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69 Hotelzimmer Michael Glawogger


Der Stich einer infizierten Fliege, ein schadhafter Malaria-Schnelltest: Das kann einen Menschen das Leben kosten. So erging es Michael Glawogger im April 2014 in Liberia. Der renommierte Dokumentarfilmer („Workingman’s Death“, „Whore’s Glory“) war auf einer Reise, die ein Jahr dauern sollte, für einen „Film ohne Titel“. Mit der Premiere dieses Films sollte auch sein Erzählungsband erscheinen, der jetzt jedoch posthum vorgezogen wurde. Leitmotiv der hier versammelten, sich über Jahrzehnte erstreckenden Geschichten ist ein Hotel. Es sind jedoch keine 69 Geschichten, sondern 96 (Spiel mit Zahlen) minus eine (die 13 fehlt). Schon das Einchecken in ein Hotel sei ein kleiner Tod, hat Oliver Maria Schmitt mal geschrieben, das Zuhause ist somit das Diesseits. Glawoggers Geschichten aus den Hotelzimmern und über diese changieren zwischen Realität und Traum, sein Erzählteppich lässt eindrucksvoll einen so noch nie gelesenen Blick auf die Welt entstehen. Sein Buch ist wie eine der Drogen, von denen man, hat man sie einmal gekostet, nie genug bekommen kann. Mit die beste Prosa dieses Jahres.

Jürgen Lentes


Kritik: U2 live in Berlin – dank „Achtung Baby“ die Kurve gekriegt

„Narrativ“ ist das aktuelle Lieblingswort vieler lieber Journalistenkollegen, es hat die „Auserzählung“ von 2017 abgelöst. Kaum eine Seite, auf der das „Narrativ“ nicht vorkommt, also dürfen auch wir es ausnahmsweise verwenden: Für das Abschlusskonzert ihrer „Experience + Innocence“-Tour haben U2 das Narrativ ihrer Kindheit in Irland gegen das Narrativ ihrer zweiten, lebensrettenden Chance als Band, den Studio-Aufenthalt in Berlin 1990, ausgetauscht. Heißt ganz einfach: Die „Innocence“-Songs flogen aus dem Set, die „Achtung Baby“-Stücke kamen rein. Oder, noch einfacher: Aus einer sehr mittelmäßigen, vielleicht ihrer am wenigsten begeisternden Tournee seit 1980 ist am Ende noch eine gute geworden. „Zoo Station“, „The…
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