Raye beim Montreux Jazz Festival: Überraschungsgäste und viel Freude
Beim Auftakt des 60. MJF begeisterte Raye mit einer Zeitreise durch Soul, R&B, Jazz und Pop
Der Auftakt der 60. Ausgabe des Montreux Jazz Festivals musste natürlich etwas Besonderes werden. Nicht nur, dass das legendäre Auditorium Stravinski neu eröffnet wurde – immer noch mit grandioser Akustik, jetzt mit einer achteckigen Bühne in der Mitte des Publikums, die sich langsam drehte. Schon zum dritten Mal in Folge tritt Raye bei diesem Festival auf, das sie als „vielleicht bestes überhaupt“ bezeichnet – und der Abend wurde mit einer vielversprechenden Warnung angekündigt: „This stage may contain moments in time!“ Tatsächlich macht sich die britische Sängerin auf eine Art Zeitreise durch Soul, R&B, Jazz und Pop, unterstützt von einem riesigen Aufgebot an Musiker:innen, mit Bläsern und Streichern, vor allem aber mit viel Leidenschaft und Traditionsbewusstsein.
Raye zollt ihren Vorbildern Tribut und stellt ihr Talent aus
Raye erinnert sich mit „Who Knows Where The Time Goes“ an Nina Simone, mit „Rock Steady“ an Aretha Franklin. Und dazwischen müssen sich ihre eigenen Lieder, „Beware… The South London Lover Boy“ und „Skin & Bones“, gar nicht schämen – keine kleine Leistung.
Dann kommt schon der erste Stargast auf die Bühne, Mark Ronson. Es folgt sein „Uptown Funk“ und das gemeinsam komponierte „Suzanne“, die Euphorie ist groß. Vor und auf der Bühne. Immer wieder betont Raye, was für eine Ehre es sei, hier zu stehen, wo all ihre Vorbilder standen. Wie ihre Kollegin Adele macht sie elegante, weit ausholende Musik, ihre bodenständigen Ansagen bringen sie zwischendurch aber ganz nah ans Publikum.

Sie covert James Brown („Get Up“) und Ray Charles („Georgia On My Mind“), vielleicht etwas arg offensichtliche Stücke, aber das sei ihr verziehen, weil sie es mit so viel Charme macht. Berührender ist ihr Herzensbrecherlied „Nightingale Lane“, auch bei Princes „Purple Rain“ singen alle mit.
Plötzlich kommt Alicia Keys strahlend auf die Bühne
Der Applaus, der aufbrandet, als sie die nächste Duettpartnerin aufruft, ist enorm: Alicia Keys kommt ihr strahlend entgegen, und beide lächeln die nächsten zehn Minuten permanent, während sie „If I Ain’t Got You“ und „Oscar Winning Tears“ singen. Immer wieder setzt sich Raye auf den Boden, als müsse sie sich selbst erden. Bei „Fields“ gedenkt sie ihres Schweizer Großvaters, und dann begrüßt sie auch noch ihre beiden Schwestern Absolutely und Amma – und „Joy“ gerät zum familiären Freudenfest. Als sie übermütig ruft, es müsse jetzt 44-mal „I declare there will be joy!“ wiederholt werden, ist klar: Notfalls machen das hier alle.
Eigentlich hätte Raye gern auch noch Al Green dabei gehabt, aber der säße leider in Tennessee fest und wolle da nicht weg, erzählt sie. Und er ist halt auch schon 80 Jahre alt. Vielleicht nächstes Mal! Zum Trost kommt als krönender Abschluss ihr immer wieder höchst vergnüglicher Hit „Where Is My Husband?“ Dass es für Raye ein nächstes Mal in Montreux geben wird, steht außer Frage. Ob sie diesen Abend dann toppen kann? Wer, wenn nicht sie.