Shitney Beers
„Amity Island“ – Umstandslos
Grand Hotel Van Cleef (VÖ: 13.12.)
Maxi Haug sitzt gekonnt zwischen den Stühlen und Ebenen.

Ist das schon ein Aufbruch? Oder noch der letzte Zipfel vom Kuschelkissen? Im banjobekränzten „Intro“, das hier auch einfach mal so betitelt wurde, gibt die Protagonistin als trockene Trinkerin kurz vorm Rückfall zu Protokoll, was sie nicht mehr (sein) will: Verletzend (in alle Richtungen). Gleichgültig. Hilflos. Nur um gleich im Anschluss eine nur knapp zweiminütige Hymne auf „Maya Hawke“ rauszuhauen, für die sie sogar ihre verdammte Krankenversicherung aufs Spiel setzen würde.
Befindlichkeitspop, der über sich selbst hinausweist
Für ihr drittes Album hat die Band um die Wahlhamburgerin Maxi Haug einen Befindlichkeitspop perfektioniert, der über sich selbst hinausweist. Der das Verhandelte (Gender und alle üblichen Verdächtigen) schon auch ernst nimmt, aber gern eine kleine, zweite Ebene einzieht. So wie auch die Hauptfigur der Dialektik einer Haut unterliegt, aus der sie nur schwer kann. „I’m so angry I wanna make a change“, singt sie in „Lachrymal Glands“, „but I’m scared of so many little things.“ Ist ja auch ganz schön auf dem Kuschelkissen, zumal wenn da ein „Dawn Girl“ wartet, dem Shitney Beers schön umstandslos huldigen. Nicht nur hier, sondern auch mit „Simp“ oder „N4N“ klingen sie wie eine dieser amtlichen Ami-„Indie“-Bands aus den 90er-Jahren, die Rock-Traditionalisten gern mit einem frei aufdrehenden Gitarristen bezirzen.
Sonst hängt die Band gekonnt zwischen den Stühlen, weiß aber, was beim Platznehmen anzustellen ist. „Ducks In Morocco“ spielt ihre dynamische Bandbreite aus. Doch wenn’s vorbei ist und das bisschen Herzschmerz doch ziemlich wehtut, tun’s doch wieder nur Klavier und Cello, in „Done“ samt Hilfe in persona Lina Brockhoff. Den Eingangsschwur „No more hurting friends“ verwandelt Haug in „I want my friends to fuck“ („Lucky Get Laid“), um abschließend ein größeres Boot für den Törn aufs „Amity Island“ zu buchen, wo nun die, die mehr will, und die, die nicht mehr geben kann, beieinanderhocken. Das Banjo ist wieder da. Es könnten noch ein paar Freunde mehr werden für Shitney Beers. Hoffentlich sind auch ein paar richtige dabei.
Diese Review erschien im Rolling Stone Magazin 1/25.