingen Chuck D jedoch die Feindbilder aus. Trotz der Ära Bush konnte sich die afroamerikanische Mittelschicht verdreifachen, man schickte seine Kids aufs College und eroberte sich ein Stück des weißen Kuchens. Den krassen Gegensatz zur aufgeräumten Bürgerlichkeit der Vorstädte bildet heute die aktuelle Rap-Musik, dominiert von Schwarzen, die sich gerne als „Nigga“ bezeichnen und mit Waffen, Drogen und dem angeblich damit verdienten Geld brüsten.

Politik spielt da bestenfalls die zweite oder dritte Geige. Die Ursache dafür sieht Chuck D indes nicht bei seinen eigenen Leuten, die wahren Schuldigen sitzen seiner Meinung nach in den Plattenfirmen: „Wenn in einem Song Worte wie George Bush, Irak oder der Hurricane ‚Katrina‘ vorkommen, reicht das aus, dass er im Radio nicht gespielt wird. Die Lobby aber kümmert sich da kaum drum, lieber kämpft sie um einen großzügigeren Umgang mit den Wörtern Bitch, Nigga und Hoe.“ Den Kollegen gibt Chuck D den väterlichen Rat, auf diese Signalbegriffe zu verzichten und positiver zu sein. Gleichzeitig aber disst er Kanye West, seines Zeichens Abräumer des letzten Jahres und in der Szene als großes Ausnahmetalent anerkannt, als den „neuen Elton John„. Kanye gilt als die neue Hoffnung der afroamerikaischen Bevölkerung, als Inbegriff des Traums von einer fest etablierten Mittelschicht. Und die braucht schließlich nicht nur einen Kenny G oder einen Gartn Brooks, sondern eben auch einen Kanye West.

Von Anfang an war es die eine Frage, die Chuck D besonders umtrieb: Wer hat denn nun den Schwarzen ihre Seele gestohlen? Klar ist: Der weiße Mann war’s. Elvis war’s, die Bosse, Präsidenten, der allmächtige Dollar. Dazu aber fallen einem auch noch die alten Weggefährten in den Rücken. Kollege LL Cool J etwa. Der erklärte 2003 bei einer Kongressanhörung, dass er einen stärkeren Protektionismus der Musikindustrie gegenüber neuen Technologien unterstütze. Ein Statement, dem Chuck D prompt einen strengen Kommentar folgen ließ: „Uncle L hat einen Jigaboo -Steptanz für die Bosse hingelegt!“

Schwarz. Weiß. Gut. Böse. Das sind die Kategorien, in den Chuck D öffentlich denkt, denken muss, denn nur so kann er seine Botschaft unterbringen. Elvis fungiert dabei als ein Synonym dafür, dass es weiße Unterschichts-Erfolgsgeschichten zwar geben darf, aber bitte nicht auf Kosten der Schwarzen. Unversöhnlich Chucks Urteil in dieser Sache: „Elvis war für die meisten ein Held. Mir aber bedeutet er absolut nichts. Er war ein verdammter Rassist. Ganz einfach: Fuck Elvis! Und fuck John Wayne!“

So gesehen geht Eminem laut Chuck als neuer Elvis durch, denn der weiße Junge aus Detroit hat sich die Rap-Kultur zunutze gemacht, um aus der Unterschicht aufzusteigen. Die Gretchenfrage aber lautet: Darf der das? Hat er die schwarze Rap-Kultur ausgebeutet? Die Antwort gibt Eminem selbst im autobiographischen Spielfilm „Eight Mile“. Darin zeigt er, dass er einer von ihnen war, dass er sich durchgesetzt hat, der Freak unter Ausgestoßenen, noch dazu ein Pillen fressender, peroxydgefärbter Weisser, der obendrein eher aussah wie ein Raver-Kid. Elvis dagegen sah aus wie ein Countryboy. Beide verkaufen Millionen von Platten, also muss Eminem der neue Elvis sein. Schließlich kopierte er den Rap wie einst Elvis den Rythm’n’Blues. Welch großartiges Talent Eminem gerade auf seinen ersten Platten bewies, steht bei derlei Credibility-Debatten eher nicht zur Diskussion. Immerhin, so bestätigt Chuck D, „ist Eminem sympathischer und hat größeren Respekt für die schwarze Musik“.

