Laura Veirs „Found Light“ – Neu aufgestellt


Bella Union/Pias (VÖ: 8.7.)


von

Laura Veirs ohne Tucker Martine: schwer vorstellbar. Seit 2000 – also praktisch ihre gesamte Karriere lang – entstanden die Alben der US-Sängerin und -Songschreiberin unter der Ägide des Indie-Starproduzenten. Nicht viel später waren die beiden ein Paar mit zwei Kindern. Martine entwickelte parallel zur Ehefrau sein eigenes Universum, produzierte unter anderem die Decemberists, Sufjan Stevens, My Morning Jacket. Seine schönsten Sounds aber fand er für seine Frau: Veirs’ Alben hatten zunächst einen krispen Sound („Year Of Meteors“, 2005), später überwog das Abgedunkelt-Transzendente, Amerikanische. Auf ihrem letzten gemeinsamen Werk, „My Echo“ (2020), sang Veirs zu verwaschenen Playbacks von Climate Grief, der Endlichkeit der Dinge und wohl ein letztes Mal auch von ihrem Gatten, dem großen Mann, dessen Hände den Boxen das Tanzen beibringen.

Man begreift schnell, dass der Kern dieser Musik immer die Künstlerin selbst war

Nun geht das Paar getrennte Wege. „Found Light“ soll vor allem die Frage beantworten, ob Laura Veirs das eigentlich kann: eine Platte machen. Sie singt und spielt bei großen Teilen der Songs gleichzeitig, lässt Unsicherheiten zu und manchmal die produktionstechnische Kontrolle sausen. Die Playbacks sind sparsamer, und gelegentlich hört man, wie nackt Veirs sich wohl bei diesen Aufnahmen gefühlt hat. Das ganze Album will nicht verhehlen, dass nun Schritt für Schritt etwas Neues entstehen muss bzw. darf.

Bookish Sound, die spanische Gitarre, die unprätentiösen Folk-Pop-Melodien: Man begreift schnell, dass der Kern dieser Musik immer die Künstlerin selbst war. Etwa bei dem lateinamerikanisch temperierten „Autumn Song“. Oder bei „Ring Song“, in dem die Geschiedene ihren Ehering an den Pfandleiher verkauft. „Maybe you’ll hear me on the radio/ Maybe I’ll see you in a dream.“ Oder bei der Bedroom-Aufnahme „T & O“, in der die Mutter den Kindern ihre Liebe versichert. Es entstand offenbar in der Zeit, als die Ehe zerbrach. Ein wundervoll transzendentes Instrumental heißt „Komorebi“ – Komorebi ist ein japanischer Begriff für durch Bäume gefilterte Sonnenstrahlen. Ein Herz bricht, ein Herz findet neues Licht.


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