Angel Olsen „Big Time“ – Schimmer des Intimen


Cargo (VÖ: 3.6.)


von

Seit k.d. lang oder – in letzter Zeit – Weyes Blood hat man solche opulent arrangierten, intim schimmernden Songs nicht gehört. Streicher, Orgel, Pedal-Steel-Gitarre und der Hall auf Angel Olsens Gesang evozieren die Atmosphäre einer Platte von Tammy Wynette oder Dusty Springfield. Olsen ist 35 und eine der großen Songschreiberinnen. Mit Bonnie „Prince“ Billy singt sie in dem Ensemble Chivalrous Amoekons, das sich den Songs der Mekons verschrieben hat. In dem Schriftsteller Stewart O’Nan hat sie einen Bewunderer, der ihr seinen jüngsten Roman widmete und ihm ein Motto aus einem Olsen-Song voranstellte.

„Big Time“ ist ein Album der poetischen Selbstvergewisserung

„Big Time“ entstand nach dem Tod von Olsens Eltern, die im letzten Jahr innerhalb weniger Monate starben. Eben noch gestand sie ihnen, dass sie fortan queer leben wolle. „Some experiences make you feel like you’re five years old“, schreibt sie nun. „Finally, I was free to be me.“ Angel Olsen hat die Platte in kurzer Zeit geschrieben und im Studio von Jonathan Wilson, einem anderen Nostalgiker, in Los Angeles aufgenommen. Wilson war auch Koproduzent, und so wundert es nicht, dass einige Stücke – „All The Flowers“, „Right Now“ – zu dick aufgetragen und mit Sound-Pomp verkleistert sind.

Manchmal schwingen sich die Songs in sonische Höhen auf, in denen so etwas wie synthetische Bläser eine Dramatik erzeugen, die Olsens intimer Gesang viel besser herstellen kann. Den Bombast kennt man von Jonathan Wilsons eigenen eklektischen Platten. Olsen hatte – zuletzt auf einer EP – mit elektronischem Instrumentarium gearbeitet. Aber ehrlich, das bringt nichts. Ihre Stimme kommt in klassisch arrangierten Songs besser zur Geltung: „This Is How It Works“, „Through The Fires“ mit (künstlichen) Van-Dyke-Parks-Geigen und die berückend-entrückte Klavierballade „Chasing The Sun“.

„Big Time“ ist ein Album der poetischen Selbstvergewisserung. Zwischen „Ghost On“ und „Go Home“ changiert Olsen in einer Weise, die man „elegisch“ nennen muss. Man kann ihre Lieder als Literatur hören und als Autobiografie, und beides macht nicht nur Stewart O’Nan. „Write a postcard to you/ When you’re in the other room/ I’m just writing to say that I can’t find my clothes/ If you’re looking for something to do.“


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