David Bowie Tonight

EMI

E-Mail
Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

In den Kanon flüchtende Bowie-Fans, also 90 Prozent der Bowie-Fans, sind sich einig. Sie sagen alle dasselbe: „In den Achtzigern lieferte der Sänger nach ’Scary Monsters’ nichts Gutes mehr ab. ‚Tonight’ und ‚Never Let Me Down’ sind dabei die Tiefpunkte dieses sonst so vielseitigen Künstlers. Diesmal war er seiner Zeit nicht mehr voraus.“ Die Kritiker erhalten Unterstützung vom Mann selbst. Während seiner letzten Tourneen, viele Jahre später, kündigte Bowie etwa „Absolute Beginners“ als „mein Favorit aus DIESER Dekade“ an – als wäre der Rest aus diesem Jahrzehnt Schrott.

In den frühen Achtzigern kam David Bowie erstmals, man kann sich das heute gar nicht vorstellen, Jahre nach Ziggy, nach „Heroes“ und nach „Ashes To Ashes“, zu Reichtum. Da war er schon fast 20 Jahre im Geschäft – und als herausragender Popmusiker längst gewürdigt worden. Mit dem Album „Let’s Dance“ (1983) und der „Serious Moonlight Tour“ füllte sich sein Konto; er war bereits 37 Jahre alt.  Bowie galt nun als drogenfrei, die muskulös klingenden Stücke brachten ihm seine höchsten aufeinander folgenden Chart-Notierungen. Nur so lässt sich vielleicht erklären, dass Bowie mit „Tonight“ 1984 eine Platte hinterherschob, die ähnlich klang, erneut wie Popmusik.

Schnellschuss auf dem Gipfel

Das könnte man ihm vorhalten: von jenem eigenen Weg abgegangen zu sein, auf dem jede Platte als Weiterentwicklung der vorherigen klang. „Tonight“ und „Let’s Dance“ sind sich sehr ähnlich; nur besteht „Tonight“ rund zur Hälfte aus älteren Co-Kompositionen mit Iggy Pop oder Coverversionen. Das Album wirkte daher wie ein Schnellschuss auf dem Gipfel von Bowies Erfolg.

Die von Hörern oft monierte „Glätte der Produktion“, für die hier statt Nile Rodgers u.a. Hugh Padgham verantwortlich zeichnete, steht im Widerspruch zu den Themen, die Bowie in diesen Songs oder Videos behandelte. Auf Rassimus („China Girl“), Religionskritik („Modern Love“) und Imperialismus („Let’s Dance“) folgten nun mit dem Reggae „Don’t Look Down“ sowie „Loving The Alien“ Lieder über Paranoia und Angst vor einem Atomkrieg; letzteres Stück ging über die für Bowie ungewöhnlich lange Spieldauer von mehr als sieben Minuten.  Spätere Songs wie „When The Wind Blows“ und „Time Will Crawl“ würden das damals vielleicht wichtigste Thema Bowies, der drohende Dritte Weltkrieg, bis zum Ende der Dekade fortsetzen.

Zusammen mit der Vorabsingle „Blue Jean“ zählen „Loving The Alien“ und „Don’t Look Down“ zu den besten Songs, die Bowie bis zu seiner Renaissance 1995 – die Wiedervereinigung mit Produzent Brian Eno –veröffentlichen würde. Dazu gesellen sich auf „Tonight“ eine narzisstische Interpretation des Beach-Boys-Hits „God Only Knows“, in der der Sänger etwas kleinfingergespreizt die ersten zwei Strophen vertauscht (statt „I May Not Always Love You“ kommt zuerst „If You Should Ever Leave Me“). Und auch, wenn sich beim zweiten Reggae-Lied des Albums, dem Titelstück, vielen die Fußnägel hochkrallen: Tina Turner als Duettpartnerin war 1984 keine uncoole Wahl. An ein Comeback Turners hatte vor ihrer Platte „Private Dancer“ keiner geglaubt, nun galt sie als Überlebende mit Stil. Es ist eine reizvolle Vorstellung, dass Bowie sich möglicherweise für die Soulsängerin entschied, weil sie wie er Erfahrungen mit Tiefschlägen hatte.  Zwei vormalige Loser sangen nun ein tröstlich klingendes Lied.

Gegen die Wand

„Tonight“ ist kein Meisterwerk, „Tumble & Twirl“ etwa oder „Dancing With The Big Boys“ sind hektischer Stuss. Wer jedoch der Mythologie anhängt, dass Bowie ausschließlich in den Jahren schlimmster Kokainabhängigkeit seine besten Gesangsleistungen ablieferte, also während seiner Los-Angeles-Phase von „Young Americans“ und „Station To Station“ (1975-1976), sollte vielen anderen Songs von 1983 bis 1986 eine zweite Chance geben. Die Verletzlichkeit in „Wild Is The Wind oder „Word On A Wing“ ist vielleicht weg, auch die Dünnhäutigkeit, oder die neue Euphorie des geschwächten Mannes wie in „Fascination“.

Aber an ihre Stelle tritt in „China Girl“, „Cat People (Putting Out Fire)“ oder „Loving The Alien“ eine geradezu unheimlich klingende Härte. Nun hatte David Bowie eine Stimme wie eine Wand.

E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel