Highlight: ROLLING STONE hat gewählt: Die besten Alben des ersten Halbjahres 2019

Bill Callahan Shepherd In A Sheepskin Vest


Drag City

Ein Schäfer in einer Schafsfell-Weste? Wenn Bill Callahan singt, verlangsamt sich der Lauf der Welt, verschwinden digitale Beschleunigung, Kosten-Nutzen-Kalkulationen, all die Zumutungen des banalen Alltags. „Have you ever seen a shepherd ­afraid to find his sheep?“, fragt der 52-Jährige aus Austin stattdessen.

Auch auf seinem neuen Album lässt man sich wieder gern tragen von ­diesem tiefen Bariton, der so sehr berührt. In „Young Icarus“ erzählt Callahan von jahrelangen nächtlichen Flügen über den Irrgarten eines Lebens. Und wenn der junge Ikarus (selbstverständlich ein Alter Ego von Callahan) dann endlich den Morgen erreicht hat und, abgestürzt, dem kalten Meerwasser entsteigt, erkennt er: „The past has always lied to me. The past never gave me anything but the blues.“

„Shepherd In A Sheepskin Vest“ von Bill Callahan hier bestellen

Musikalisch ist „Shepherd In A Sheepskin Vest“ etwas puristischer als das mit Flöte, Fiddle und Percussion vergleichsweise opulent arrangierte letzte Album, „Dream River“, von dem es sogar eine Dub-Version gab. Brian Beattie, der langjährige Gefährte von Callahan, ist auch diesmal wieder dabei, als Produzent und an vielerlei ­Instrumenten; ebenso Gitarrist Matt Kinsey. Gary Newcomb sorgt mit Lap-Steel-Gitarre für einen dezenten Country-Drall.

Callahan braucht nicht viele Worte, um seine meist ineinandergleitenden Geschichten zu erzählen. Er wacht auf in einer Boeing 747, fliegt durch einen Himmel, dessen Licht genau so ist, wie es sein sollte, bis die Wolken es mit eigenen Vorschlägen überschatten. Im traumhaft schönen „Morning Is My Godmother“ denkt er darüber nach, was Unendlichkeit bedeutet und wie sie in das Aufnahmevermögen der Menschen passt. Songs als berührende Meditation, Musik voller winziger, aber dafür transzendenter Details.

Was Callahan zusammen mit Tori Olds, einer Psychotherapeutin aus Austin, in „Lonesome Valley“ singt, könnte auch Hank Williams nicht besser ausdrücken: „Everybody’s got to walk the lone­some valley. You’ve got to walk it by yourself.“ (Drag City)


ÄHNLICHE KRITIKEN

Bill Callahan :: "Daytrotter Sessions"

Bill Callahan :: Apocalypse


ÄHNLICHE ARTIKEL

ROLLING STONE hat gewählt: Die besten Alben des ersten Halbjahres 2019

Die ROLLING-STONE-Redaktion hat sich festgelegt und die besten Platten 2019 (so far) zusammengetragen. Mit Billie Eilish, Vampire Weekend, Kate Tempest, Big Thief und Bestenlisten der Redakteure.

ROLLING STONE im Juli 2019: Phil Collins + exklusive Vinyl-Single „In The Air Tonight“

In der neuen Ausgabe des RS: Phil Collins gibt sein Meisterstück auf Vinyl frei, Japan-Pop - Traumwelten in Neon, Kate Tempest - Poetin der Wahrheit, 40 Jahre Walkman, Bill Callahan - plötzlich glücklich.

ROLLING STONE präsentiert: Bill Callahan

Der Songwriter veröffentlicht seine erste Platte seit sechs Jahren und kommt mit „Shepherd In A Sheepskin Vest“ im Oktober für ein exklusives Konzert nach Berlin.


Schon
Tickets?

Die besten Songs aller Zeiten: „Smells Like Teen Spirit“ von Nirvana

„Der Song war ein Ruf zur Besinnung aufs eigene Gewissen“, sagte Novoselic 2000 – eine Handgranate von Rächer Cobain gegen das Verschwinden der Jugendkultur im Rachen der Großkonzerne. Produzent Butch Vig hörte „Smells Like Teen Spirit“ zum ersten Mal Anfang 1991, aufgenommen von Kurt Cobain, Dave Grohl und Krist Novoselic in einer Probenscheune in Tacoma, Washington. Auf Kassette, über Ghettoblaster. Es klang grauenhaft. Vig, der Nirvanas Major-Label-Debüt „Nevermind“ betreuen sollte, hörte dem Song nicht an, dass er bald den Underground-Punk zum neuen Mainstream machen würde. Und Cobain, einen problembeladenen jungen Mann mit strikter Indie-Ethik, zum Megastar. „Ich hörte schon irgendwie…
Weiterlesen
Zur Startseite