Kiss „Creatures Of The Night“


Universal (VÖ: 18.11.)


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Als Karl May vor Jahrzehnten eine historisch-kritische Ausgabe mit allen editionsphilologischen Weihen bekam, war das Gespött groß: Wozu der Aufwand für einen Trivialautor? So ähnlich könnte es auch diesem Boxset ergehen, das einen prahlerischen Haufen Devotionalien, einen opulenten Hardcover-Band mit Fotos und ausführlichen Linernotes, diverse Track-by-Track-Interviews und nicht zuletzt über hundert Songs (Demos, Outtakes, Remixe, Konzertmitschnitte) enthält. Wozu das alles für Trivialmusik?

Wozu das alles für Trivialmusik?

Nun, zum einen kann man das ganz anders sehen. Für den Rockkritiker Chuck Klosterman etwa sind Kiss die wichtigste Rockband mindestens der USA, weil keine zweite so viel kreatives Potenzial freigesetzt hat. Die Kids wollten so sein wie sie und usurpierten die elterlichen Garagen … Zum anderen hat man mittlerweile akzeptiert, dass auch die intensive Beschäftigung mit dem Trivialen lohnen kann. Ob das bei den zahlreichen Instrumental-Demos zutrifft, sei mal dahingestellt. Hier zeigt sich eigentlich nur in ermüdender Deutlichkeit die Tristesse des Studioalltags.

Aber diverse Studioraritäten und Songs aus früheren Sessions sorgen eben auch für eine aufschlussreiche historische Kontextualisierung von „Creatures“, das die endgültige Rückkehr der Band zu ihren Hardrock-Wurzeln besiegelt. Mit „Dynasty“ und „Unmasked“ hatten sich Kiss dem zeitgenössischen Disco-Pop angebiedert, und das anschließende Konzeptalbum, „Music From ‚The Elder‘“, pimpte Bob Ezrin zu einer Rock-Oper von vorgestern auf.

Das wollte keiner von ihnen hören, schon gar nicht die junge Metal-Szene. Die vier neuen Songs des schnell nachgeschobenen Samplers „Killers“ von 1982 sind bereits Teil der Gegenoffensive und stehen zu Recht im Inhaltsverzeichnis. Die „Creatures“- Songs, wie das programmatische „I Love It Loud“ oder der Titeltrack mit seinen polternden Drums, gehen noch weiter und sorgen nachhaltig dafür, dass die Fanzines und Genrepostillen an Kiss nicht mehr vorbeikommen.


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