Coldplay A Head Full Of Dreams


Parlo­phone/Warner


von

Die Herausforderungen werden rar, wenn man als Musiker alles erreicht hat. Coldplay-Sänger Chris Martin erzählte Anfang 2015, dass er noch einen „perfekten, fröhlichen Pop-song“ schreiben wolle, „wie Pharrell“, denn das sei ihm bisher nicht gelungen. Der Nachfolger des durch die Trennung von Gwyneth Paltrow melancholisch eingefärbten „Ghost Stories“ steht tatsächlich ganz im Zeichen guter Laune. Die Songtitel sprechen Bände: „Amazing Day“, „Hymn For The Weekend“, „Up&Up“ oder einfach „Fun“.

Musikalisch bedeutet die neue Lebensfreude vor allem, dass die elektronischen Elemente von „Ghost Stories“, die Beats aus dem Alleinunterhalter-Keyboard und die EDM-Ausflüge von Songs wie „Midnight“ sich hier zu Clubstampfern auswachsen dürfen. Im hochtourigen House-Entwurf des Titelstücks überschlagen sich „Woo hoo“- und „Hey, yeah“-Chöre zu Viervierteltakt, die erste Single, „Adventure Of A Lifetime“, sucht mit Disco-Gitarrenlicks die französische Leichtigkeit von Phoenix oder Daft Punk. Bizarr wird es, wenn Coldplay sich an einem zeitgenössischen Party-Banger versuchen: „Hymn For The Weekend“ wird von Gastsängerin Beyoncé angemessen sinnfrei mit den Worten „Drink from me/ Then we’ll shoot across the sky/ Symphony“ eröffnet, bevor sich der aufpolierte Mainstream-R&B vier Minuten lang mit hymnischem Coldplay-Pathos beißen darf. Danach wirkt der bewährt seichte Softrock von „Army Of One“, „Amazing Day“ und „Up&Up“ erholsam und geradezu altersweise.

Im Gesamteindruck entspricht „A Head Full Of Dreams“ der Stimmung eines Menschen, der über eine Trennung hinwegzukommen versucht, indem er Nacht für Nacht die Tanzflächen stürmt: mal euphorisch, mal gezwungen und meistens peinlich, weil man ihm den überbordenden Optimismus nicht ganz abnimmt. In „Everglow“, dem einzigen traurigen Stück, singt ausgerechnet Martins Exfrau die zweite Stimme. „Es war einfach eine freundschaftliche Geste“, erklärt er. Klar, Mann. Zeit, nach Hause zu gehen.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Porridge Radio :: „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“

Fröhliche Klagelieder der gefeierten Indie-Rock-Briten

The Rolling Stones :: „El Mocambo 1977“ – Draußen auf Kaution

Erste offizielle Veröffentlichung des mythenumrankten Live-Mitschnitts von 1977

Florence + The Machine :: „Dance Fever“ – King Florence

Betörendes zwischen Tanzfläche, Wankelmut und Zerealien


ÄHNLICHE ARTIKEL

Erdmöbel-Special: Hätte Sehnsucht Gewicht

Eine Reise ins Werk der virtuosesten deutschen Pop-Band

Kendrick Lamars neues Album ist eine Hip-Hop-Therapiestunde

King Kendricks Rückkehr: Auf „Mr. Morale & the Big Steppers“ blickt der beste Rapper der Welt in den Spiegel, stellt sich seinen Traumata und durchbricht den Familienfluch. Ein erster Eindruck des neuen Albums.

„Nützliche Idioten“: Sind Coldplay in die Greenwashing-Falle getappt?

Chris Martin und Co. haben den finnischen Ölkonzern Neste engagiert, um die eigenen Treibhausgasemissionen auf Konzert-Reise zu halbieren. Dabei haben sie möglicherweise zu kurz geschaut.