Manu Larcenet Blast IV – Hoffentlich irren sich die Buddhisten

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Manu Larcenet - Blast IV Hoffentlich irren sich die Buddhisten

Alles beginnt mit einem seltsamen Knacken im Kopf. Dann folgen Schwindel, Übelkeit, Brechreiz und schließlich Ohnmacht. In diese innere Leere drängen grelle Farben und seltsame Formen, dargestellt in Form von expressiven Kinderzeichnungen. Diese inneren Eruptionen geben Manu Larcenets abgründiger Geschichte „Blast“ ihren Titel. Mit dem vierten Band, „Hoffentlich irren sich die Buddhisten“, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt, findet die fulminante Serie ihren krönenden Abschluss.

Emmanuel „Manu“ Larcenet ist einer der beliebtesten Comiczeichner Frankreichs. Die markanten länglichen Nasen seiner Helden haben den runden Ballons aus dem Asterix-Universum mittlerweile den Rang abgelaufen. Eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet sein trashiges Science-Fiction-
Album „Valerian im Land der großen Nasen“ hierzulande noch nicht verlegt wurde.

Aber das Helden-Universum des Franzosen ist gigantisch. Fast 20 Serien hat der 46-Jährige seit Ende der 90er-Jahre ins Leben gerufen, eine erfolgreicher als die andere: von der „Donjon Parade“ über „Die wundersamen Abenteuer“ von Legenden wie Robin Hood oder Attila dem Hunnen bis hin zu seiner Coming-of-Age-Erzählung „Rückkehr aufs Land“.

Manu Larcenet zeichnet seit seinem zwölften Lebensjahr – jeden Tag mindestens eine Seite. Comic-
Autor wollte der zweifache Vater zunächst dennoch nicht werden. Zehn Jahre lang versuchte er sich als Gitarrist und Sänger in einer Punkrockband, nebenher war er in der antifaschistischen „Sektion zur endgültigen Bekämpfung von Le Pen“ aktiv. Erst 1994 stieg er bei dem legendären Pariser
Comic-Magazin „Fluide Glacial“ ein. Seither drückt Larcenet der französischen Comicszene seinen Stempel auf.

Immer wieder trifft er mit seinen tiefgründigen Arbeiten den Nerv der Zeit. Als 2005 die Pariser Vorstädte brannten, lag gerade der erste Band von Larcenets Miniserie „Nic Oumouk“ in den Buchhandlungen, in der er die Missstände in den französischen Banlieues thematisiert. In seinen biografischen Erfahrungen als sinnsuchender Vater, der sich mit seiner kleinen Familie aufs Land zurückzieht, um dort das „echte Leben“ zu finden, erkannten sich viele seiner von der Moderne ausgebrannten Landsleute wieder. Der Globalisierungsmüdigkeit vieler Franzosen gab er in seiner Serie „Der alltägliche Kampf“ ein Gesicht, in der der Kriegsfotograf Marco das langsame Abgleiten einer ganzen Region in die Bedeutungslosigkeit dokumentiert.

Seine Geschichten bieten immer wieder Anlass, in schallendes Gelächter auszubrechen, sind zugleich aber auch gezeichnete Kommentare zum Irrsinn dieser Welt. „Wenn du nur lustige Sachen machst, bleibst du ein Clown, einer, dem man nie eine intelligente Frage stellt“, sagt er. Deshalb schwanken seine Comics zwischen federleichtem Humor und bitterböser Ironie, zwischen Parodie und Sarkasmus. Neben aller Heiterkeit zieht sich durch seine meist in naivem Strich gehaltenen Geschichten ein düster-melancholischer Grundton. In der Tiefe von Larcenets Comics rauscht das Existenzielle.

In keiner anderen seiner Arbeiten dringt dieses Rauschen derart in den Vordergrund wie in der
Serie „Blast“. In ihrem Zentrum steht Polza Mancini, der nach dem Tod seines Vaters seinen ohnehin verlorenen Posten in der modernen Gesellschaft vollends aufgibt und sich in eine mystische Welt aus
Naturanbetung und Delirium flieht. „Blast“ ist das unter die Haut gehende Porträt eines unberechenbaren Grenzgängers, der seine Vorbilder in den Romanen von Fjodor Dostojewski und Bret Easton Ellis hat. Oder in Philippe Claudels Roman „Brodecks Bericht“. Den hat Larcenet gerade als Schwarz-Weiß-Comic adaptiert, der im April in Frankreich erschienen ist.

Die Explosionen im Kopf, die Polza Mancini dabei immer wieder heimsuchen, kennt Larcenet nur zu gut aus seinem eigenen Leben, wie er erst kürzlich im französischen Fernsehen gestand. „Ich habe eine wunderbare Krankheit namens bipolare Störung, die mich seit meiner Kindheit in der Hand hat. Ohne die Erfahrung meiner Krankheit hätte ich diese Geschichte nicht erzählen können“, erklärte er.

Die Kritiker in Frankreich und Deutschland sind sich einig: Diese Serie ist wirklich ganz großes Kino.
Das liegt wohl vor allem an der bei Jim Jarmusch abgeschauten Rhythmisierung, die den Leser jedes Gefühl für Raum und Zeit verlieren lässt. Aber auch an den detaillierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die Larcenet im Großformat angefertigt und erst dann digital zu einer Comicstruktur zusammengesetzt hat. So konnte er sich zeichnerisch austoben. „Dieser Moment, in dem du völlig darin aufgehst und mit Strichen Wörter schreibst, ist unglaublich.“ „Blast“ ist die Geburtsstunde einer von allen Nebengeräuschen bereinigten und dennoch überbordenden Grafik. Jedes Bild ist in seinem Detailreichtum eine Hommage an die Natur und das Leben.

Manu Larcenets Arbeiten haben eine Tiefe, durch die seine Leser etwas Grundsätzliches darüber erfahren, was es heißt, ein Mensch zu sein. Der Wahnsinn des Alltags, die soziale Isolation, die Einsamkeit und die innere Verlorenheit: All das findet man in seinen Antihelden ebenso wieder wie den Charme der Ironie und die Freude am Leben. Manu Larcenet zeigt uns den Menschen als ein überaus rätselhaftes Wesen. Mehr kann Kunst wohl nicht leisten.

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