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Charles Haldeman Der Sonnenwächter


Dieses Buch sieht aus, als käme es aus fernen Zeiten, wie ein Schatz aus einem staubigen Antiquariat: die Typografie, die Farben, die eng beschriebenen Seiten, das Bild des Autors, das auch vom Cover einer Folkplatte aus den Sechzigern stammen könnte … Die englische Erstausgabe von Charles Haldemans „The Sun’s Attendant“ erschien tatsächlich bereits 1963 in England und ein Jahr später in den USA, jeweils bei renommierten Verlagen, von der Kritik durchaus wahrgenommen, teilweise euphorisch besprochen, in mehrere Sprachen übersetzt.

Haldeman, 1931 in South Carolina geboren, war der Sohn einer Amerikanerin und eines deutschen Emigranten, der 1935 starb. Er wuchs bei Mutter und Stiefvater an der Ostküste auf, ging nach dem Dienst bei der Navy nach Heidelberg, um dort zu studieren, zog dann nach Griechenland, wo er bis zu seinem Tod 1983 lebte. Er schrieb Drehbücher für Spiel- und vor allem Dokumentarfilme und veröffentliche drei Romane. „The Sun’s Attendant“ war sein Debüt. In deutscher Übersetzung ist es erst dieser Tage erschienen, was im Hinblick auf Herkunft und Biografie des Autors verwunderlich, angesichts der Qualität des Textes geradezu absurd erscheint. Zumal dieser zu großen Teilen in Deutschland spielt und u. a. von einer Zeit erzählt, die in der deutschsprachigen Literatur nicht unbedingt überrepräsentiert ist: der unmittelbaren Nachkriegszeit, als das Land wie eine offene Wunde mitten in Europa lag.

Protagonist des Romans ist Stefan Brückmann, 1929 geborener Sohn einer deutschen Mutter und eines Roma-Vaters. Nach dem Tod der Eltern wird der dunkelhäutige Junge Ende der 30er-Jahre zum Bruder der Mutter nach Berlin geschickt, doch kurz nach Kriegsbeginn schließt er sich einer Roma-Familie an, die er am Alexanderplatz kennengelernt hat. Mit ihr wird er nach Auschwitz deportiert, lernt im Lager den homosexuellen Hannes kennen und (körperlich) lieben. Kurz vor Kriegsende gelingt den beiden die Flucht, doch nur Stefan überlebt. Er landet in einem US-Militärkrankenhaus, wo er sich mit einem G.I. aus den Südstaaten namens Jesse Byrnes anfreundet, den alle aufgrund seines runden Gesichts „Moon“ nennen. Als sich ihre Wege trennen, der Soldat zurück in die USA geht und Stefan in einem Lager für displaced persons unterkommt, bricht der Kontakt nicht ab; schließlich adoptiert Moon seinen jungen Freund sogar und Stefan zieht zu ihm nach South Carolina.

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Vier Jahre bleibt er dort und erkennt bald, dass er die Hölle des Krieges gegen die Rassismushölle der Südstaaten eingetauscht hat, die nicht nur auf die Beziehung zu Moon ausstrahlt, sondern, wie Brückmann bald erfährt, ihr Kern ist. Moon war in den Dreißigern am Mord eines schwarzen Jungen beteiligt gewesen, hatte auf dieses traumatische Erlebnis mit Schuldgefühlen und Schizophrenie reagiert – die Adoption war als Ablasshandel gedacht. Moon scheint die fehlende emotionale Bindung und das Scheitern des Vater-Sohn-Verhältnisses mit sexuellen Übergriffen kompensieren zu wollen, verschwindet dann schamerfüllt, kehrt zurück und wählt schließlich den Suizid. Stefan flieht vor dem Erbe und reist ziellos durch das von Heimatlosen wie ihm bevölkerte Land, das sich Amerika nennt, kehrt nach Europa zurück und landet in Pariser Intellektuellenkreisen.

Ein Gelehrter entdeckt Stefans poetisches Talent, gibt ihm ein Notizbuch, damit er seine Erinnerungen aufschreibt, und nimmt ihn mit zu einer Lesung in Heidelberg. Dort lernt der Jungliterat Barbara Speer kennen, die junge Witwe eines Dichters, der sich kurz zuvor das Leben genommen hat. Die sich bald anbahnende Liebesbeziehung scheint für beide der Versuch, vor den tragischen Verlusten der Vergangenheit zu fliehen.

„Der Sonnenwächter“ beschreibt die Irrfahrt, die der entwurzelte Stefan Brückmann auf der Suche nach seiner Herkunft und seiner Heimat zurücklegt, zugleich zeichnen die Kapitelüberschriften die Reise der Erde um die Sonne nach. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sommersonnenwende“, denn es ist Mitte Juni, als Brückmann in Paris beginnt, seine Erinnerungen in Tagebuchform aufzuschreiben. Und während er sich schreibend den Traumata des Krieges nähert, entfernt die Erde sich von der Sonne. Als er über seine Deportation ins Konzentrati- onslager berichtet, erreicht sie den fernsten Punkt. Im letzten, „Frühlingsäquinoktium“ überschriebenen Kapitel beginnt Brückmann, längst in Heidelberg und frisch von Barbara getrennt, wieder aufzublühen, seinen inneren Panzer zu sprengen.

„Der Sonnenwächter“ ist ein komplexes Konstrukt, aufgebaut wie ein Diptychon (mit einem linken und einem rechten Paneel und den Scharnieren dazwischen), zusammengesetzt aus verschiedenen Gattungen: einem Tagebuch eines Schicksalslosen, einem an Faulkner erinnernden Südstaatenpanorama, einem kerouacschen travelogue und, nicht zuletzt, einem vielstimmigen, aus Träumen, Dialogen, Gedichten und Erinnerungen collagierten Künstler- und Schlüsselroman der Heidelberger Boheme des Nachkriegsdeutschlands, in dem Haldeman seine eigenen Erlebnisse und seine Freundschaft zur Witwe des Dichters und Übersetzers Rainer Maria Gerhardt verarbeitet hat. Vor allem aber ist „Der Sonnenwächter“ ein sprachmächtiges, auch in der Übersetzung von Egbert Hörmann und Uta Goridis ungemein poetisches Werk, das einen trotz seiner Komplexität und Ambition vom ersten Satz an packt und nicht mehr loslässt. Wie eine Blüte öffnet sich dieser Roman bei jeder Lektüre ein bisschen weiter, wird von Mal zu Mal schöner und prächtiger. Und ja, man liest die vielen eindrucksvollen Stellen dieses aus Seelensplittern zusammengepuzzelten Textes mehrmals, weil man sich einfach nicht von ihnen trennen mag. Schließlich bleibt nur der Weg ins staubige Antiquariat, um nach weiteren Werken dieses Autors suchen.


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