Thundercat
„Distracted“
Ninja Tune (VÖ: 3.4.)
Der Wunderbassist tritt souverän in seine Yacht-Rock-Phase ein.
Fünf Sekunden, Bassline, Falsett. Schon ist klar, wer sich hier nach sechs Jahren Stille zurückmeldet. Für einen Künstler wie Thundercat, dessen Synapsen stetig aus allen Rohren feuern, eine Ewigkeit. Um einige Kilos und Laster (vor allem Alkohol) erleichtert, zeigt er sich auf „Distracted“ fokussiert wie nie. Die Stringenz des Albums mag auch mit seinem neuen Producer Greg Kurstin (u. a. Adele, Lemon Twigs) zusammenhängen. Thundercats Scharnierfunktion zur L.A.-Beat- und -Rap-Szene wird im ersten Drittel abgehandelt. Die Tracks mit dem 2018 verstorbenen Mac Miller, mit Lil Yachty und A$AP Rocky wirken wie ein sehr gutes Intermezzo.
Ein Beweis, dass radikale Entwicklung auch Klarheit und Softness bedeuten kann
Danach entfaltet „Distracted“ seine volle Wirkung. „What Is Left To Say“ läutet mit Rhodes und Harmoniegesang endgültig Thundercats Yacht-Rock-Phase ein. Ab hier findet man alles, von den Doobie Brothers bis Shuggie Otis, Sly Stone bis Zappa. „Walking On The Moon“ erinnert an Air und Arthur Russell. „This Thing We Call Love“ mit Channel Tres ist gefälliger Analog-House, „ThunderWave“ mit Willow eine matt glänzende Synthpop-Ballade, die auch Solange und Blood Orange gut gestanden hätte.
Den Kontrapunkt zu den Retro-Vibes setzen die Inhalte: Technologisch verstärkte Selbstzweifel und Gedankenspiralen. Fehlkommunikation zwischen Freunden und Liebespartnern. Die Musik wird zum Ruheraum im Bombardement der Zeichen. Perfekt umgesetzt wird das zum Schluss: In „A.D.D. Through The Roof“ mutiert der Titel zum Mantra, das die schwirrenden Bassläufe einfängt. „Distracted“ hat alles, was Thundercat aus- und einzigartig macht. Doch diesmal kommt seine virtuose Verspieltheit dem Songwriting nie in die Quere. Ein Beweis, dass radikale Entwicklung auch Klarheit und Softness bedeuten kann.