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Thea Dorn Die Unglückseligen

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Foto: Albrecht Knaus Verlag

Die Geschichte des Doktor Faustus ist einer der Urstoffe der deutschen Literatur. Nicht nur Goethe hat sich dem Mythos zugewandt, aber mit der Aussage seines Doktor Faustus, „dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, hat er jenen Schulmeister zum Prototyp des nach Erkenntnis strebenden Menschen gemacht. Einen ähnlichen Erkenntnisdrang hat die Molekularbiologin Johanna Mawet, die mit ihren genetischen Experimenten die Menschheit von Krankheit, Alter und Tod befreien will. Ihr Lebensprojekt besteht darin, „sämtlichen Zellen im menschlichen Organismus Regenerationskräfte zu verleihen, die weit über das natürliche Maß hinausgingen, damit zugleich die Zellalterung abzuschaffen und also den Weg zur Unsterblichkeit zu ebnen“. Gelänge es ihr, die Wundergene der resistenten Zebrafische „in den menschlichen Stammbaum einzuschleusen“, würde sie das Tor zur Unendlichkeit weit aufstoßen.

Dieses scheint Johann Wilhelm Ritter längst durchschritten zu haben. Als Zeitgenosse von Brentano, Humboldt und Goethe hat er in abenteuerlichen Selbstexperimenten die Grundlagen der Elektrochemie gelegt. Hier läuft dieser vergessene Frühromantiker vor die Motorhaube der jungen Wissenschaftlerin, die zunächst vermutet, sie hätte es mit einem Geisteskranken zu tun. Doch schnell stellt sie fest, dass dieser aus der Zeit gefallene Kauz ein Geheimnis in sich trägt, das ihr bei der Suche nach dem ewigen Leben behilflich sein könnte. Was folgt, ist ein aufopferungsvolles, höchst unterhaltsames und von einem allzu bekannten Unbekannten präsentiertes Ringen um die letzten Wahrheiten, bei dem Mawets „Erbsenzählerei“ der Humangenetik ebenso ad absurdum geführt wird wie Ritters „Windbeuteleien“ der Alchemie.

„Die Unglückseligen“ ist ein grandioser Wissenschaftsund Kulturroman, in dem weder Wissenschaft, Philosophie noch Poesie ein Mittel gegen Schmerz und Endlichkeit finden. Thea Dorn führt den Fauststoff erzählerisch kühn und sprachlich brillant aus der deutschen Romantik in die Gegenwart der Globalisierung. Sie vermischt die Altsprachen mit dem antiquierten Deutsch ihrer unsterblichen Faustfigur und dem internationalen Kauderwelsch ihres verbissenen Wissenschaftsgretchens und setzt, wie die Romantiker, konsequent auf stilistische Vielfalt. Comiczeichnungen findet man hier ebenso wie historische Fragmente und wissenschaftliche Analysen. So wagemutig, weise und vergnüglich war deutsche Hochliteratur schon lange nicht mehr! (Knaus, 24,99 Euro)

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