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Pixies live in Berlin: Zauberer mit dem Handtuch



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Wird ihnen die Verehrung der Fans irgendwann zu viel? Manchmal hält David Lovering die Trommelstöcke vor seine Brust wie ein christliches Kreuz, als hätte er Angst vor dem Jubel des Publikums, weil der ihm immer unheimlicher wird. Im nächsten Moment wirft er einen Stick quer über die Bühne, Joey Santiago fängt ihn auf und veranstaltet damit, wie so oft bei „Vamos“, eine Parodie auf sein Gitarrenspiel – was sich nur Meister erlauben können, und Santiago, der Hendrix der kleinen Bühne, ist so einer. Stellt sein Instrument ab, dirigiert das Feedback der Gitarre, mal mit Stick, dann, ohne die Gitarre zu berühren, nur über die Schwingungen seines Kopfmikros. Schließlich wickelt er, warum auch immer, ein Handtuch um den Gitarrenhals. Als er den Trommelstock wieder zurück wirft, hat Joey Santiago in drei Minuten gezeigt, wie großartig, aber auch wie albern so ein Job als Gitarrero sein kann. Sänger Black Francis schaut sich das jeden Abend von der Seite aus an, manchmal lächelt er dabei, heute auch. Was für ein großer Abend. Im Jahr neun seit ihrer Reunion wissen die Pixies, dass es nicht mehr so schlimm ist, für das Publikum eine Show zu machen. Selbst, wenn die Leute nur gekommen sind, um die Klassiker zu hören.

Wie schwierig es jedoch ist, die Musik der Pixies zu beschreiben, musste selbst Über-Fan David Bowie erleben. Für eine Video-Dokumention über die Band machte Bowie, einer der frei denkendsten Musiker überhaupt, sich ein bisschen lächerlich. Wie ein Oberlehrer zählte er an drei seiner Finger einen Dreipunkte-Plan ab und erklärte, worin die Magie der Gruppe besteht: Santiagos Leadgitarre; Black Francis‘ Texte über Bibel und Sündenfall, dazu seine Stimme, die zwischen Geburtsschrei, Mordlust und dem Jungen, der niemals ein Mädchen abkriegen wird, wechselt. Stimmt alles, Mr. Bowie! Und so wurden Pixies zwischen 1987 und 1991 die aufregendste Band überhaupt. Die Erfinder der Laut-Leise-Dynamik, Vorreiter des Grunge und allem, was wir über neue Rockmusik wissen.

Und es ist bezeichnend, dass David Bowie die Ex-Bassistin Kim Deal nicht mit einer Silbe erwähnte. Das geht in Ordnung. Beim Konzert im Berliner Huxley’s wird auch deutlich, dass Deals Band-Ausstieg, verkündet diesen Sommer, überhaupt nicht schlimm ist (abgesehen davon, dass die Gruppe den von ihr co-komponierten und gesungenen Hit „Gigantic“ nicht mehr live spielt). „No Kim, no Deal!“, schrieben aufgebrachte Fans, als die übrigen drei Pixies verkündeten, auch ohne ihre Bassistin weiter zu machen. Deals Part übernimmt live nun Kim Shattuck von der Punkband The Muffs. Und so macht sie ihren Job: Shattuck spielt sauberer, druckvoller und verleitet ihren Rhythmuspartner Lovering dazu, den einen oder anderen Trommelwirbel, den er in den letzten Jahren wegließ, wieder vorzuführen. Selbst die schwierigeren Parts, der versetzte Chorgesang aus der Hölle, der Hand-in-Hand-Gang blutiger Kinder in „I Bleed“, beherrscht Shattuck: Als Sängerin steckt sie Fan-Liebling Kim Deal in die Tasche. Fazit: Es ist das beste Bandzusammenspiel seit den Comeback-Konzerten von 2004.

34 Songs gibt es an diesem Abend, und mit viel Selbstvertrauen streuen Pixies neun neue Lieder ein. Die können es nicht mit ihrem alten Back-Katalog aufnehmen; sie klingen eher, so wie „Indie Cindy“ oder „Greens and Blues“, wie der gemütliche Country-Rock der späten Solophase von Black Francis; Santiagos Gitarre bricht seltener aus, und wenn die Band ihre Dynamik variiert, geschieht das nur gemeinsam, und dann gemeinsam etwas langsamer. Aber was sollen die vier tun? Seit bald zehn Jahren sind sie regelmäßig auf Tour, spielen „Debaser“ und „Where Is My Mind“ rauf und runter. Wenn die Francis-Stücke aus der Schublade der Preis dafür sind, dass die Band die Lust nicht verliert, ist das womöglich ein fairer Handel. Zyniker bedauern lediglich, dass die neuen Lieder nicht mehr die typische Pixies-Länge von zwei, sondern vier Minuten haben.

Die drei Originalmitglieder sind jetzt um die 50 Jahre alt, und es ist rührend zu sehen, wie überzeugend sie die rebellischen Songs noch spielen können – die Rachefantasie von „Gouge Away“ und das Western-artige Outro von „No. 13 Baby“ erklingen geradezu triumphal. Das gedimmte, melancholische Surfer-Lied „Ana“ dagegen geht etwas unter; vielleicht liegt es an der Songauswahl des Abends, die dramaturgisch ein wenig wie Stop and Go anmutet. Wenn man halt erstmal am Verschnaufen ist, kann man auch nicht mehr so zart singen.

In den ersten Reihen des Publikums sind Fans, die halb so alt sind wie Black Francis. Sie sind die lautesten, sogar ein Junge mit Zahnspange ist dabei. Während ihrer ersten aktiven Zeit in den Achtzigern waren Pixies Kritikerlieblinge, aber haben kaum Alben verkauft. Nun holen sich die Leute endlich ihre Musik, Leute zwischen 15 und 55. Ob sie sich alt fühlen, fragte ROLLING STONE die Musiker zwei Stunden vor dem Konzert im Video-Interview (ab Freitag online). Im neuen Lied „Indie Cindy“ adressiert Black Francis schließlich die Mutter einer jungen Frau: „I’m in love with your daughter.“

„Verliebt sein?“, antwortete der 48-Jährige. „Ach was. Das war nur eine höfliche Umschreibung. Dafür, jemanden zu ficken.“

Black Francis lacht, und in diesem Moment sieht er wieder aus wie der 19-jährige Außenseiter, der kein Mädchen abbekommt. Soll er sich noch lange an der Welt abarbeiten!

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