Rufus Wainwright
„I’m A Stranger Here Myself – Wainwright Does Weill“
Thirty Tigers/Membran (VÖ: 21.11.)
Zwei Wanderer zwischen den Welten, live vereint.
Sich im fortgeschrittenen Alter als seriöser Crooner zu kaprizieren ist natürlich nicht die schlechteste Idee. Was Rufus Wainwright mit dem von ihm verehrten Kurt Weill verbindet, ihn womöglich gar zum Seelenverwandten des großen Komponisten macht, ist der Mut, Grenzen zu überschreiten und nach Lust und Laune U- und E-Musik zu vermischen. In Weills Riesenwerk verdichten sich europäische Kunstlied-Tradition und Tin Pan Alley, Spätromantik und Avantgarde, Oper und Pop, Jazz und Musical, Chanson und Tango zu einer tragikomischen Serenade des frühen 20. Jahrhunderts.
Der Mut, Grenzen zu überschreiten und nach Lust und Laune U- und E-Musik zu vermischen
Und Wainwright legt sich mit allem, was er hat, in diese Live-Darbietungen. Das ist im Vergleich zu anderen Performern seiner Generation nicht wenig. „September Song“ und „It Never Was You“ nehmen einem den Atem, weil dieser Balladensänger einfach menschlicher klingt, also näher am Scheitern ist, als ein klassisch ausgebildeter Tenor. Nur manchmal überspannt er den Bogen. Wenn sich Rufus Wainwright in höhere Sphären der Unterhaltungskunst aufschwingt, singt er ein bisschen so, wie David Garrett Geige spielt: Er möchte dann immerzu brillieren. Aber ein Höhepunkt ohne Verschnaufpause ist keiner. Das nervt da, wo sich der Witz schon über die Begleitung erzählt, ohne stimmliche Allüren.
Vor allem in den Schwänken und Burlesken aus der „Dreigroschenoper“ oder dem Kabarettstück „The Saga Of Jenny“ aus „Lady In The Dark“ zerschmachtet Wainwright manche Pointe mit expressiver Emotionalität. Gerettet wird er in diesen Momenten vom Pacific Jazz Orchestra, das mit eleganter Spielfreude zwischen Tanzsälen der Goldenen Zwanziger, dem Paris der Belle Époque und den New Yorker Nachtclubs der 40er-Jahre schlafwandelt.
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 12/2025.