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Es waren keine Geister: Blumfeld veröffentlichen ‚Old Nobody‘


BigCat / Rough Trade / ZickZack

Mitte der Neunziger wurde die Welt noch nicht vom Internet informiert. Kein Fan wusste, wann und ob es überhaupt wieder neue Musik von Blumfeld geben würde.  Mit „L’etat et Moi“ veröffentlichte die Band 1994 das bislang wichtigste deutsche Album des Jahrzehnts; Sänger Jochen Distelmeyer tauchte wenig später ab. Mühselige Recherchen im Altavista-Netz ergaben, dass Blumfeld wohl mal in Südamerika auf Tour waren und 1996 in Städten wie Nürnberg auftraten. Distelmeyer legte anscheinend in Hamburg gelegentlich als DJ auf, aber ansonsten: keine Ahnung. Irgendwie dachte man, da kommt nichts mehr, ohne zu wissen, warum denn eigentlich nicht. Tocotronic und Die Sterne fanden damals viele Leute sehr gut, sie veröffentlichten ja regelmäßig neue Werke. Das Internet kochte damals nicht gerade über vor Blumfeld-News.

Die Überraschung von einer neuen Platte, viereinhalb Jahre nach „L’etat et Moi“, war umso größer. Distelmeyer stemmte dafür einen Aufbau, eine Steigerung, die noch nie jemandem gelang. Er platzierte zu Beginn von „Old Nobody“ vier Stücke, die jedes für sich wie ein Album-Opener wirkten. Hörte man die Songs chronologisch, eröffneten sich von eins bis vier jeweils grundverschiedene Möglichkeiten für den weiteren Verlauf. Wohin würde „Old Nobody“ gehen?  Es waren 20 Minuten eines perfekten Prologs.

Zu Beginn stand „Eines Tages“, das bis heute letzte auf LP veröffentlichte Gedicht Distelmeyers. Es setzt den Ton für die offensichtlichsten Themen des Albums. Abschied und das Recht auf Veränderung. Die Geschichte eines Menschen, der zum Hobo wird und nicht zurückkehrt: „Eines Tages/Du wirst ihn vergessen/Du trittst aus dem Schatten und siehst Dich verlassen/Es waren keine Geister“. 

Danach endlich neue Musik! Opener zwei. Die Vorab-Single „Tausend Tränen Tief“ war für viele Hörer ein Schlag ins Gesicht. Keyboards und elektronisches Schlagzeug gehörten bisher nicht zum Repertoire der Band. Dazu war es der erste Blumfeld-Song mit positivem Bezug zur Liebe; Jochen Distelmeyer hatte George Michael gehört („Jesus To A Child“) und Michael Jackson („Stranger in Moscow“). Für die Medien gab es ein campy Video, in dem es wohl um Dating geht, und für das der Sänger als erster daran gedacht hatte, wieder den einst schönen Helmut Berger als Darsteller auszugraben. Weiterhin stand „Tausend Tränen Tief“ für alle Lieder dieser Platte, in denen Distelmeyer Wörter zum Glück einfach nur singt. Die Theatralik, all das Schu-Bi-Du und Dum-Di-Dum, mit denen er Stücke manchmal verschlechterte, sollten erst ab dem nächsten Album kommen.

 „Tausend Tränen Tief“ war auch das erste Blumfeld-Lied, für das einige Leute anfingen, die Band zu hassen. Hier erntete Distelmeyer erstmals den „Schlager“-Vorwurf, der seine Karriere bis heute begleiten würde.

Es geht hier also um Hörer, die Aufrichtigkeit für Schmalz halten.

Opener Nummer drei, „Mein System kennt keine Grenzen“, war trügerisch. Zunächst klassischer Blumfeld-Rock á la „Superstarfighter“. Mit einem ins Schräge verflüchtigenden Gitarrenlauf, der den Krieg im Kopf nur umso spannender machte. Also alles wieder beim Alten … nicht wirklich! Denn im weiteren Albumverlauf sollte man verstehen lernen, dass dieses Lied hier von allen noch das politischste war. Am Ende meldete sich unerwartet ein Kinderchor zu Wort, der den Songtitel schreit und wohl das Recht auf anti-autoritäre Erziehung einfordert. „Mein System kennt keine Grenzen“ war so auch das Credo der weiteren Blumfeld-Entwicklung, selbst wenn Jochen hier die Kinder für ihn rufen ließ.

