The Horrors: Skying (Kritik & Stream) - Rolling Stone






The Horrors Skying


Beggars 8. Juli 2011


von

Es kommt ja bekanntlich nicht nur andauernd anders, als man denkt, sondern manchmal sogar besser. Beispiel The Horrors: Als die Engländer 2007 im Nachgang der sogenannten zweiten britischen Indie-Rock-Welle ihre toupierten Häupter schüttelten, war das wenig mehr als die endgültige Bravoisierung des Garage- und Gothic-Rock der 60er- und 80er-Jahre. Der Sänger Faris Badwan verfasste damals für den „NME“ einen Leitfaden für Erstsemester, in dem er empfahl, wo in England man am billigsten saufen und essen konnte. Zweifellos das richtige Umfeld für die frühen Horrors – aber der Junge war ja selbst erst 21!

Das Hauptaugenmerk in jenen Tagen lag auf den beachtlichen Debüts einer ganzen Reihe überaus interessanter Bands, deren weiterer Karriereverlauf allerdings in den meisten Fällen wenig Anlass zur Freude bot. Die Horrors, so deutet sich nun immer mehr an, nehmen den entgegengesetzten Weg. Nach dem Teeniebop-Garage-Debüt „Strange House“ integrierten sie auf dem zweiten Album „Primary Colours“ unter der Regie von Geoff Barrow und anderen überzeugend Kraut- und No-Wave-Referenzen und konnten auf einmal sogar ihre Instrumente spielen.

Immerhin Anlass genug für „Mojo“ und „Q“, „Skying“ nun zum  Album des Monats zu küren. Und nicht nur das: Seit Zane Lowe vor einigen Wochen „Still Life“ in seiner Sendung auf „Radio 1“ spielte, gilt das dritte Horrors-Werk nicht wenigen Kollegen als heißer Anwärter auf das Album des Jahres. Ungeachtet derartiger, typisch britischer Auswüchse gilt es festzuhalten, dass die Horrors auf „Skying“ tatsächlich so konsequent wie noch nie alle Fäden ihrer musikalischen Sozialisation zusammenführen. Synth-Pop, Darkwave, Kraut, Ambient, Shoegaze und Indie-Pop summieren sich auf diesem Album zu einigen der schönsten, dunkellackierten Dreampop-Songs seit einiger Zeit.

Daheim in London hat sich die Band ein eigenes Studio gebaut, das sie mit reichlich analogen Synths und anderen prähistorischen Tasteninstrumenten vollstopfte. Dort entstand nun auch der hypnotische Drama-Pop von „I Can See Through You“, der Dark-College-Rock „Endless Blue“ und einige andere Preziosen. Ein traumhaft überraschendes und absolut verführerisches Werk.


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