„Westworld“-Schlusskritik: Tschüss, bin wohl zu blöd für die Serie

„Westworld“-Schlusskritik: Tschüss, bin wohl zu blöd für die Serie

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Sechs Folgen der zweiten Staffel von „Westworld“ sind um, 16 sind seit 2016 angelaufen, und noch immer wird die Serie mit „Lost“ verglichen. „Lost“ hat einst über Jahre fasziniert. Weil es viele Rätsel aufwarf, und die Rätsel von Folge zu Folge mehr wurden, und alle wollte man lösen.

Der Vergleich beider Formate scheint mir nicht passend. „Lost“ bot eine klare Situation. Man wusste ziemlich schnell, was man nicht weiß. Bei „Westworld“ aber weiß man nicht, was man nicht weiß. „Lost“ war die Insel, auf der verschiedene Leute gestrandet sind, die sich erstmal nicht mögen. Warum gerade diese Leute? Was ist das für ein unbekanntes Eiland? Wie komme ich von dort wieder weg? Drei Grundfragen, egal wie viele Rätsel es gab.

„Westworld“ wirft aktuell nur eine erkennbare Frage auf, nicht die nach den Motivationen der Figuren, sondern: Wie groß ist der Vergnügungspark? Die Kartografie von „Westworld“ wird stetig erweitert. Wilder Westen in Season eins, jetzt auch Indien und Japan.

Im Netz wird viel gesponnen, jeder will alles besser wissen, aber wenn Fan- und Nachrichtenseiten mittlerweile weniger über das Ziel einer Serie als über dessen Schauplätze berichten, dann läuft die Diskussion in eine Richtung, die nicht beabsichtigt gewesen sein kann. Die Theorien über den Sinn der Sinnsuchen werden weniger. Die Bewunderung der Landschaften nimmt zu.

Staffel eins stellte die Suche nach dem „Labyrinth“ in ihren Mittelpunkt. Das war richtig: Es war ein Ziel, das alle verfolgten. Das Labyrinth schien tatsächlich zu existieren. Es war unter der Schädeldecke der Roboter eingezeichnet. Deshalb war die Skalpierung der Westernleute auch keine Abscheulichkeit der Indianer, sondern auch für Cowboys wie den Man in Black (Ed Harris) eine notwendige Sache, um der Schlusslinie näher zu kommen.

Später stellte sich heraus, dass es das Labyrinth vielleicht doch nicht gibt. Was ausgerechnet Evan Rachel Wood (Dolores), die als Hauptdarstellerin eigentlich so etwas wie ein Grundrecht auf Plot-Wissen haben sollte, auf einem Roten Teppich sagte, gab Anlass zur Besorgnis. Sie sagte, vielleicht habe ich mir ihre defensive Mimik dabei nur eingebildet, das Labyrinth sei eine „Metapher“.

Das muss man erstmal sacken lassen.  Mit der „Metapher“ lassen sich bestimmt auch Filme von David Lynch und Alejandro Jodorowsky beschreiben, sein Gesicht verliert man dabei nicht. Man teilt aber auch nichts mit.

Kein Mitleid mit Siri

Das größere Problem mit „Westworld“ ist aber nicht die Ziellosigkeit, es sind die Charaktere. Es ergibt wenig Sinn, sich mit Robotern zu identifizieren. Für Filme sind Identifikationsfiguren nicht wichtig, für Serien schon, weil sie den Zuschauer etliche Stunden an sich binden müssen. Die Hauptfiguren von „Westworld“ sind allesamt Computer, sie bestehen aus Nullen und Einsen.

Egal, wie sehr sie sich anstrengen, weinen, töten, lieben, sie leben nicht. Sterben sie, werden sie neu geboren – reaktiviert. Dies ist das Dilemma: Sie sind unsterblich. Es ist nicht schlimm, wenn Parkbesucher sie abknallen und dabei lachen. Sie kriegen immer ihre zweite Chance. Ihr Kampf um Leben, damit das Recht auf Erinnerung und Biografie, ist nachvollziehbar, aber er kann nicht berühren.

Die Parkbetreiber machen es in jeder Folge vor: Keinem „Host“ droht die Verschrottung, die Maschinen sind viel zu wertvoll. Wir müssen uns keine Sorgen machen um Dolores, Maeve, Teddy. Würden wir eh nicht. Stehe ich auf einer Brücke, beuge ich mich übers Wasser und verliere mein iPhone im Fluss, dann ärgere ich mich über den Verlust von Hardware und gespeicherten Fotos. Siri aber weine ich keine Träne nach. Die künstliche Intelligenz wartet im nächsten iOS wieder auf mich, als wäre nichts gewesen.

Und so ist das mit den Robotern auch. Gleiches Angebot nach Reboot. Da macht es auch keinen Unterschied, dass die Erinnerungen an ihre Familien haben, an Verluste. Denn sie sind nur implantiert.

Einer der wenigen Menschen, den die „Hosts“ am Leben lassen, ist ausgerechnet der, den kein Zuschauer mag: „Westworld“-Designer Lee Sizemore (Simon Quarterman), einer der größten Verachter der Maschinen. Der arme Kerl wird nicht aus Mitleid mitgeschleift, er wird als Erzähler gebraucht – für die Zuschauer. Er muss für uns übersetzen, was die Japaner sich untereinander erzählen, von Soldat zu Soldat, von Geisha zu Geisha. Er erklärt die Story, sonst nichts. Hier, und nur hier haben die Serienmacher eine Figur funktionalisiert. Man freut sich fast, dass man deren Funktion erkennt.

