The Temptations
„Cloud Nine“
Motown/UME (VÖ: 27.3.)
Soul und Psychedelia sind nicht kompatibel? Falsch!
Der einzige Motown-Act, ja der einzige große Soul-Act überhaupt, der sich kopfüber und mit musikalischer Konsequenz ins psychedelische Abenteuer stürzte, und das sogar sehr erfolgreich, waren die Temptations. Ein halbes Dutzend Hitsingles zwischen 1967 und 1970 gab dem Tamla-Slogan „The Sound Of Young America“ eine neue Bedeutung, machte die Demarkationslinie zwischen Soul und Rock nicht nur durchlässig, sondern verlieh beiden Genres stilistische Impulse, die weit in die folgenden Funk-Jahre hineinwirkten. „Cloud Nine“ und „Run Away Child, Running Wild“ waren zwei dieser Hits, die den Verkauf der ’69er LP ankurbelten, bis auf Platz 4 der US-Charts immerhin.
Und einen Grammy gab es obendrein. Produzent Norman Whitfield setzte auf „colorful sounds“, wie er sie nannte. Gefunden hatte er diese vornehmlich in den PsychBiotopen der Rockszene San Franciscos. „Wir verschmolzen unseren Funk mit deren flippigen Klängen und es funktionierte.“ Das Lineup der Temptations hatte sich allerdings gewandelt. Lead-Sänger David Ruffin war 1968 gefeuert worden und Dennis Edwards war für die Sessions zu „Cloud Nine“ an seine Stelle getreten.
Zuletzt erschien ein Reissue als einfache LP in guter 140g-Pressung, zum doppelten Preis wird demnächst eine 45rpm-Edition von Mobile Fidelity angeboten, die zehn Tracks auf drei LP-Seiten gestreckt (die vierte wird ein Etching zieren). Für das knapp zehnminütige „Run Away Child, Running Wild“ ist eine ganze LP-Seite reserviert. Keine Option für All-Analog-Puristen freilich, da das Label die Verwendung von DSD-Wandlern bei der Überspielung neuerdings zugibt
Diese Review erscheint im Rolling Stone Magazin 3/2026.