Mit Opener Nummer vier wiederum, „Status: Quo Vadis“  –  eines der letzten Wortspiele Distelmeyers mit Begriffen der Popkultur – wurden dann die ersten großen Liebeslieder des Albums eingeleitet. Nach diesen 20 Minuten war der Boden also bereitet. In „So lebe ich“, dessen Intensität über neun Minuten wellenförmig auf- und wieder abebbt, klingt Distelmeyer wie Dylan auf Entziehungskur. Berechtigt würde dieser Song nach „Verstärker“ zum beliebtesten im Blumfeld-Backkatalog werden. Dennoch fallen Zeilen wie das etwas hysterische „Ein weißes Pferd /ein schwarzer Vogel/ am toten Punkt /dabei: ein Clown“, in denen Distelmeyer die oft zitierte „Meta-Ebene“ aus eigenen Gedanken und Kulturzitaten von früher bemüht, hinter die Schönheit von „wie Du in meinen Armen liegst/und ich mich zärtlich an Dich schmieg’/oder wir zu zweit ins Kino gehen“ zurück.

Ansonsten machte Jochen Distelmeyer alles richtig. Er benutzte für „Old Nobody“ eine abgespeckte Sprache, was eine Identifikation mit den Liedern möglich machte. War man zuvor noch fasziniert von der Doppeldeutigkeit in „L’etat Et Moi“, den Spiegel-Labyrinth-Sätzen, wer bin ich, wo bin ich, hier geht’s nicht weiter, reichte Distelmeyer einem nun die Hand: Man sollte ihn endlich verstehen.

Viele Rezensenten waren damit unzufrieden, gerade solche, die sich nach einem Diskurs sehnten. Ihnen fehlten Killer-Lines wie „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“ oder „Wie möchtest Du Dein Ei: auf, oder unter’m Tisch“. Sie stürzten sich daher nicht auf die Texte, sondern auf die neuen Arrangements, entdeckten Verlinkungen zu Prefab Sprout und M/A/R/S/S. Dieses hier war nun das erste Blumfeld-Album ohne deutlichen politischen Zeitbezug. In „Ich-Maschine“ (1992) ging es um Seximus und den Nazi von nebenan, „L’etat Et Moi“ behandelte die Wiedervereinigung und die Angst vor Deutschland. „Old Nobody“ verstand Fragen in Liebesbeziehungen auch als politischen Dialog. „Kommst Du mit in den Alltag?“ etwa, der Eintritt in die Normalbiografie.

„Old Nobody“ nimmt für viele Fans heute einen mittleren Platz ein, etwa so: nicht so stürmisch wie „L’etat“, aber überraschender als das unentschlossene, langatmige „Jenseits von Jedem“ (2003). Nach Veröffentlichung des Albums 1999 jedenfalls absolvierten Blumfeld, ergänzt durch Keyboarder Michael Mühlhaus (später Die Türen) plus Peter Thiessen (Kante) als neuen Bassisten, ihre beste Tournee. Es war die Top-Besetzung, auch mit Blick auf Jochen Distelmeyers spätere Solo-Jahre. Für die Zugabe kam manchmal Oliver Frank auf die Bühne und machte den Clown, er sang „Jump“ von Van Halen. Auch, wer mit dem neuen Song-Material nicht viel anfangen konnte, durfte zufrieden sein: Nie wieder würden Blumfeld so viele Songs von „L’etat et Moi“ spielen wie auf dieser Tour – wenn alles gut lief, acht. In seinen Ansagen zu diesen Liedern kommentierte Distelmeyer derweil die Ereignisse in Europa. Das Land hatte erstmals Rot-Grün gewählt, Truppen wurden in den Kosovo geschickt. Von der Bühne aus bekannte der 32-Jährige sich regelmäßig als Gegner des Einsatzes, es waren oft bewegende Worte.

Wenig später liefen ihre Videos auf MTV. Vier Jahre waren Blumfeld zuvor weg gewesen. Nun waren sie mittendrin. Bis heute hat Jochen Distelmeyer sich den Ruf des herausragenden Texters erhalten.

„Old Nobody“ war eine unglaublich spannende Aktion, es hat die Hörer Nerven gekostet, man musste sich daran gewöhnen. Und dennoch hat die Band es geschafft. In den letzten Monaten der Dekade quasi noch das Rennen gemacht. Blumfeld veröffentlichen 1999 aus dem Nichts das beste deutsche Album des Jahrzehnts.


Mehr Videos von Blumfeld gibt es hier auf tape.tv.


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