Tipp: Eine neue Freundin Regie: François Ozon

Weltkino Kinostart: 26.3.

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Ein Lippenstift fährt über ihren sinnlichen Mund, ein Mascara­stift zeichnet ihre langen Wimpern nach, blonde Haare umrahmen ihr schönes Gesicht. Ihre blauen Augen leuchten wie Saphire. Sie trägt ihr weißes Hochzeitskleid, dessen Schleifchen und Bändchen von fremden Händen festgezurrt werden. Dann fährt eine Hand über ihre Augen und schließt sie. Da erst wird uns Zuschauern klar: Dieses Bild von einer Frau ist leblos.

Laura (Isild Le Besco) liegt, so sehen wir nach dem Schnitt, aufgebahrt in einem weißen Sarg vor dem Altar, daneben steht Claire (Anaïs Demoustier) und erinnert sich an ihre beste Freundin. Wie sie sich in der Schule kennenlernten, sie, die Burschikose, und Laura, die Makellose, deren weibliche Schönheit Claire schon bewunderte, als sie sie in Kinderzeiten auf der Schaukel anschob und ihre langen Haare im Wind wehten. Irgendwann hatte sie Laura nicht mehr für sich allein, denn die Jungs hatten sie entdeckt, umschwirrten sie, brachen ihr das Herz. Laura heiratete schließlich David (Romain Duris), sie bekamen eine Tochter, Lucile, und die junge Mutter starb kurz darauf. Claire heiratete Gilles (Raphaël Personnaz) – doch den Bund fürs Leben hatte sie bereits mit ihrer Freundin geschlossen. Sie habe ihr geschworen, nach ihrem Tod immer für die kleine Lucile und David da zu sein, sagt sie neben dem Sarg stehend – ohne sich da schon über das volle Ausmaß ihres Gelübdes bewusst zu sein.

Claire versinkt in Trauer. Es vergeht eine Woche, bis sie sich zu Witwer und Kind aufmachen kann. Doch als sie das große, luxuriöse Haus betritt, glaubt sie eine Erscheinung zu haben: Auf dem Sofa, im warmen Licht sitzt eine junge blonde Frau, schön wie Laura, und wiegt das kleine Mädchen. Erst als sie sich umdreht, erkennt Claire: Es ist David, der sich eine Perücke aufgesetzt und eines von Lauras Kleidern angezogen hat. Er gesteht, die Leidenschaft, sich als Frau zu kleiden, habe er schon vor seiner Ehe gekannt, erst durch Lauras Weiblichkeit sei sie erloschen, nun kehre sie zurück.

Claire ist zunächst geschockt, doch bald merkt sie, dass Davids neue Erscheinung in drag ihr bei der Trauer um die verlorene Freundin hilft. Sie tauft David in ihren Handy-Kontakten auf den Namen Virginia, um gegenüber Gilles ob der vielen Anrufe nicht den Verdacht zu erwecken, sie habe eine Affäre mit dem Witwer.

Die beiden gehen zusammen shoppen, und David scheint in der Rolle als Virginia aufzublühen. Verbunden durch ein gemeinsames Geheimnis, entwickeln sie eine Freundschaft, die von außen betrachtet wie ein Spiel um Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit erscheint: Virginia bewundert Claire für ihre natürliche Weiblichkeit, Claire ist überfordert von der Offenheit ihrer neuen Freundin, die ihre „weiblichen“ Reize zur Schau stellt, und fügt sich schließlich – wie schon in ihrer Freundschaft zu Laura – in den männlichen Part dieser Beziehung. Während der gutherzige, aber auch etwas einfach gestrickte und sehr maskuline Gilles die Welt nicht mehr versteht, werden aus den zwei Freundinnen Liebende, die aneinander das begehren, was sie selbst nicht haben: das Andere, das in beiden Fällen weiblich ist.

Die Kurzgeschichte „The New Girlfriend“ der britischen Krimiautorin Ruth Rendell, die diesem Film zugrunde liegt, scheint wie geschaffen für den französischen Regisseur François Ozon („ Swimming Pool“, „8 Frauen“), der es liebt, Leib und Lüste im Allgemeinen, schwache Männer- und starke Frauenfiguren in all ihrer Weiblichkeit im Besonderen zu inszenieren, das sexuell Verquere und das Schrille, das Unbewusste und das Perverse, das Niedere und das Großbürgerliche zu vereinen, und seine Vorbilder Pedro Almodóvar, Alfred Hitchcock, Claude Chabrol, Douglas Sirk und Rainer Werner Fassbinder zusammenzudenken.

„Eine neue Freundin“ beginnt mit großer emotionaler Wucht und entwickelt sich zu einem komplexen und geistreichen filmischen Versuch über die Konstruktion von Geschlechteridentitäten. Romain Duris, ein schöner Mann und eine anmutige Frau mit allerdings sehr männlich kantigem Kinn, spielt seine Rolle ähnlich feinnervig wie Melvil Poupaud den Crossdresser Laurence in Xavier Dolans opulentem „Laurence Anyways“ – doch wo das Regie-Wunderkind auf Pomp und Melodram setzt, inszeniert Ozon seinen Protagonisten dezent, mit Leichtigkeit und Witz, sodass Davids körperliche und emotionale Entfaltung niemals die subtilere, in vielerlei Hinsicht sogar spannendere Entwicklung der von Demoustier wunderbar zögerlich gespielten Claire überdeckt, die schließlich auch in die schöne Pointe des Films mündet. François Ozon bleibt ein Frauenregisseur. Und was für einer!

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