Stefano D’Arrigo Horcynus Orca

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Horcynus Orca von Stefano D'Arrigo

Stefano D’Arrigos Roman „Horcynus Orca“ ist eine prachtvolle Galeere, die vor fast 40 Jahren in die Gewässer der Hochliteratur der Moderne eingefahren, bei der Übersetzung aber an den Klippen der hiesigen Italianistik zerschellt ist. Mit Moshe­ Kahn hat sich ein kundiger Archäologe und Fährmann gefunden, der die edle Barke aus den Tiefen des Vergessens gehoben und in die Gewässer der deutschen Literatur überführt hat. Bis dato galt D’Arrigos Lebenswerk als unübersetzbar. Wobei der Begriff „Übersetzung“ in die Irre führt, vielmehr ist es eine Nachdichtung der seemännischen Bilder- und Klangwelten dieses Sprachungetüms, die sich deutsch liest, aber aufgrund unzähliger Neologismen und syntaktischer Capricen nach fernen Welten klingt.

Der Roman erzählt schwappend, rollend und gluckernd von den letzten Tagen des Oberbootsmanns ’Ndrja Cambrìa, der am 1. Oktober 1943 von der faschistischen italienischen Marine desertiert und am 8. Oktober stirbt. Dazwischen liegt eine Reise, die in vielerlei Hinsicht Homers Odyssee und dem Rhythmus der Gezeiten gleicht. Über fast 1.500 Seiten folgen wir dem traumwandelnden Matrosen bei seinem Versuch, vom italienischen Festland nach Sizilien überzusetzen und in den Trümmern seine Heimat wiederzufinden. Es ist eine Reise durch Raum und Zeit, bei der „Vomhörengesagtes“ und „Mitdenaugengesehenes“ eine nie da gewesene mythische Realität des Grauens schaffen.

Zunächst muss der Deserteur mit Blick auf die heimatlichen Gefilde erst den Lockrufen zahlreicher
„Feminotinnen“ widerstehen, bevor er mit der sirenengleichen Hure Circè nach Sizilien übersetzt. Dort begegnet er seinem Vater, Caitanello Cambrìa, der seinen Sohn längst unter den Toten vermutet. Es beginnt die Rekonstruktion des Lebens der Pellisquadre, der sizilianischen Fischer, das geprägt ist vom ewigen Kampf gegen die männermordende „Delfifere“, die die Meerenge von Messina zu einem Pfuhl des Todes macht. Diese hinterlistigen und ungenießbaren Geschöpfe fürchten nur den Mörderwal Orcinus Orca, ein Ungetüm, „das als die Tödin angesehen wird“. Mit der Orca verbinden die Menschen die Hoffnung, dass sie die purgatorischen Gewässer und karkassengesäumten Strände vom „Geflöh der Mistferen“ – eine Allegorie auf den Faschismus – befreit. Doch alle Hoffnung ist vergebens.

Nie zuvor hat jemand die Welt aquatischer Ungeheuer mit der des Ungetüms Mensch zu solch einem famosen Seemannsgarn verwoben. Dieses Requiem ist ein unvergleichlicher Ritt auf der „Triumfere“ – für Autor, Übersetzer und Leser gleichermaßen.

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