Em hin, Em her, die Deutungshoheit in Sachen Ideologie hat noch immer Chuck D inne, wer sonst? Die bis heute gültige Ikonographie des Rap hat Chuck D von Anfang im Blick gehabt und nach Kräften perfektioniert. So hat er das markante Public-Enemy-Logo entworfen – ein Kunststück im Wortsinne, denn vor seiner Rap-Karriere hatte er Grafik studiert – und auch die Gruppe selbst war vom ersten Tag an streng durchdesigned. Chuck D trat auf als ebenso eloquenter wie charismatischer Anchorman, daneben produzierte sich sein durchgeknallter faustischer Sidekick Flavour Flav, flankiert von der S1W (einer Art Black Panther Ballett) und dem sogenannten Informationsminister Professor Griff, der wegen allzu großen Sendungsbewusstseins und öffentlich verkündeter antisemitischer Statements allerdings 1989 kurzfristig entsorgt werden musste.

Mit dem berühmten Ausspruch, dass Rap das „CNN des schwarzen Mannes“ sei, profilierten sich Public Enemy als politische Führer einer ganzen Generation. Allerdings: Das Programm sahen außer der afroamerikanischen Bevölkerung auch die urbanen weißen Kids, die sich neben dem Punk auch für die Beastie Boys und die Radikalität von Public Enemy begeistern konnten. Mit dem Aufstieg des Rap zur Massenmusik sind im übrigen jede Menge Programme hinzugekommen, und ein jedes von ihnen hat seine ganz eigene Wahrheit zu verkaufen. Jay-Z’s Programm etwa könnte dem des Pay-TV-Senders HBO entsprechen, 50 Cents Adresse wäre Foxnews, nicht zu sprechen von hunderten von Spartensendern, die von Leuten wie Lil’John, Rick Ross, Athmosphere oder Anticon belegt werden. HipHop hat heute so viele Wahrheiten wie es Rapper gibt, Internetseiten und Fans. Deshalb kämpfen viele nur noch um das richtige Image, weg vom Bild des Gangstas, weg vom goldkettenbehängten Hedonismus. Jenseits der Oberflächlichkeit gibt es dennoch weit mehr Rapper mit wirklichen Inhalten. Die frühe Globalisierung der Bewegung hat das Ihre dazu getan, heute trifft man in beinahe jedem Land der Welt auf lokal relevante Rap-Künstler, die ihre spezifische Situation zum Thema machen. Die großen Konzerne versuchen derweil mit Finanzkraft die Oberhand über die Kanäle zu erringen. Damen im Bikini sind dabei gern gesehen, und der schwarze Mann mit Waffe und Goldschmuck erzeugt noch immer angenehmes Gruseln. Ihr Kernpublikum jedoch hat die Industrie schon lange verloren, weshalb die Videoclips auch gern mal dort laufen, wo sie hingehören, in Turnschuhläden und bei Burger King. Rap-Fast-Food für den Exund-Hopp-Konsum. Ein Public-Enemy-Video ist in einem solchen Umfeld kaum vorstellbar – es würde ohnehin keiner erkennen. Wer schaut schon Nachrichten beim Sneakers-Kauf? Also tourt Chuck D weiter. Nicht nur mit Public Enemy, denn die Gruppe lässt sich selbst von Chuck D kaum unter Kontrolle bringen beziehungsweise zusammenhalten. Flavour Flav raucht Crack, geht in den Entzug und verdingt sich als Bachelor Clown bei VH1, ein Abstieg, vor dem ihn auch Chuck nicht retten konnte; Professor Griff meldet sich gewohnt regelmäßig und ungefragt mit politisch unpassenden Kommentaren. Chuck D indes trägt seine Botschaft unverdrossen weiter dorthin, wo sie gebraucht und/oder verstanden wird. Er ist politische Instanz, Moralapostel, gern gebuchter Redner an den Universitäten. Seine Vorträge sind Unterricht in Systemkunde. Chuck D hat die Aura eines Freiheitskämpfers, ist so etwas wie der Che Guevara des HipHop.

