Mitski

„Nothing’s About To Happen To Me“– Liebe, Tod und Katzenleben

Dead Oceans/Cargo (VÖ: 27.2.)

Unheimlich, morbide: Die Art-Pop-Sängerin und Country-Adeptin tänzelt elegant über dem Abgrund.

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Mit ihrem letzten Album, „The Land Is Inhospitable And So Are We“, erhob sich die Art-Pop-Songwriterin Mitski vor zwei Jahren zur Sad-Country-Queen. Jetzt hat sie sich in eine wundersame Katzenlady verwandelt, will keine Interviews zu ihrer Musik geben, nur über eigensinnige Wesen aus der Familie der Felidae sprechen, von denen eines auch das Cover von „Nothing’s About To Happen To Me“ ziert. Aber natürlich heißt über Katzen sprechen über alles sprechen. Das demonstriert Mitski hier perfekt: In „Cats“ erklärt sie ihrem Lover, er könne sie ruhig verlassen, Rettung sei an ihrer Seite – „Our two cats/ Both asleep by me tonight“ –, und falls die sich am nächsten Abend entschlössen, ebenfalls zu gehen, wäre das auch okay: „I’ll be glad to know/ They’re out following/ Their hearts’ delight.“

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In „That White Cat“ erinnert sie sich an die Nachbarskatze ihrer Kindheit, die ihr Elternhaus markierte und es sich so quasi zu eigen machte. Man könne nichts festhalten, sagt ihre Mutter, alles gehe kaputt oder verloren – „The only thing you can trust/ Is what you lived through“. Und die Tochter fragt: „Mama, how ’bout when I die?“ „Nothing’s About To Happen To Me“ dreht sich also wie der Vorgänger um Eros und Thanatos. Doch bevor Mitski von Selbstmordversuchen singt und ihren Tod durch die Hand des Liebsten imaginiert, erleben wir ein (trügerisches) Idyll: Zu Banjos und Akkordeon gesteht die Sängerin, sie könne niemals in einer kleinen Stadt leben, weil ihr da ihre Fehler ständig wiederbegegnen würden, in der Metropole dagegen könne man die alten Wege meiden und sich neu erfinden. Und dann sind wir zu schreienden Gitarren schon mitten im Albtraum des Städtebewohners – Mitski kann ihr Telefon nicht finden.

Sie hat wie eine Katze sieben Leben

Das bleibt der einzige Ausbruch urbaner Aufgekratztheit, wenngleich das treibende „That White Cat“ immer kurz davorsteht, dann aber in einen jenseitigen Chor zurückfällt und ebenso wie „If I Leave“ und „Lightning“ Spuren von Grunge trägt. Meist geht es wieder countryesk zu, der zum Sterben schöne Torch Song „I’ll Change For You“ verlässt die ästhetische Scheune kurz für eine poshe Bar, „Charon’s Obol“, das hymnische Glanzstück (und der einzige Song mit dog content), spielt in einem verwunschenen Haus.

„I can hear the song of my death“, singt Mitski im letzten Song zu klagenden Streichern, „singing for the lightning to come/ Calling to the thunder, ‚… Polo!‘“ Da spielt jemand mit dem Tod das Kinderspiel, bei dem man mit geschlossenen Augen seine Mitspieler suchen muss, die verpflichtet sind, mit „Polo!“ zu antworten, wenn man „Marco!“ gerufen hat. Es ist also ein Echo aus der Unterwelt, mit dem dieses Album endet, das selbst wie ein unheimlicher Nachhall des meisterlichen Vorgängers klingt und ein weiterer Beleg dafür ist, dass niemand auf dem schwankenden Seil der Liebe so elegant über dem Abgrund balancieren kann wie Mitski. Wohl weil sie nicht fürchten muss abzustürzen. Sie hat wie eine Katze sieben Leben. Ihr kann nichts passieren.

Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.