Ezra Furman „All Of Us Flames“ – Das ewige Suchen


PIAS (VÖ: 26.8.)


von

Da war die Sache mit Troy, dem sie, ins Fenster seines SUV lehnend, einen runtergeholt hat, als gerade ein Polizeiauto vorfuhr. Oder das mit Stephen, der immer im Trenchcoat mit einer Flasche Schnaps an einer Straßenecke stand und vergeblich versuchte, sie zu küssen. Sie wird im Cabriolet aus dem County Cook Psychiatry Institute abgeholt und hofft, dass nach all den Lügen und Demütigungen nun endlich der Heilungsprozess beginnt. Sie schneidet sich irgendwo weit weg von zu Hause vor dem Spiegel auf der Toilette eines billigen Diners die Haare ab, steigt in ihren Chevy und braust los in ein Morgen, das leider genauso ramponiert aussieht wie das Gestern: „We’re all losers, we’re all gamblers/ We’re all bugs frozen in amber/ Small eternities that never seem to last.“

Flucht in ein Morgen, das leider genauso ramponiert aussieht wie das Gestern

Wenn man Schnipsel aus dem zart-akustischen Lovesong „Come Close“, der soulig eingefärbten Synthiepop-Nummer „Point Me Toward The Real“ und der Americana-Ballade „Temple Of Broken Dreams“ zu einer Geschichte zusammenfügt, ergibt sich die traurige Ballade eines Lebens voller Brüche. Ezra Furman, die großartige Erzählerin dieser Geschichten, war 2019 noch ein Er und flirtete auf dem Lo‑Fi-Album „Twelve Nudes“ schnell, schmutzig und subversiv mit New Wave, Protopunk, Bluesrock und Garagenrock. Inzwischen bevorzugt sie das weibliche Personalpronomen und verwandelt sich in den Fluchtfantasien und Umbruchsongs auf „All Of Us Flames“ in den Bruce Springsteen des Queer Pop.

Ezra Furman begibt sich musikalisch auf dessen Spuren, stopft wie einst der junge Springsteen Unmengen an Text in die Songs – vor allem aber treffen wir auch bei ihr immer wieder auf eine kaputte Version des amerikanischen Traums, ein ewiges Suchen, eine Rastlosigkeit, die dafür sorgt, dass ihre Protagonisten sich ständig auf irgendwelchen Landstraßen befinden. Diese innere Unruhe übersetzt „All Of Us Flames“ in pumpende Bässe, zitternde Synthies, nervöse Beats und zuckende Gitarren. In diesem Songwriting-Meisterwerk voller Auf- und Ausbruchsversuche versprechen in „Forever In Sunset“ ein voller Tank und der Highway 93 einen Neuanfang, und in „Train Comes Through“ ist ein Zug die einzige Hoffnung, das alte Leben hinter sich zu lassen. „A broken heart’s your ticket, so be ready when the train comes through.“


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Klingt wie Springsteen, hat aber nicht sein Format


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