Seinen Kampf für die Revolution hat Chuck D nie aufgehört zu kämpfen, auch wenn sich die Frontverläufe geändert haben. Mag sein, dass einige seiner Motive und Aussagen überholt scheinen, doch er hält sich an die alte Devise „action speaks louder than words“. Schneller als die anderen erkannte er die Möglichkeiten neuer Technologien, allen voran die des Internets. Über seine Websites slamjam.com und rapstation.com vertreibt er Downloads und News Services. Im Jahr 2004 gründete er weit unter dem Radar der Öffentlichkeit sogar einen Vertrieb für Klingeltöne. Die Demokratisierung von Musik ist ihm ein großes Anliegen, P2P bedeute für ihn kein illegales Tauschgeschäft, bei ihm steht es für für „Power 2 The People“. „Die Industrie hat nicht rechtzeitig die Möglichkeiten des mp3-Formats erkannt – jetzt versucht sie zu verhindern, dass diese genutzt werden.“ In letzter Konsequenz rief Chuck D vor einigen Jahren die Fans auf, PE-Songs zu remixen, die auf slamjam.com veröffentlicht wurden.

Wird der schwarzen Musik jemals Gerechtigkeit widerfahren? Nein, so glaubt Chuck D, nicht solange es Plattenfirmen gibt und an Musik Geld verdient wird. Es ist das System, welches krankt: „Rap lebte lange Zeit von Samples, dann begannen Musiker, ihre Rechte an den Samples einzuklagen. Das ist eigentlich gut so, denn dadurch profitiert der Musiker. Doch die meisten schwarzen Musiker besitzen überhaupt keine Rechte an ihren Stücken, selbst ich bekomme für meine alten Platten keine Royalties mehr. Als die Industrie erkannte, das mit Samples Geld zu verdienen ist, eilten die Anwälte los und sicherten sich alle möglichen Rechte, um auch diesen Extra-Buck zu machen. Heutzutage kannst du gar keine Rap-Platte mehr machen, ohne mindestens die Hälfte der Einnahmen abzugeben.“ Doch der Drummer, dessen Snare tausendfach gesampelt wurde, sieht keinen müden Cent.

In der Szene hat Chuck Ds Wort nach wie vor auch Gewicht hinter den Kulissen. So wurde er dieses Jahr als möglicher Nachfolger von Jay Z in der Position des Def-Jam-Präsidenten vorgeschlagen. Und das sicher nicht, um den ganzen Laden umzukrempeln, sondern um auf diese Weise dringend nötige Veränderungen anzumahnen, die auch ein Business-Talent wie Jay Z nicht bewerkstelligen konnte. Die Wahl viel letztlich auf Shakir Steward, der für Künstler-Signings wie Rick Ross und Young Jeezy verantwortlich ist. Im Rap-Biz bleibt also alles beim alten: Cash, money, hoes…

Chuck D kümmert sich inzwischen um sein politisches Netzwerk. Zu dem gehört auch Louis Farrakhan, Führer des radikal-rassistischen Bewegung „Nation of Islam“ und Instanz mit erstaunlichem Fmfluss auf die Popkuitur sein Name jedenfalls fällt in Songtexten öfter als der des Papstes. Regelmäßig wird er als Redner zu HipHop-Summits geladen. Chuck D und Farrakhan stehen sich nahe und marschierten 1995 Seite an Seite beim „Million Men March“ auf Washington. Der in den USA nicht unumstrittene Farrakhan hält den Kontakt zur Rap-Szene und sichert so seinen Draht zur Jugend. Religion spielt in den USA immer noch eine große Rolle, Run DMC bekannten sich als New Born Christians, seitdem nennt sich Joseph „Run“ Simmons „Reverend“ und hält gern mal einen Gottesdienst ab. Chuck D bekennt sich zwar nicht öffentlich zu einer Religion, dafür aber klar zu Louis Farrakhan. Vor einigen Wochen stellte der sich öffentlich hinter Barack Obama, nannte ihn „die Hoffnung Amerikas, für die ganze Welt“, und verglich ihn gar mit dem „Nation of Islam“-Gründer Fard Mohammed, der Obama eine weiße Mutter und einen schwarzen Vater hat: „Ein schwarzer Mann mit einer weißen Mutter kam als Erlöser zu uns, und ein schwarzer Mann mit einer weißen Mutter könnte derjenige sein, der Amerika rettet.“ Chuck D ist weniger euphorisch, er hat einen anderen Traum: „Obama soll erst acht Jahre Vizepräsident sein, dann weitere acht Jahre Präsident, nur so kann er genug bewegen!“ Public Enemy jedenfalls haben auch nach ihrem 20jährigem Jubiläum nicht an Wucht verloren, zählen noch immer zu den einflussreichsten Gruppen der letzten Jahrzehnte. Ob sie allerdings auch heute noch etwas bewegen können, wird sich zeigen. Im August erscheint ihr neues Album „Science Faction“. Mehr Nachrichten also im Herbst. Hoffentlich gute.

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