Calexico „El Mirador“


City Slang (VÖ: 8.4.)


von

Es muss was dran sein an der Erkenntnis, dass die Dinge erst recht Wert gewinnen, wenn sie weiter entfernt liegen. John Convertino lebt in El Paso/Texas. Joey Burns zog es vor zwei Jahren gar Nordnordwest, nach Boise/Idaho. Ihre Platten haben Calexico zuletzt sogar mal, wie „Edge Of The Sun“ (2015), in Mexico City aufgenommen, um vielleicht ein paar neue Geister zu rufen. Doch im Sommer 2021 ging es einfach zurück nach Tucson/ Arizona, wo Keyboarder Sergio Mendoza im pandemiefreien Heimstudio wartete.

„El Mirador“ ist vor allem eine Liebeserklärung an den Ort und die Border-Region geworden

Deutlich weniger experimentell als etwa „The Thread That Keeps Us“ (Kalifornien, 2018), ist „El Mirador“ so vor allem eine Liebeserklärung an den Ort und die Border-Region geworden, die Calexico vor gut zwei Dekaden kreatives Leben schenkte. Mehr als ein Hauch von Nostalgie hindert die Band aber nicht daran, wach zu bleiben für das, was da gerade schiefläuft in der Welt. In „Cumbia Peninsula“ etwa weiß Joey Burns immer noch sehr gut, wo die Lüge wohnt.

Auf dem Weg nach Tucson will Convertino keine „specific song ideas in mind“ gehabt haben, um dort nur nach „a vibe and a mood“ zu fahnden. Doch das Ergebnis klingt nach spezifischen Song-Ideen, die gerade deshalb wirken, weil sie nicht ausgewalzt werden. Mood können Calexico schon auch noch; man höre das Instrumental „Turquoise“ oder das leis-ominöse „Caldera“, als einziger Track vier Minuten plus unterwegs. Trotz solcher Twilight-Momente liegt „El Mirador“ auf der Chiaroscuro-Skala der Band klar auf der Sonnenseite, mit dem Mariachi-Schwung des „El Burro Song“, dem schicken Klapperschlangentanz „Cumbia Del Polvo“ und einem dicken Trostpflaster („Constellation“).

Zum Homecoming passt auch, dass auf der Gästeliste fast nur gute alte Bekannte stehen. Gaby Moreno aus Guatemala ziert die feierliche Beschwörung des Titelsongs, Pieta Brown lieferte mit „El Paso“ und „Then You Might See“ gleich zwei Songs, und Sam Beam weht durch den Refrain des sehnsüchtigen „Harness The Wind“.


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