Vor allem Maeve (Thandie Newton) schießt übers Ziel hinaus. Der Roboter kann neuerdings allein mit seinen Gedanken andere Roboter beeinflussen. Ausschlaggebend dafür war möglicherweise ein externer Power-Boost, ganz normal per Regler gesteuert, der ihre Festplatte aufs Limit maximaler Erkenntnis und Fähigkeiten optimierte. Stoff wie aus einer Superhelden-Mythologie. So was passiert sonst nur, wenn jemand wie Norman Osborne in seine blitzende Maschine steigt und als Green Goblin herauskommt.

Nun denkt Maeve also Sachen, und die anderen müssen ihren Befehlen folgen. Auf die Erklärung dieser Art Telepathie, die unser derzeitiges Wissen über KI übersteigt, bin ich gespannt. Ich muss dabei immer an WLAN denken, auch wenn es damit überhaupt nichts zu tun hat. Im Shogun-Land räumt Maeve per Gedankenübertragung auf, sie hat die Samurai im Griff.

Nur noch Blutbäder

Auch das ist ein Problem von Staffel zwei: Schauplätze sind zu reinen Action-Kulissen verkommen. Indischer Wald oder japanischer Tempel, es gibt keinen exotischen Ort mehr, der nicht betreten wird, um nur nach einem Blutbad wieder verlassen zu werden. So durchgespielt die Western-Shootouts in Quasi-Montana sind, so tausendfach gesehen ist die Schwertkämpferei in Quasi-Nippon.

Dass Maeve aus dem Nichts japanisch beherrscht und Leuten anderer Kulturkreise ihren Willen aufzwingt, hat schon fast etwas von „White Saviour“, wie man es aus „Avatar“, „Der mit dem Wolf tanzt“ und natürlich „Der letzte Samurai“ kennt. Diese Babelfisch-Methode ungestörter Kommunikation ist aber auch eine verpasste Chance. Gerade Maschinen, die nicht miteinander reden können, böten reizvolle Konflikte. Ich möchte gar nicht wissen, was erst passiert, sollten diese Roboter im afrikanischen Busch einmarschieren.

Als Samurai hat man u.a. Hiroyuki Sanada (Foto oben) engagiert, der tatsächlich neben Tom Cruise in „Der letzte Samurai“ zu sehen war, und, so wie einst Frank Vincent für Mafia-Werke („Sopranos“, „GoodFellas“) mittlerweile der Mann für alle Fälle ist, wenn es um Rollen-Stereotype geht, die man in Hollywood gerne nutzt.

Eine durchaus realistische Theorie besagt, dass alle Charaktere, denen wir in „Westworld“ begegnen, in Wirklichkeit Roboter sind. Das wird sich hoffentlich nicht bewahrheiten. Schon Bernard/Arnold (Jeffrey Wright) bereitet einem Schwierigkeiten, seit in Staffel eins enthüllt wurde, dass er als Bernard eine Maschine ist.

Wohin jetzt mit Bernard? Leiden wir mit ihm? Es ist jedenfalls kein Zufall, dass seine Erinnerungen an den toten Sohn keine Rolle mehr spielen, in der Serie nicht mehr vorkommen, nachdem klar wurde, dass ihm diese Trauer-Biografie eingepflanzt wurde.

Soll keiner sagen, die Schauspieler geben nichts her

Es ergibt sicher alles irgendwie Sinn, auch bei „Lost“ ließen sich am Ende nicht alle Fäden schlüssig verbinden. Aber „Westworld“, das noch gar nicht verraten will, was eigentlich erzählt werden soll, bietet eine Einladung zum Wegdriften. Was folgt ist das Schlimmste, das beim Fernsehgucken passieren kann. Man achtet nicht mehr auf die Geschichte, sondern mustert aus Langeweile die Darsteller.

Warum sieht William (Jimmi Simpson) wie ein jugendlicher Urlauber in Bad Segeberg aus, der einen Cowboyhut als Souvenir mitnehmen durfe? Wieso ist die Heldin Dolores immer so sauber? Und darf man Mitleid haben mit Luke Hemsworth, dessen Ähnlichkeit mit seinem jüngeren Bruder, Chris „Thor“ Hemsworth, offensichtlich ist, der aber nicht ganz so gut aussieht, und man sich deshalb wünscht, Chris „Thor“ Hemsworth schneit mal rein? Das ist der Baldwin-Effekt (Alec Nummer eins, dann William, dann Daniel) bzw. der Fiennes-Effekt (Ralph die Eins, dann Joseph – leider nicht umgekehrt). Daran ist wohl nicht zu rütteln.

Mir gefiel Teddy am besten. Weil er eine Maschine mit klaren Zielen ist (und James Marsden der überzeugendste Darsteller des Ensembles, überzeugender als Ed Harris, der in jedem seiner Filme mittlerweile die Ledernacken-Nummer aus „A History Of Violence“ von 2006 abzieht). Teddy ist ein Gentleman-Cowboy mit nur einem Wunsch: Dolores für sich zu gewinnen. Seine Vergangenheit, seine Erinnerungen sind ihm egal. Er lebt nur im Jetzt. Wie klischeehaft das auch klingt.

Eigentlich ist das ein Ziel, das jeder Mensch haben sollte. Die Gedanken an ein Damals, das es nicht mehr geben kann oder lediglich in Träumen gab, machen einen nur kaputt.

Liest sich vielleicht auch nur wie ein Pinterest-Sinnspruch. Aber es wäre ein Weg, „Westworld“ zu vereinfachen. Die Serie hätte es verdient gehabt.

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