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Blumfeld 15 Jahre Jenseits von Jedem



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Von allen Blumfeld-/Jochen-Distelmeyer-Alben hat „Jenseits von Jedem“ den schwersten Stand. Ein bisschen zu Recht, ein bisschen zu Unrecht.

Der Wortspiel-Titel war bei Erscheinen der Platte bereits zwölf Jahre alt, stammte aus dem eigenen Song „Evergreen“ (man stelle sich vor, Distelmeyer hätte die neue Platte „Words Don’t Come Easy“ genannt). Das zog natürlich Vergleiche mit dem dazugehörigen Werk „L‘ etat Et Moi“, einem der besten deutschen Alben aller Zeiten, nach sich.

Dazu ein recht indifferentes „Drei Leute ziehen in drei Richtungen“-Hafenstadt-Hamburg-artiges Cover. Distelmeyer, André Rattay und Michael Mühlhaus blicken, mit Büro-Etagen hinter sich, in drei Richtungen, dazu eine Cover-Rückseite mit Park-Picknick von Blumfeld plus Freunden. Also die totale City-vs.-Nature-Konfrontation. Distelmeyer lächelt, Butter und Brötchen neben sich auf der Decke, direkt in die Kamera. Eine freundliche Einladung in ein privates Umfeld.

Im Jahr 2003 war die Euphorie um Blumfeld, die 1999 nach fünf Jahren Pause mit „Old Nobody“ ein spektakuläres Comeback mit unerwarteten Pop-Songs, und 2001 mit „Testament der Angst“ das vielleicht perspektivisch bis heute wichtigste deutsche Album überhaupt veröffentlichten, abgeklungen. Einige schalteten bei Zeilen wie „Sie vergiften alle Flüsse“ aus „Diktatur der Angepassten“ ab, manche für immer. War ihnen „Ich-Maschine“ zu gedrechselt, erschien ihnen das nun zu platt. Wenigen entging, dass Blumfeld als Supportband für R.E.M. erstmals die Erfahrung machen mussten, dass sie bei von einem Publikum abgelehnt wurden, das sie eigentlich hätte mögen müssen.

„Jenseits von Jedem“, im September 2003 veröffentlicht, enthält einige der besten Songs der Band, aber auch einige der schlechtesten. „Sonntag“ mit seinen Partybläsern ist Westernhagen pur, obwohl Distelmeyer versucht, bei seinem Wochenend-Spaziergang durch den Park eben keine Euphorie zu verbreiten, sondern, Singles kennen das, beim Wort „Sonntag“ den Terror vorm einsamsten Tag der Woche zu beschreiben. Ein schräges Stück, dessen Arrangement vom Zynismus ablenkt. Umso mehr schade, da Distelmeyer hier einen seiner größten Reime präsentiert, vielleicht einen, den es vorher nicht gab: „ … Und schwinge mein Zepter / Geh auf’s Ganze, und steh‘ wie der letzte Depp da.“

„Wenn das mal nichts mit dem System zu tun hat“

„Krankheit als Weg“ ist als möglicher Therapie-Einblick fast schon zu intim (melodisch eine Variation von „Eintragung ins Nichts“). Das Analyse-Thema griff Distelmeyer sieben Songs später in der Single „Wir sind frei“ noch einmal auf. Wurde bei „Old Nobody“ die Floskel „Schlager“ eingesetzt, meinte man hier jedoch, genauso abgegriffen, den „Rückzug ins Private“ festzustellen.

Blumfeld heute: André Rattay, Jochen Distelmeyer, Eike Bohlken

„Jugend von Heute“ zeigte Jochen Distelmeyer in einem seltenen fast schon misanthropischen Moment. „Und überall hört man die Eltern klagen: ‚Mein Gott, was haben wir falsch gemacht?‘ ‚Also wenn Du mich fragst, ich kann’s Dir nicht sagen.  Aber wenn das mal nichts mit dem System zu tun hat““. Das „System“ klagen auch solche Blumfeld-Hörer an, die bei den Protest-Liedern mitgewippt hatten, aber daraus keine Anleitung für ihre Nachkommen ziehen konnten. Der Schriftsteller Joachim Lottman, damals schon betagt, benannte einen Roman nach diesem Lied.

Das Titelstück war vor allem als Versuch interessant, weil er mit mehr als 15 Minuten Spieldauer  jeden anderen Blumfeld-Song in seiner Länge übertraf. Viele suchten damals die Nähe zu Bob Dylans „Desolation Row“. Man kann „Jenseits von Jedem“ aber auch als extrem bildungsbürgerliche Schulstunde verstehen. In diesem sehr langen Lied kommen allerlei Charaktere vor, sorgsam auf die Strophen verteilt, sie verbinden sich an einem Abend des berauschten Straßenumzugs, indem sie sich gegenseitig ärgern: Zampano, Elektra, Ahab, Pinocchio, Dracula, Cleopatra, Madame Butterfly. So viele Namen. Und es folgen noch mindestens: King Lear, Nero, Marquis de Sade sowie „Napoleon B.“. Als würde man alle Lieblingsfiguren aus dem „Geschi“- und Deutschunterricht für ein Lied verbinden.

„Jenseits von Jedem“ behandelt aber auch, das geht in dieser Viertelstunde fast unter, jenes „Wunderkind aus der Retorte“, ein auch im Albumvorgänger „Testament der Angst“ vorkommendes, damals hochaktuelles, heute etwas in Vergessenheit geratenes Thema, das Gen-Experiment. Wer ist verantwortlich für die Schöpfung? Wer spielt Gott?

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Gibt es denn Gott? Eine Frage, die auf dieser Platte zu einigen der schönsten Stücken der Band führte. „Alles macht weiter, die Zeit und ihr Garten,  der Baum vor dem Fenster, das Hoffen und Warten, die Zwiebeln in Kühlschrank“, heißt es in „Alles macht weiter“. Die Anerkennung der Gleichgültigkeit, mit der die Natur ihre immer währenden Kreise zieht. Der Mensch als Laune der Natur, ein Lebewesen, das höchstens im Grünen eine Ahnung von Gott erlangen kann.

Es gibt einen seltsamen, aber ergreifenden Frieden gegen Ende von „Jenseits von Jedem“. Die Frage, ob eine gerechte Kraft existiert, die das ganze Geschick lenkt, was ja auch eine Last von den Schultern eines jeden Menschen nehmen würde, der sich politisch engagiert – Instant Karma’s gonna get you.

„Vielleicht sind wir / Nicht da, um zu verstehen / Wir vergehen, wie wir gekommen sind“, eine Erkenntnis, aber kein Trost. Doch endet „Die Welt ist schön“ mit: „Und Gott zieht durch die Galaxien / Er ist so einsam und allein / An manchen Tagen scheint er zu sagen: Ich bin o.k. Die Welt ist schön. Ich lebe gern.“

Der Big Boss und die Menschen reden miteinander, auf Augenhöhe.

Sven Sindt Oliver Frank Artistmanagement c/o Buback Tonträger GmbH

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