Patrick Wolf  Lupercalia


Mercury/UID/Universal


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Er kocht jetzt gern, und am Gärtnern hat er neuerdings auch viel Freude. Vor acht Jahren, als 19-jähriger „Libertine“, sang Patrick Wolf noch über bizarre Typen, wie den bösartigen „Child-Catcher“: „You gave me shoes and pretty clothes, and I gave you what I had between my legs.“ Seine Texte waren scharfsinnig bis explizit, die Musik ein genialer Amoklauf zwischen englischem Folk und hausgemachter Brachial-Elektronik, stets umwallt von Nebeln der Sehnsucht und Romantik.

Der inzwischen 27-jährige Patrick Wolf hat sich seitdem konsequent weiterentwickelt – weg vom Paradiesvogel-Wunderkind, hin zu einem glamourösen Dandy in der Tradition der besten Brit-Exzentriker. „Lupercalia“, das fünfte Album des Sängers, Songschreibers, Produzenten und Violinisten, ist sein mit Abstand poppigstes Werk. Auf der Suche nach den Ursprüngen der Liebe habe er sich in der griechischen und römischen Mythologie umgesehen, erzählte Wolf in Interviews. Das Fruchtbarkeitsfest Luperkalien hat ihm besonders gut gefallen: In Rom tobten einst Mitte Februar zu Ehren des Gottes Faunus (besser bekannt als Pan) enthemmte nackte Menschen durch die Straßen, jederzeit bereit, sich lustvoll zu paaren. Eine Art Vorläufer des Valentintags – bevor die Blumen- und Süßigkeiten-Industrie die Sache an sich riss.

„Lupercalia“ ist vor allem eine Sammlung von fast autobiografischen Liebesliedern. „The City“ eröffnet den Reigen mit großem Orchester und donnernden Beats – ein prächtiger Ohrwurm, der mit jedem Hören unvergesslicher wird. Weil Wolf seit Kurzem mit seinem Lebenspartner William in einem Häuschen in London lebt, heißt das nächste Stück „House“. „I’ve been too long a rolling stone“, singt er zur emphatischen Musik, um anschließend zu schwärmen: „the greatest peace I’ve ever know“. Mary Shelley schrieb ihren „Frankenstein“ angeblich im Nachbarhaus. „The Future“ ist momentan mein Lieblingslied: So optimistisch trompetend und lauthals im Chor singend sollte die Zukunft in jedes Leben eintreten. Klar, dass es auch hier wieder um die große Liebe geht. „William“, natürlich, dem auch ein kurzes, digitales Minnelied gewidmet ist, das nahtlos in die dezent nahöstlich inspirierte Schwelgerei „Time Of My Life“ übergeht. Marc Almond fällt einem dazu ein und die Kunst der Hingabe – egal, ob die Subjekte und Objekte der Begierde es wert sind oder nicht. „Slow Motion“ erinnert in seiner raffinierten Dramaturgie an einen exotisch-schwülen Rufus-Wainwright-Song. „Together“ lässt dann doch noch mal den virilen Disco-Beat raus, nur um zu betonen, dass sich vieles gemeinsam einfach besser erledigen lässt. Banal? Nein. Denn dieses Album klingt so unglaublich frisch verliebt und trotz all des tollen Pop-Schwulstes auch so nah am Leben, dass es einem selbst einen grauen Montag rettet.


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